Zeit für einen run­den Tisch

 

ZEIT FÜR EINEN RUNDEN TISCH!

Der Bieler Architekt und Raumplaner Kurt Rohner for­dert im Interview vom 6. Oktober 2017 einen run­den Tisch, um Varianten zum A5-Westastprojekt breit und demo­kra­tisch zu dis­ku­tie­ren. Ein Vorschlag, der Sinn macht – und höchste Zeit, dass er umge­setzt wird! Diskussionsmaterial in Form prü­fens­wer­ter Ideen und Vorschläge liegt längst in Hülle und Fülle vor. Das wis­sen auch die PolitikerInnen und Behörden.

Leider wur­den alter­na­tive Lösungsansätze, die es – ent­ge­gen anders lau­ten­der Behauptungen – seit Jahren gibt, bis anhin unter den Tisch gekehrt. Unter dem Druck der Demonstration vom 23. September erklär­ten Stadtpräsident Fehr und der Bieler Gemeinderat plötz­lich ihre Bereitschaft, «den zustän­di­gen Stellen beim Bund und Kanton alter­na­tive Lösungsvorschläge zur Prüfung wei­ter­zu­lei­ten, wenn mit die­sen die glei­chen ver­kehr­li­chen Wirkungen erzielt wer­den können.»

Fehr weist neu­er­dings dar­auf hin, dass er den seit lan­gem in Aussicht gestellte Alternativ-Vorschlag, den eine Gruppe von Architekten, Planern und Ingenieuren aus dem Umfeld des «Komitees Westast so nicht!» erar­bei­tet hat, mit Spannung erwarte.

Was der Stadtpräsident von Biel aber ver­schweigt: In den letz­ten Jahren und Monaten sind auch auf sei­nem Pult immer wie­der intel­li­gente und val­able Alternativ-Ansätze zum vor­lie­gen­den A5-Westastprojekt gelan­det. Nur: Davon wollte man im Bieler Stadthaus bis anhin nichts wis­sen. Statt sich mit den Vorschlägen und Skizzen aus­ein­an­der­zu­set­zen, stellte man die KritikerInnen lie­ber in die Ecke der ewi­gen VerhindererInnen und Nein-SagerInnen, man bezich­tigte sie des Egoismus und unter­stellte ihnen, sie hät­ten keine Alternativen oder seien zu spät damit.

Fakt ist: Alternativen wur­den nach 2010 gar nicht mehr ernst­haft in Betracht gezo­gen. Mit dem Verweis auf die «Arbeitsgruppe Stöckli», die 2010 den Basisentscheid für die heute noch gül­tige Variante mit den bei­den inner­städ­ti­schen Anschlüssen gefällt hatte. Heute weiss man, dass die­ser Entscheid alles andere als demo­kra­tisch zustande kam – und dass es von Anfang an fun­da­men­tale Kritik gege­ben hat, die – ein­mal mehr – weder berück­sich­tigt, noch kom­mu­ni­ziert wurde.

  • Bereits im Rahmen der Mitwirkung zum Generellen Projekt kri­ti­sierte etwa eine Gruppe von erfah­re­nen Baufachleuten um Hans-Rudolf Oechslin die Linienführung des A5-Westasts und bean­tragte, die Variante einer Nordumfahrung noch ein­mal zu prü­fen. Seither äus­sers­ten sich Oechslin und seine Mitstreiter regel­mäs­sig kri­tisch zu den Machenschaften rund um das Projekt – sowohl in Leserbriefen wie auch in direk­ter Korrespondenz mit den Behörden.
  • In den letz­ten Jahren haben sich auch viele andere Fachleute aus der Region Gedanken gemacