WEST­AST NEWS

 

WEST­AST  NEWS 

 

WOL­LEN WIR EIN VER­KEHRS­KNO­TEN­PUNKT WER­DEN?

Auf Erstaun­li­ches stösst, wer auf der Web­site der Stadt Biel in der erst kürz­lich auf­ge­schal­te­ten neuen Bro­schüre zur Bie­ler Stadt­ent­wick­lung stö­bert. 

Auf Seite 51 des reich bebil­der­ten Kata­logs fürs Stand­ort-Mar­ke­ting wird ver­heis­sungs­voll in Aus­sicht gestellt:

«Mit Inbe­trieb­nahme der Gesamt­um­fah­rung 2017 (Ost­ast) bzw. 2030 (West­ast) wird Biel zu einem eigent­li­chen Kno­ten­punkt für den Ost-West und Nord-Süd­ver­kehr in der Schweiz aus­ge­baut.»

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Biel anno 2030 – das Auto­bahn­dreh­kreuz der Schweiz? So etwas kann nur Stadt­mar­ke­ting-Leu­ten in den Sinn kom­men.

Zum Glück wird die Suppe nicht ganz so heiss geges­sen, wie in der Werbe-Bro­schüre ver­spro­chen. Wer etwas wei­ter blät­tert, fin­det näm­lich auf Seite 53 Erstaun­li­ches: Hier wird in Aus­sicht gestellt, dass 2018 – also noch in die­sem Jahr! – mit dem Bau des A5-West­asts begon­nen wer­den soll. So etwas erzäh­len in Biel wirk­lich nur noch die Stadt­ver­mark­ter.

Für ein­mal stel­len wir mit Erleich­te­rung fest: Hier han­delt es sich um Fake News bien­noi­ses– zum Glück!

Vor­läu­fig sind die Behör­den näm­lich noch voll­auf damit beschäf­tigt, die 650 Ein­spra­chen, die gegen das Pro­jekt ein­ge­gan­gen sind, zu bear­bei­ten und zu beant­wor­ten. Es dürfte noch Jahre dau­ern, bis die Bag­ger auf­fah­ren – wenn es über­haupt je soweit kommt.

 

VER­KERHS­KNO­TEN­PUNKT = STAU, STAU, STAU

 


 

EILE MIT WEILE

Wer erin­nert sich? – Anfang Januar 2017 – vor mehr als einem Jahr –  stell­ten die Behör­den von Biel und Nidau ihre «städ­te­bau­li­che Begleit­pla­nung» zum A5-West­ast vor und rie­fen die Bevöl­ke­rung zur Mit­wir­kung auf. Dies Monate, bevor die Details zum Aus­füh­rungs­pro­jekt der Stadt­au­to­bahn bekannt waren.

Schon damals wurde kri­ti­siert, dass die­ses Vor­ge­hen unsin­nig sei. Die Mit­wir­kungs­ein­ga­ben muss­ten damals vor Mitte März fer­tig­ge­stellt sein. 

Seit Mona­ten war­ten all jene, die sich damals im Rah­men der Mit­wir­kung enga­giert haben, auf eine Ant­wort. Diese Woche wur­den sie – nach einem ers­ten Brief im August 2017 –  erneut ver­trös­tet: Am 12. Februar ver­schick­ten die Behör­den an alle, die sich damals die Mühe zum Mit­wir­ken genom­men hat­ten, einen Brief, mit dem sie noch­mals um Geduld bit­ten. Das Ergeb­nis des Ver­fah­rens soll nun Mitte Mai 2018 bekannt gege­ben wer­den.

Man kann gespannt sein, auf die­ses «Ergeb­nis» – ange­sichts der anste­hen­den Grund­satz­de­batte um den A5-West­ast in und um Biel…

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UND SIE BEWEGT SICH DOCHDIE STADT BIEL

Der Gemein­de­rat der Stadt Biel ist bereit, sich für den Erhalt des Maschi­nen­mu­se­ums Centre Mül­ler ein­zu­set­zen. Dies steht in der Stel­lung­nahme zur Peti­tion «Das Maschi­nen­mu­seum Centre Mül­ler darf dem A5-West­ast nicht geop­fert wer­den», die im letz­ten Herbst ein­ge­reicht wurde. Zur Erin­ne­rung: Am Tag der offe­nen Tür, sam­mel­ten die Betrei­ber des Maschi­nen­mu­se­ums unter den Besu­che­rIn­nen rund 300 Unter­schrif­ten, die in der Folge der Stadt über­reicht wur­den. In der heute ver­öf­fent­li­chen Medi­en­mit­tei­lung steht u.a.: «Der Gemein­de­rat teilt die Auf­fas­sung der Peti­tio­näre, dass das Maschi­nen­mu­seum eine ein­ma­lig Samm­lung his­to­ri­scher Maschi­nen beher­bergt, die für das kol­lek­tive Gedächt­nis rund um die Indus­tria­li­sie­rung von gros­ser Bedeu­tung ist. (…) Der Gemein­de­rat wird sich daher im Rah­men sei­ner Mög­lich­keit dafür ein­set­zen, dass das Maschi­nen­mu­seum der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit an sei­nem jet­zi­gen oder einem ande­ren geeig­ne­ten Stand­ort erhal­ten bleibt.»

Diese Ant­wort löste bei der Mul­ler Machi­nes SA, der Besit­ze­rin und Betrei­be­rin des Centre Mül­ler, grosse Freude aus. «Natür­lich ste­hen bei uns die Expo­nate im Zen­trum», sagt Monica Meyer-Büh­ler, Mit­glied der Geschäfts­lei­tung und ver­ant­wort­lich für das Museum. «Aber auch der ein­ma­lige Stand­ort zwi­schen Bahn­hof und See spielt eine wich­tige Rolle. Wir möch­ten gerne hier blei­ben und fän­den es äus­serst schade, wenn der A5-West­ast tat­säch­lich gebaut würde, wie aktu­ell geplant, Und wir hier wäh­rend 15 Jah­ren eine Bau­stelle hät­ten.»  

 

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GRUND­SATZ­FRAGE STATT TUN­NEL­BLICK!

Die Januar-Aus­gabe der Archi­tek­tur­zeit­schrift Hoch­par­terre wid­met der West­ast-Geschichte von und um Biel zwei Dop­pel­sei­ten und sogar das Edi­to­rial. 

Für alle, die (noch) kei­nen Zugriff zum Heft oder zu den Online-Arti­keln hat­ten, hier exklu­siv die gesamte Aus­le­ge­ord­nung:

Im Edi­to­rial for­dert Rahel Marti «Mut zur Lücke»: Sie fragt, wie zeit­ge­mäss es heute noch sei, auf der «lücken­lo­sen» Fer­tig­stel­lung des 1960 beschlos­se­nen Natio­nal­stras­sen­net­zes zu behar­ren. Ihr Fazit: «Geschei­ter wer­den ist erlaubt.»

Auf den Sei­ten 35/36 wirbt dann Bene­dikt Lode­rer, Hoch­par­terre-Mit­be­grün­der, Mit­glied der Gruppe «Städ­te­bau» vom Komi­tee «West­ast so nicht!» sowie Ver­tre­ter der Grü­nen im Bie­ler Stadt­par­la­ment für das Tun­nel-Pro­jekt «West­ast so bes­ser!» 

Dass dies nicht die ein­zige – und wohl auch nicht die beste – Alter­na­tive zum offi­zi­el­len West­ast-Pro­jekt ist, erfährt man schliess­lich auf der fol­gen­den Dop­pel­seite: Ver­schie­dene wei­tere Alter­na­tiv­vor­schläge wer­den prä­sen­tiert, sowie die For­de­rung nach einer zukunfts­ori­en­tier­ten Pla­nung und der Erhe­bung von Ver­kehrs­da­ten als Basis für das wei­tere Vor­ge­hen. Dazu die Bie­ler Archi­tek­tin Cathe­rine Preis­werk: «Unser Mobi­li­täts­ver­hal­ten wird sich dras­tisch ver­än­dern. Wir haben die Chance, dem gerecht zu wer­den und ein vier­zig­jäh­ri­ges Ver­kehrs­kon­zept zu über­den­ken.» Und der Kom­men­tar for­dert fol­ge­rich­tig eine Stand­ort­be­stim­mung: «Es darf nicht sein, dass mehr als zwei Mil­li­ar­den Fran­ken ver­locht wer­den für einen über­di­men­sio­nier­ten, sie­ben Kilo­me­ter kur­zen Auto­bahn­ab­schnitt, der mit Blick auf das Natio­nal­stras­sen­netz höchs­tens drittran­gig ist. Dafür ist auch jene Mil­li­arde zu viel, die der zwei­spu­rige Tun­nel von «West­ast so bes­ser!» kos­ten würde.

 

 


 

 

 

UNSER BIEL 2038

Ein Text von Mar­tín Zingg, Gym­na­si­ast, Jung­un­ter­neh­mer und Gross­rats­kan­di­dat: 

«Soll­ten sich diese Stim­men durch­set­zen, wel­che aus Biel ein Neu­Zü­rich machen wol­len, wird unsere Stadt nicht mehr wie­der zu erken­nen sein: Der berühmte «Chessu», oder AJZ wie er zur Grün­dungs­zeit vor 50 Jah­ren genannt wurde, ist durch die Ober­klas­se­woh­nun­gen ver­trie­ben wor­den. Zwar kommt man mit dem West­ast, wel­cher gerade fer­tig gebaut wird, etwas schnel­ler nach Biel – es gibt jedoch weni­ger Gründe, Biel zu besu­chen.

(…)

Ich glaube nicht, dass sich jene Stim­men durch­set­zen wer­den. Diese Bestre­bun­gen, aus Biel ein Neu­Zü­rich zu machen, sind eher tem­po­rä­rer Natur. Das Pro­blem ist, dass sie lang­fris­tig Scha­den anrich­ten kön­nen: Ent­schei­det man sich heute für den West­ast, bringt es nichts, die­sen Ent­scheid in 10 Jah­ren zu bedau­ern. Und die­ses Bedau­ern wird kom­men! Dann­zu­mal könnte ich höchs­tens die­sen Arti­kel aus­dru­cken und sagen: «Ich habe es euch ja gesagt». Aber was bringt es mir? Viel lie­ber setzte ich mich jetzt für ein Biel ein, wel­ches inno­va­tiv bleibt und sei­nen eige­nen Weg geht. Denn das ist in mei­nen Augen das Beste, was diese Stadt machen kann.»

 

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«LA BIU»:

LEBEN, WO PARK­PLÄTZE GEPLANT WAREN

 

©Anita Vozza 2018

Eine schmale Holz­treppe führt in den ers­ten Stock, wo sich lin­ker­hand die Küche mit dem Gemein­schafts­raum befin­det. Über der Theke hängt eine ein­drück­li­che Anzahl Pfan­nen, an der Wand ein gut bestück­tes Gewürz­re­gal. Dane­ben einige Obst­kis­ten mit sai­son­ge­rech­ten Gemü­se­vor­rä­ten: Lauch, Kabis und Rüebli, die schon bes­sere Zei­ten gese­hen haben… Hier wird offen­bar oft und lei­den­schaft­lich gekocht.

Auf einem alten Sofa liegt die aktu­elle WOZ, mit­ten im Raum ein Tög­ge­li­kas­ten, an der Wand eine Dart-Ziel­scheibe und ein Kle­ber mit der Auf­schrift «The Rich are ugly». Es ist Mon­tag­abend, kurz vor 19 Uhr. Nach und nach tref­fen die Haus­be­woh­ne­rIn­nen ein. Man­che beglei­tet von ihren Hun­den. Antoine angelt sich ein Schreib­heft, das neben der Küchen­ab­lage depo­niert ist: Er ist heute für das Pro­to­koll zustän­dig.

Der Anthro­po­loge und Schrift­stel­ler Antoine Rubin lebt seit fünf Jah­ren im alten Dop­pel­mehr­fa­mi­li­en­haus am Wydenau­weg 40. Vor gut zehn Jah­ren war das Haus vom Kol­lek­tiv La Biu besetzt wor­den, um des­sen Abbruch zu ver­hin­dern – heute haben die Bewoh­ne­rIn­nen einen Miet­ver­trag mit dem Kan­ton…

 

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ALTER­NA­TIVE ZUM A5-WEST­AST:

WIDER DIE HOR­NOCH­SEN­ROUTE

Die Poli­tik und das West­ast-Komi­tee schei­nen in Sachen Auto­bahn-Opti­mie­rung  trotz früh­lings­haf­ter Tem­pe­ra­tu­ren in tie­fem Win­ter­schlaf zu ver­har­ren. Doch es gibt sie noch, die Leute, die an wei­te­ren Opti­mie­run­gen arbei­ten. Weil auch «West­ast so bes­ser!» nicht gut genug ist…

Unter dem Motto «A5-Direct» feilte Leo Hor­la­cher, Inge­nieur und vom West­ast direkt Betrof­fe­ner, an sei­nem Vor­schlag zur Rou­ten-Opti­mie­rung.

Seine Bot­schaft: Es gibt einen Weg, um den Beschluss des Schwei­zer Vol­kes betref­fend das Natio­nal­stras­sen­netz im Bereich der A5 fer­tig­zu­stel­len: Die­ser Weg ist 2,6 km kür­zer als der geplante Weg am Nord-West­ufer des Bie­ler­sees, also genau um die Länge des unnö­ti­gen A5-West­asts, sowie  des Pro­jekts «West­ast so bes­ser!»

Wei­tere Vari­an­ten und Vor­schläge rund um den West­ast in und um Biel

 

 


 

WEST­AST IST ÜBER­FLÜS­SIG!

Zwei Monate nach der Eröff­nung der Ost­ast-Auto­bahn in Biel zog das Bie­ler Tag­blatt eine erste Bilanz: Das befürch­tete Chaos in und um Biel ist aus­ge­blie­ben! So hatte etwa Ste­fan Krat­ti­ger, Gemein­de­prä­si­dent von Aeger­ten und Prä­si­dent der Kon­fe­renz Agglo­me­ra­tion Biel des Ver­eins Seeland.biel/bienne vor der Eröff­nung des Ost­asts pro­gnos­ti­ziert: «Im Bereich des feh­len­den West­asts könnte es an gewis­sen Stel­len und zu gewis­sen Zei­ten 40 bis 50 Pro­zent mehr Ver­kehr geben.» Heute stellt er fest, dass dies nicht ein­ge­trof­fen ist und sagt, die bis­he­ri­gen Erfah­run­gen seien grund­sätz­lich posi­tiv. Wo Schleich­ver­kehr beob­ach­tet wird, wie etwa in Bell­mund oder Port, kann die­sem mit ver­kehrs­len­ken­den Ein­grif­fen Ein­halt gebo­ten wer­den. Das sind rela­tiv ein­fa­che und kos­ten­güns­tige Mass­nah­men – die viel Wir­kung zei­gen!

Fazit: Ange­sichts der aktu­el­len Ver­kehrs­si­tua­tion erscheint es unsin­ni­ger denn je, über zwei Mil­li­ar­den Fran­ken aus­zu­ge­ben für eine stadt­zer­stö­re­ri­sche Auto­bahn, die nie­mand braucht! Diese würde nur zusätz­li­chen Ver­kehr anzie­hen und damit neue Staus pro­vo­zie­ren. Was bekannt­lich nie­mand will…

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IMMER MEHR.…

Ein Arti­kel im  «Bund» über die Auto­bahn-Pla­nung in Bern zeigt ein­mal mehr in aller Deut­lich­keit: Neue Stras­sen­in­fra­struk­tur schafft neue Pro­bleme. Und noch immer weiss man beim ASTRA nichts Bes­se­res, als diese mit einem wei­te­ren Aus­bau der Ver­kehrs-Infra­struk­tur anzu­ge­hen…

Der dop­pel­stö­ckige Krei­sel im Wank­dorf ist bereits immens. Geht es nach dem ASTRA, soll künf­tig ein rie­si­ges Anschluss­bau­werk dort regel­mäs­sig auf­tre­tende «ver­kehr­li­che Eng­pässe» lösen. Damit ist eine wei­tere Zunahme des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs vor­pro­gram­miert. Wes­halb wohl mit­tel­fris­tig, nebst dem Fel­sen­au­via­dukt, eine zweite Auto­bahn­brü­cke über das Aare­tal gebaut wer­den müsse, so der zustän­dige Mann beim ASTRA

In die­sem Zusam­men­hang sei noch ein­mal an die Fest­stel­lung des Ver­kehrs­ex­per­ten Klaus Zwei­brü­cken erin­nert. Der das Pro­blem mit dem lau­fen­den Infra­struk­tur-Aus­bau auf den Punkt bringt: «Die­ser Ansatz ist eigent­lich längst geschei­tert: Seit 50 Jah­ren bauen wir Stras­sen und haben damit keine Stras­sen­ver­kehrs­pro­bleme gelöst. Im Gegen­teil, diese Pro­bleme sind immer grös­ser gewor­den, weil jede Strasse ja auch wie­der neuen Ver­kehr erzeugt. Und einen Anreiz schafft, das Auto zu benut­zen.» 

 

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KEINE DRING­LICH­KEIT

Zur Erin­ne­rung: Mit­glie­der des Komi­tees «Pro-A5-West­ast» reich­ten Mitte Novem­ber 2017 im Bie­ler Stadt­rat eine dring­li­che Inter­pel­la­tion und im Gros­sen Rat eine dring­li­che Motion ein. Die iden­tisch for­mu­lier­ten par­la­men­ta­ri­schen Vor­stösse for­dern einen «Fak­ten-Check» der zei­gen soll, ob die Ver­spre­chun­gen des Pro­jekts «West­ast so bes­ser!» rea­lis­tisch sind – und dem Ver­gleich mit dem offi­zi­el­len Pro­jekt stand­hal­ten.

So schnell, wie sich das die Motio­näre vor­ge­stellt haben, geht’s nun aber offen­bar nicht: Auf kan­to­na­ler Ebene wurde der Antrag auf «Dring­lich­keit» abge­lehnt. Das heisst: Es dürfte noch etwas dau­ern, bis der Grosse Rat über die Motion abstimmt.

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NO COM­MENT

 

«Als Stadt­prä­si­dent einer stol­zen Indus­trie­stadt stelle ich immer wie­der fest, dass bei der ein­fa­chen Arbei­ter­schaft der Besitz eines Autos immer noch ein wich­ti­ges Sta­tus­sym­bol ist. Wer sich ein Auto leis­ten kann, hat es geschafft; so eine weit ver­brei­tete Überzeugung. Der frei­wil­lige Ver­zicht auf ein Auto und der Besitz eines Gene­ral­abon­ne­ments sind eher Sym­bol höherer Schich­ten aus dem Bil­dungs­bür­ger­tum.(..)

Es gibt immer wie­der Leute, wel­che davon aus­ge­hen, dass man den Auto­ver­kehr quasi per Dekret redu­zie­ren kann. Daran glaubt der Gemein­de­rat der Stadt Biel nicht.»

aus der Eröff­nungs­an­spra­che zum A5-Ost­ast, 27.10.2017

Ein­spruch oder doch eine Art Kom­men­tar:

«In der Tat: das Motor­fahr­zeug ist für den klei­nen Mann ein Sym­bol ver­meint­li­cher Frei­heit ( Frei­heit ver­stan­den als Mobi­li­tät). Je unfreier er wird, je unzu­kömm­li­cher die Wohn­ver­hält­nisse, Arbeits­wege, Arbeits­be­din­gun­gen, je ein­ge­eng­ter, abhän­gi­ger der Mensch schon von Kind­heit an leben muss, desto ver­zwei­fel­ter klam­mert er sich an die Schein­frei­heit sei­nes pri­va­ten Vehi­kels. Thema Nr. 1 des heu­ti­gen Klein­bür­gers ist des­halb immer wie­der das Auto, sind die Ver­kehrs­ver­hält­nisse, der Ärger über die Ver­kehrs­er­schwer­nisse und (man­gelnde) Park­plätze. Das Auto ist zum Opium des Vol­kes gewor­den, das die Bewusst­wer­dung der poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Ursa­chen unse­rer zuneh­men­den Unfrei­heit ver­ne­belt.»

Kurt Marti, Ber­ner Schrit­stel­ler-Pfar­rer, Noti­zen und Details, S.456

 


 

 

ALTER WEIN IN ALTEN SCHLÄU­CHEN  

«Das Duell um die bes­sere Auto­bahn» titelte das Bie­ler Tag­blatt am 25. Novem­ber 2017. Nun sind wir also wie­der zurück auf Feld eins: Wie vor 10 Jah­ren debat­tie­ren Poli­ti­ker und Pla­ner in Biel erneut über West­ast-Vari­an­ten mit­ten durch die Stadt. Wie vor zehn Jah­ren hütet man sich davor, das Pro­jekt des A5-West­asts grund­sätz­lich zu hin­ter­fra­gen.

Zwei Sei­ten lang kreu­zen Peter Boh­nen­blust, Co-Prä­si­dent des West­ast-Pro-Komi­tees und Daniel Sig­rist, Vor­stands­mit­glied des Komi­tees «West­ast so nicht» die Klin­gen. Die bei­den sind alte Bekannte: Sowohl Sig­rist wie Boh­nen­blust sas­sen in der Begleit­gruppe, die Regie­rungs­rä­tin Bar­bara Egger anno 2008 ein­ge­setzt hatte, um der West­ast-Pla­nung ein demo­kra­ti­sches Män­tel­chen zu ver­pas­sen.

Ein geschick­ter Schach­zug, der nach­hal­tig gelun­gen ist: Sämt­li­che Par­teien – von den Grü­nen über die SP bis zur SVP sowie die Schutz­ver­bände, vom VCS über die IG Velo bis zum Hei­mat- und Land­schafts­schutz, lies­sen sich damals ein­bin­den. Das Motto lau­tete: Keine Fun­da­men­tal­op­po­si­tion gegen die Auto­bahn. Statt­des­sen kon­struk­tive Mit­ar­beit zur Opti­mie­rung des Pro­jekts.

Also zeigte man sich koope­ra­tiv und machte in der Begleit­gruppe mit. Diese war aller­dings von Anfang an ein blos­ses Abnick­gre­mium, wie Sit­zungs­teil­neh­me­rIn­nen aus allen Lagern ein­stim­mig bestä­ti­gen. Trotz­dem wer­den Leute wie Boh­nen­blust nicht müde zu behaup­ten, dass das vor­lie­gende West­ast-Pro­jekt «in einem lan­gen demo­kra­ti­schen Pro­zess ent­wi­ckelt wurde.»

Ein Pro­jekt nota­bene, das schon damals ver­al­tet war, und ange­sichts des­sen Gigan­tis­mus sämt­li­che Alarm­glo­cken hät­ten läu­ten müs­sen. In Biel jedoch scheint die Angst, als Auto­has­ser gebrand­markt zu wer­den, bis heute den gesun­den Men­schen­ver­stand ab und zu aus­ser Kraft zu set­zen. So beto­nen sogar Grüne und Velo-Poli­ti­ke­rIn­nen immer wie­der unge­fragt und ohne Not, dass sie nichts gegen Autos und Auto­fah­rer hät­ten.

Und lie­fern nun, mit dem Auto­bahn­pro­jekt «West­ast so bes­ser!», den Tat­be­weis. Aller­dings spie­len sie das Spiel wie­der mit, bei dem sie in der Ver­gan­gen­heit bereits mit abge­säg­ten Hosen da stan­den: Das Feil­schen zwi­schen zwei Pro­jek­ten um die «bes­sere Auto­bahn» ist eine gewagte Stra­te­gie. Zumal man aktu­ell mit einer Ide­en­skizze gegen ein Pro­jekt antritt, in des­sen Pla­nung bereits Mil­lio­nen inves­tiert wur­den. Und den Befür­wor­tern ohne es zu mer­ken eine Steil­vor­lage lie­fert: Diese ver­kün­den als Pos­tu­lan­ten näm­lich schon froh­ge­mut: Das Gute an «West­ast so bes­ser!» sei die Tat­sa­che, dass bei die­sem Vor­schlag «die Not­wen­dig­keit einer Auto­bahn nicht mehr bestrit­ten wird.»

Warum soviel Zeit und Krea­ti­vi­tät in ein So-bes­ser-Pro­jekt ver­lo­chen, von dem des­sen Erfin­der sel­ber sagen: «Grund­sätz­lich ist der West­ast falsch. Wer Stras­sen sät, wird Ver­kehr ern­ten»?

Oder, wie es Klaus Zwei­brü­cken, Pro­fes­sor für Ver­kehrs­pla­nung auf den Punkt gebracht hat: «Was wir in Biel aktu­ell sehen, ist der Infra­struk­tur-Ansatz, wo man ver­sucht, mit Stras­sen­aus­bau­ten Pro­bleme zu lösen. Die­ser Ansatz ist eigent­lich längst geschei­tert: Seit 50 Jah­ren bauen wir Stras­sen und haben damit keine Stras­sen­ver­kehrs­pro­bleme gelöst. Im Gegen­teil, diese Pro­bleme sind immer grös­ser gewor­den, weil jede Strasse ja auch wie­der neuen Ver­kehr erzeugt. Und einen Anreiz schafft, das Auto zu benut­zen.»

Wann, wenn nicht jetzt, nach der erfolg­rei­chen Eröff­nung des A5-Ost­asts, wäre der rich­tige Moment um inne­zu­hal­ten und das Ganze noch ein­mal grund­sätz­lich anzu­ge­hen?

Es wäre höchste Zeit für die Ein­sicht, dass es keine rich­tige Lösung gibt, im fal­schen Pro­jekt.

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VIER STOSS­RICH­TUN­GEN

Am 7. Novem­ber 2017 stellte die Arbeits­gruppe «Stadt­pla­nung» des Komi­tees «West­ast so nicht!» ihren Alter­na­tiv­vor­schlag zum aktu­el­len West­ast-Aus­füh­rungs­pro­jekt vor.  Damit wurde nun eine wei­tere Alter­na­tive zum umstrit­te­nen A5-Aus­füh­rungs­pro­jekt ins Gespräch gebracht. 

Auf dem Tisch liegt bekannt­lich eine Anzahl von Vari­an­ten mit unter­schied­li­chen Ansät­zen und pro­gnos­ti­zier­ten Wir­kun­gen. Seit dem fata­len Ent­scheid der Arbeits­gruppe Stöckli im Jahr 2010, hat sich die Poli­tik jedoch gewei­gert, über Alter­na­ti­ven zu dis­ku­tie­ren.

Erst in den letz­ten Wochen haben die Behör­den – wenn auch nicht ganz frei­wil­lig – end­lich Dis­kus­si­ons­be­reit­schaft signa­li­siert. Diese Situa­tion sollte genutzt wer­den. Nicht für eine erneute Ent­we­der-Oder-Lösung. Son­dern dafür, dass die ver­schie­de­nen Vari­an­ten, die in den letz­ten Jah­ren von diver­sen enga­gier­ten Fach­leu­ten ent­wor­fen wur­den, end­lich genauer ange­schaut und gegen­ein­an­der abge­wo­gen wer­den.

In einem demo­kra­ti­schen, par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess, der die­sen Namen ver­dient. Mit einer unab­hän­gi­gen, neu­tra­len Fach-Mode­ra­tion.

Auf dem Tisch lie­gen vier Stoss­rich­tun­gen:

1. Das Aus­füh­rungs­pro­jekt «A5-West­um­fah­rung Biel» 

2. Tun­nel­va­ri­an­ten ohne inner­städ­ti­sche Auto­bahn­an­schlüsse 

3. Ver­la­ge­rung der Haupt­achse durchs Grosse Moos 

4. Len­ken statt aus­bauen.

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WEST­ASTSO BES­SER?

Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Die Pla­ner und Archi­tek­ten der Arbeits­gruppe «Städ­te­bau» vom Komi­tee «West­ast – so nicht!» haben ihr seit lan­ger Zeit ange­kün­dig­tes Alter­na­tiv­pro­jekt prä­sen­tiert. Es heisst: «West­ast so bes­ser!»

 

Am Mon­tag, 6. Novem­ber 2017 wurde der Vor­schlag den Gemein­de­rä­tIn­nen von Biel und Nidau vor­ge­stellt, die die Prä­sen­ta­tion offen­bar kom­men­tar­los zur Kennt­nis genom­men haben. Am Diens­tag, 7. Novem­ber wur­den die Medien ori­en­tiert, und am Abend erfuh­ren schliess­lich auch noch die Ver­eins­mit­glie­der des Komi­tees im über­vol­len Farel­saal, was die Arbeits­gruppe unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit aus­ge­heckt und lange geheim gehal­ten hatte. 

Hier die wich­tigs­ten Eck­punkte: Ein 5 Kilo­me­ter lan­ger Auto­bahn­tun­nel soll die Stadt zwei­spu­rig (im Gegen­ver­kehr) in 20 Metern Tiefe unter­que­ren. Die Stre­cke wird vom Brügg­moos bis zur Tun­nel­aus­fahrt Vingelz/Rusel exakt unter der heute bestehen­den ober­ir­di­schen Ver­bin­dungs­achse geführt.

Für die Erschlies­sung der Stadt soll die bestehende Strasse von den Weid­tei­len bis nach Vin­g­elz zu einem Bou­le­vard aus­ge­baut wer­den: attrak­tiv für den Fuss- und Velover­kehr, gleich­zei­tig aber auch Auto­bahn­zu­brin­ger und Aus­weich­stre­cke bei Sper­rung des Tun­nels. Das heisst, dass der Last­wa­gen­schwer­ver­kehr, der auf der A5 zuneh­men wird, bei Bedarf ohne grosse Behin­de­run­gen mit 40-Tön­nern auf die­sem Bou­le­vard muss zir­ku­lie­ren kön­nen.

Bes­ser sei die­ses Pro­jekt, so Archi­tekt Lars Misch­kul­nig, weil man auf die bei­den stadt­zer­stö­re­ri­schen Anschlüsse ver­zichte. Aber auch weil für den vor­ge­schla­ge­nen Auto­bahn­tun­nel vom Brügg­moos bis nach Vingelz/Rusel weder Bäume gefällt, noch Häu­ser abge­ris­sen wer­den müss­ten. 

 

Unter­tun­ne­lung des Grund­was­ser­stroms

Für die Abklä­rung der heik­len Grund­was­ser­si­tua­tion, hat der Vor­stand des Komi­tees «West­ast so nicht!» eine Stu­die in Auf­trag gege­ben. Darin kommt der Bau­in­ge­nieur Mar­tin Gysel zum Schluss, dass die Unter­que­rung der Stadt, trotz des locke­ren Bau­grunds, «mach­bar» sei. Das Risiko werde mini­miert, indem man den Tun­nel mit­tels Hydro­schild-Ver­fah­ren unter dem Haupt­grund­was­ser­strom erstelle.

Aller­dings weist er dar­auf hin, dass der Bau­grund äus­serst anspruchs­voll sei. Unter ande­rem wür­den einige Stel­len mit tie­fem Grund­was­ser vom Tun­nel­bau tan­giert, was zu Set­zun­gen füh­ren könnte. Das ist im dicht bebau­ten Stadt­ge­biet nicht tole­rier­bar. Weil der Tun­nel­vor­stoss beim gewähl­ten Bau­ver­fah­ren mit einer Mischung von Ben­to­nit und Was­ser sofort abge­dich­tet wird, werde die Röhre lau­fend sta­bi­li­siert, erklärt Gysel. Er stützt sich dabei auf seine Erfah­run­gen beim Zim­mer­berg­tun­nel in Zürich, wo die Aus­gangs­lage teil­weise ähn­lich war. Aller­dings war die heikle Stre­cke mit Locker­ge­stein unter der Stadt bei die­sem Pro­jekt um ein Viel­fa­ches kür­zer als bei der Vari­ante «West­ast so bes­ser!».

Um bösen Über­ra­schun­gen vor­zu­beu­gen, müsse man zuerst einen Pilot­stol­len unter der Stadt hin­durch erstel­len, führt Gysel wei­ter aus. Die Bau­kos­ten für den Tun­nel, inklu­sive elek­tri­scher Anla­gen, schätzt er auf rund 1,1 Mil­li­ar­den Fran­ken.

 

«Schlim­me­res ver­hin­dern» statt inno­va­tive Vari­ante

Das Alter­na­tiv­pro­jekt wirbt damit, dass weder Häu­ser noch Bäume dem «bes­se­ren West­ast» geop­fert wer­den müss­ten und die Bau­zeit gegen­über dem aktu­el­len Pro­jekt hal­biert würde.

Aller­dings wirft es auch eine Reihe von Fra­gen auf: Die Unter­que­rung der Stadt im Bereich des See­be­ckens bleibt ein Risiko. Mit dem Auto­bahn­tun­nel wer­den die Stras­sen­ka­pa­zi­tä­ten erwei­tert, was unwei­ger­lich zu Mehr­ver­kehr füh­ren wird, nament­lich auch zu mehr Tran­sit­ver­kehr. Dies ist beson­ders stos­send, weil die Fort­set­zung der A5 ent­lang dem schma­len und öko­lo­gisch sen­si­blen Nord­ufer des Bie­ler­sees schon heute pro­ble­ma­tisch ist.

«Wir wer­fen nicht alles über Bord, son­dern hal­ten uns an die Lini­en­füh­rung des bereits geneh­mig­ten Pro­jekts», begrün­det Lars Misch­kul­nig den Ent­scheid, den A5-West­ast in der vor­lie­gen­den Form nicht grund­sätz­li­cher infrage zu stel­len. So wer­den denn auch der Vin­g­el­z­tun­nel wie der Zubrin­ger rech­tes Bie­ler­see­ufer unbe­se­hen über­nom­men. «Es ist ein Pro­jekt, das Schlim­me­res ver­hin­dern will und dank finan­zi­el­ler Ein­spa­run­gen der gan­zen Schweiz etwas bringt.»

 

Eine wei­tere Vari­ante – nicht mehr und nicht weni­ger

Die Arbeits­gruppe Städ­te­bau des Komi­tees stellt in Aus­sicht, dass ihre Alter­na­tive halb soviel kos­ten würde wie das mit 2,5 Mil­li­ar­den bud­ge­tierte Aus­füh­rungs­pro­jekt. Aller­dings füh­ren sie in ihrer Auf­stel­lung nur die Kos­ten für den Tun­nel­bau auf. Unklar ist, was die Gestal­tung des Bou­le­vards und die städ­te­bau­li­chen Ent­wick­lung kos­ten, und wie diese ober­ir­di­schen Pro­jekte finan­ziert wür­den.

Mit dem Alter­na­tiv­vor­schlag «West­ast so bes­ser!» liegt nun eine wei­tere Vari­ante auf dem Tisch, mit zahl­rei­chen offe­nen Fra­gen.  Andere bereits vor­ge­stellte Vari­an­ten schla­gen Ähn­li­ches vor oder stel­len inno­va­tive Lösun­gen in einem grös­se­ren ver­kehrs­po­li­ti­schen Kon­text zur Dis­kus­sion.

Die Pla­ner vom Komi­tee «West­ast – so nicht!» for­dern nun von den Bie­ler und Nidauer Stadt­be­hör­den, dass sie sich für eine Sis­tie­rung des gel­ten­den Aus­füh­rungs­pro­jekts ein­set­zen. In der Folge sol­len Bund und Kan­ton im Rah­men eines par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zes­ses den Alter­na­tiv­vor­schlag prü­fen und wei­ter­ent­wi­ckeln.

Wäh­rend die erste For­de­rung nach Übungs­ab­bruch voll­um­fäng­lich zu unter­stüt­zen ist, greift der Vor­schlag, ein­zig die Vari­ante «West­ast so bes­ser!» wei­ter zu ver­fol­gen, ein­deu­tig zu kurz: Es ist höchste Zeit, dass sich die inter­es­sierte Bevöl­ke­rung bei Grund­satz­fra­gen ein­brin­gen kann! Dafür braucht es eine breite Dis­kus­sion. Und nicht, wie von den Behör­den bereits im Rah­men des vor­lie­gen­den Aus­füh­rungs­pro­jekt prak­ti­ziert, die Beschrän­kung der Mit­spra­che auf ein paar Ver­bes­se­run­gen an einem unbe­frie­di­gen­den Pro­jekt.

Also nicht Vogel friss oder stirb. Son­dern Vogel flieg!

 


 

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ÜBER DAS EIGENE GÄRTLI HIN­AUS DEN­KEN

Die Eröff­nung der A5-Ostastau­to­bahn Ende Okto­ber 2017 sollte für grosse Teile der Stadt Biel eine Ver­kehrs­ent­las­tung brin­gen. Das wurde von den Behör­den immer wie­der behaup­tet und ver­spro­chen. Aller­dings ist davon aus­zu­ge­hen, dass die neue Hoch­leis­tungs­strasse gleich­zei­tig neuen Ver­kehr anzie­hen wird. Ent­las­tung für einige Quar­tiere der Stadt, neue Belas­tung für andere. Glei­ches gilt für die angren­zen­den Gemein­den.

So sagte etwa Ruedi Wild, Prä­si­dent der SP Twann-Tüscherz anläss­lich einer Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung zum A5-West­ast: «Wenn am 27. Okto­ber der Ost­ast der Auto­bahn A5 eröff­net wird, mag das für Biel eine gewisse Beru­hi­gung brin­gen. Durch die Stei­ge­rung der Attrak­ti­vi­tät ist aber eine Zunahme des Ver­kehrs von und nach Twann-Tüscherz und La Neu­ve­ville – Neu­en­burg zu befürch­ten.»

Für die Eröff­nung des West­asts, so Wild wei­ter, stell­ten die Ver­kehrs­pla­ner gar 30 Pro­zent Mehr­ver­kehr in Aus­sicht. Dies würde bedeu­ten: In jede Fahrt­rich­tung im Durch­schnitt alle 6 Sekun­den ein Per­so­nen­wa­gen sowie alle zwei Minu­ten ein LKW oder Bus. «Wenn sich gewisse Bie­ler auf den West­ast freuen, legen sie eine ‚Nach mir die Sintflut’-Mentalität an den Tag», schloss der Twan­ner Poli­ti­ker seine Aus­füh­run­gen.

Dies zeigt: Die Beschrän­kung der West­ast-Kri­tik auf die bei­den inner­städ­ti­schen Anschlüsse und deren nega­tive Aus­wir­kun­gen auf das Stadt­bild, greift zu kurz. Die Kapa­zi­täts­er­wei­te­run­gen mit­tels A5-Durch­que­rung von Biel wir­ken sich auf die ganze Region aus – und beein­träch­ti­gen die wert­vol­len Kul­tur­land­schaf­ten am Bie­ler­see.

 

WEI­TER­LE­SEN

 

 


 

 

72% GEGEN DEN WEST­AST

Über 3000 Teil­neh­me­rIn­nen an der Demo gegen das West­astpro­jekt – soviele Bür­ge­rIn­nen gin­gen in Biel schon lange nicht mehr auf die Strasse! Aus die­sem Anlass wid­mete das Bie­ler Tag­blatt letzte Woche seine «Frage der Woche» ein­mal mehr der West­ast-Auto­bahn. Wie bereits in der Ver­gan­gen­heit, zei­tigte die Online-Abstim­mung auch dies­mal ein deut­li­ches Resul­tat:  Gegen den West­ast spre­chen sich 72% aus. 

WEI­TERE INFOS

 

 


 

 

«DIE LÖSUNG HEISST: LEN­KUNG»

Zweibrücken
©Hoch­schule für Tech­nik Rap­pers­wil (HSR), Bild: Adrian Guntli

Klaus Zwei­brü­cken, Pro­fes­sor für Ver­kehrs­pla­nung an der Hoch­schule Rap­pers­wil, kann über das A5-West­astpro­jekt nur den Kopf schüt­teln. Im Inter­view, das wir mit ihm letzte Woche geführt haben, sagt er dazu:

«Ich wurde schon häu­fi­ger mit sol­chen Pro­jek­ten kon­fron­tiert, bei denen städ­ti­sche Ver­kehrs­pro­bleme mit dem Bau gros­ser Stras­sen gelöst wer­den sol­len. Die bei­den letz­ten waren der Stadt­tun­nel in Rap­pers­wil und die Stadt­durch­fahrt in Zug. Beide Pro­jekte wur­den jedoch an der Urne abge­lehnt. 

Der A5 West­ast in Biel weist ähn­li­che Pla­nungs­mus­ter auf, wie die ver­wor­fe­nen Pro­jekte: Das Herz­stück ist ein Tun­nel, zunächst unter der gan­zen Stadt hin­durch, um den Auto­ver­kehr zu ent­sor­gen. Dann merkt man plötz­lich, dass auch noch Anschlüsse nötig wären, weil sonst  nur der Durch­gangs­ver­kehr den Tun­nel nutzt.

Und der Durch­gangs­ver­kehrs­an­teil ist meist gering – in Rap­pers­wil etwa beträgt er in der Innen­stadt gerade mal 13%.

Dafür lohnt sich eine so auf­wän­dige Bau­mass­nahme nicht. Des­halb die Idee, Anschlüsse zu bauen, um das Stadt­netz mehr­fach und bes­ser an die Auto­bahn anzu­bin­den. Was natür­lich nicht funk­tio­niert.

(…) In solch gut erschlos­se­nen Gebie­ten  sollte man Woh­nun­gen bauen, keine Auto­bah­nen. Auch in Biel wür­den zen­trale Teile der Stadt mit Ver­kehrs­bau­ten kaputt gemacht. Da muss ich mei­nem Kol­le­gen Kno­fla­cher schon recht geben: Das ist 1960er Jahre – nicht 21. Jahr­hun­dert. Heute ver­sucht man, den Ver­kehr zu regu­lie­ren und nicht, im besie­del­ten Bereich noch mehr Ange­bote für den Auto­ver­kehr zu schaf­fen.»

Len­ken statt bauen – die­ser Ansatz wäre sogar im Tran­sit­ver­kehr not­wen­dig und mög­lich, betont Klaus Zwei­brü­cken. Damit könnte etwa auch die A5 ent­lang des Bie­ler­sees ent­las­tet wer­den, wäh­rend der Bau des A5-West­asts auf die­ser Stre­cke mas­sive Zusatz­be­las­tun­gen zur Folge hätte.

Das Exklu­siv-Inter­view in vol­ler Länge

 

 


 

 

EIN­SPRA­CHEN: NUN IST DER KAN­TON BERN AM ZUG

 

    Am Diens­tag, 19. Sep­tem­ber fand in Bern ein wich­ti­ges Tref­fen in Sachen A5-West­ast statt: Die Ver­tre­te­rIn­nen des UVEK-Rechts­diensts haben die A5-Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen des kan­to­nal­ber­ni­schen Tief­bau­amts zu einer Sit­zung ein­ge­la­den. Laut Infor­ma­tio­nen aus dem UVEK soll­ten die 650 Ein­spra­chen, die frist­ge­recht beim UVEK ein­ge­gan­gen sind, dem Kan­ton zur Stel­lung­nahme über­reicht wer­den. Ob diese Über­gabe tat­säch­lich erfolgt ist, wurde  nicht kom­mu­ni­ziert. 

In den letz­ten Mona­ten hat das UVEK sämt­li­che Ein­spra­chen gesich­tet und geord­net. Yas­min Hostett­ler, die Juris­tin, die beim UVEK für das Pro­jekt ver­ant­wort­lich ist, stand ange­sichts des Umfangs und der Viel­schich­tig­keit der Ein­spra­chen vor kei­ner ein­fa­chen Auf­gabe: «Ich suchte lange nach einer Struk­tur, wie das Ganze bewäl­tigt wer­den kann. Nun haben wir, glaub’ ich, einen Weg gefun­den», sagte sie im Sep­tem­ber.

Weil das Pro­jekt unge­wöhn­lich umfang­reich ist und über­durch­schnitt­lich viele Ein­spra­chen ein­ge­gan­gen sind, dau­ert beim A5-West­ast alles län­ger als üblich. So wird auch der Kan­ton Bern, der nun als Gesuch­stel­ler für das Natio­nal­stras­sen­pro­jekt Stel­lung zu den Ein­spra­chen Stel­lung neh­men muss, nicht bloss wie üblich ein Monat zuge­stan­den. Yas­min Hostett­ler spricht von einer Frist von 6 bis 12  Mona­ten.

Fest steht für die Ver­ant­wort­li­chen beim UVEK, dass die Ein­spra­chen ernst zu neh­men und detail­liert zu beant­wor­ten sind. Sie erwarte vom Kan­ton Bern eine seriöse, gut begrün­dete und fun­dierte Stel­lung­nahme, betont Hostett­ler. Nöti­gen­falls kann des­halb der Kan­ton sei­ner­seits wie­der eine Frist­er­stre­ckung ver­lan­gen.

Yas­min Hostett­ler geht davon aus, dass das Ver­fah­ren viel Zeit in Anspruch neh­men wird. Nebst dem Kan­ton, der sich in den kom­men­den Jah­ren mit den Ein­spre­chen­den eini­gen müsste, wer­den auch eine Reihe von Bun­des­äm­tern für Stel­lung­nah­men bei­ge­zo­gen: All jene Bun­des­äm­ter, deren Fach­ge­biete in den Ein­spra­chen ange­spro­chen wer­den. Dazu gehö­ren nebst dem Bun­des­amt für Umwelt BAFU, des­sen Fach­gut­ach­ten zu Fra­gen wie Lärm, Grund­was­ser und Natur­schutz ein­ge­holt wer­den müs­sen, auch die Bun­des­äm­ter ARE (Raum­pla­nung), BAV (Bun­des­amt für Ver­kehr), ERI (eidg. Rohr­lei­tungs­in­spek­to­rat) und EST (eidg. Stark­strom­in­spek­to­rat).

Erst wenn beim UVEK alle Stel­lung­nah­men ein­ge­gan­gen sind – von Sei­ten des Kan­tons wie von den Bun­des­äm­tern, wer­den Yas­min Hostett­ler und ihr Team einen Ent­scheid betref­fend das vor­lie­gende A5-West­astpro­jekt fäl­len. Ihr Ziel, dass der Ent­scheid bis in fünf Jah­ren vor­liegt, bezeich­net sie sel­ber als sport­lich.

Die­sen Ent­scheid des UVEK kann dann, wer damit nicht ein­ver­stan­den ist, ans Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt und schliess­lich ans Bun­des­ge­richt wei­ter­zie­hen.

Aller­dings: Einige der 650 Ein­spre­chen­den dürf­ten bereits in abseh­ba­rer Zeit nega­tive Post erhal­ten. Aus Sicht der Behör­den sind nicht alle, die eine Ein­spra­che ver­fasst haben, auch zur Ein­spra­che berech­tigt. «Wer mehr als einen Kilo­me­ter von der geplan­ten Bau­stelle ent­fernt wohnt, hat keine Legi­ti­ma­tion mehr», sagt Yas­min Hostett­ler. Frag­lich sei auch, ob Mie­te­rin­nen und Mie­ter ein­sprache­be­rech­tigt seien, gibt sie zu beden­ken. Ange­sichts der zu erwar­ten­den lan­gen Bau­zeit und mas­si­ven Ein­griffe, handle es sich hier um Prä­ze­denz­fälle, die der Kan­ton noch ein­mal prü­fen soll.

Wir mei­nen: Es ist äus­serst stos­send, dass bei einem der­ar­ti­gen Pro­jekt, das die ganze Stadt und Tau­sende von Bewoh­ne­rIn­nen betrifft, nur die Grund­ei­gen­tü­me­rIn­nen in nächs­ter Nähe zur Ein­spra­che berech­tigt sein sol­len.  Aber so ist das Gesetz. Oder, prä­zi­ser: So wird es aus­ge­legt.

Des­halb braucht es auch andere Wege, um das Mons­ter-Pro­jekt zu bekämp­fen!

Es ist wich­tig, dass auch die Ver­ant­wort­li­chen beim Tief­bau­amt in Bern end­lich mer­ken, dass wir alle unsere Ein­spra­chen und unse­ren Pro­test ernst mei­nen!!! 

 

 


 

 

TAT­SA­CHEN

Platt­ma­chen in Biel – Was alles unter den Abbruch­ha­mer kom­men soll

 
 

     VOM WEST­AST-ABBRUCH­HAM­MER BEDROHT!

Eine gut ver­steckte trau­rige Wahr­heit. Hier die Facts.

 

 


 

 

A5-WEST­AST

«GESAMT­SCHWEI­ZE­RISCH NICHT VON GROS­SEM BELANG»

Hans Wer­der war in der Zeit von 1996 bis 2010 Gene­ral­se­kre­tär des UVEK – und damit obers­ter Chef des Bun­des­am­tes für Stras­sen (ASTRA), das für den Bau der Auto­bah­nen zustän­dig ist. Er war bekannt für sein enga­gier­tes Gestal­ten, wenn es um poli­tisch wich­tige Geschäfte ging.

In seine Amts­zeit fie­len unter ande­rem auch eine Reihe wich­ti­ger Ent­schei­dun­gen in Sachen A5: 1996 gab der Bun­des­rat zwar grü­nes Licht für den Bau des Ost­asts in Biel, das Pro­jekt für den West­ast wurde hin­ge­gen zurück­ge­wie­sen. Der zustän­dige Bun­des­rat Leu­en­ber­ger setzte sich damals per­sön­lich dafür ein, dass noch ein­mal eine Vari­ante durchs See­land – die soge­nannte See­land­tan­gente – geprüft wurde, wegen der hohen Kos­ten des West­asts und sei­ner pro­ble­ma­ti­schen Lini­en­füh­rung. Und eigent­lich die ein­zig ver­nünf­tige Vari­ante, wenn schon.

Die Initia­tive von Moritz Leu­en­ber­ger blieb aller­dings ohne Erfolg. 1999 bewil­ligte der Bun­des­rat eine nur leicht opti­mierte West­ast-Vari­ante.

Diese musste aller­dings ab 2004 total über­ar­bei­tet wer­den, da infolge der Tun­nel­brände am Gott­hard und Mont Blanc die Auf­la­gen für Auto­bahn-Anschlüsse dras­tisch ver­schärft wur­den. Das neue Gene­relle Pro­jekt wurde aller­dings, wegen der bis zu 600 Meter lan­gen offe­nen Schnei­sen mit­ten in der Stadt, von den Gemein­den vor­erst abge­lehnt. 2010 box­ten die Gemein­de­be­hör­den der Region unter der Lei­tung von Schwer­ge­wicht Hans Stöckli die heute noch gül­tige vier­spu­rige West­ast-Vari­ante durch, mit zwei gross dimen­sio­nier­ten Anschlüs­sen und offe­nen Schnei­sen mit­ten in der Stadt. Die­ses Gene­relle Pro­jekt wurde 2014 vom Bun­des­rat geneh­migt.

Eine lange, bewegte Geschichte, an die sich der Gene­ral­se­kre­tär bestimmt erin­nert, würde man den­ken. Ins­be­son­dere an die von Bun­des­rat Leu­en­ber­ger ange­ord­nete Vari­an­ten-Prü­fung, waren die bei­den doch ein star­kes Duo, das eng zusam­men­ar­bei­tete. Nicht von unge­fähr hatte man ihnen den Über­na­men «Der Dich­ter und sein Len­ker» ver­passt…

«Ein ein­ge­spiel­tes Team: Moritz Leu­en­ber­ger und sein Stabs­chef Hans wer­der» in Der Bund, 9.7.2010

Doch weit gefehlt!

Alt-UVEK-Gene­ral­se­kre­tär Hans Wer­der will sich nicht mehr erin­nern. Seine Ant­wort auf die Anfrage der IG «Häb Sorg zur Stadt» ist trotz­dem auf­schluss­reich. Sie zeigt ein­mal mehr die geringe Bedeu­tung, die das Bie­ler Auto­bahn­pro­jekt aus gesamt­schwei­ze­ri­scher Per­spek­tive hat.

Wer­der schreibt in sei­ner Mail: «Vie­len Dank für Ihre Anfrage. Lei­der kann ich Ihnen zur Geschichte der Umfah­rung Biel wenig sagen. Als Gene­ral­se­kre­tär des UVEK habe ich mich nicht seriös mit die­sem Pro­jekt befasst, denn das ASTRA ist eines von sie­ben UVEK-Ämtern und die Umfah­rung Biel war eines von vie­len Stras­sen­pro­jek­ten. Die Feder­füh­rung für das Pro­jekt lag klar beim ASTRA und beim Kan­ton Bern. Ich mag mich ein­zig daran erin­nern, dass das Pro­jekt Biel extrem lang­sam voran kam und zeit­lich immer wie­der hin­aus­ge­scho­ben wurde, weil man  sich nicht auf eine Lini­en­füh­rung eini­gen konnte. Da der Kno­ten Biel aus natio­na­ler Sicht keine zen­trale stra­te­gi­sche Bedeu­tung hatte, war diese Ver­spä­tung zwar ärger­lich, aber gesamt­schwei­ze­risch nicht von gros­sem Belang.»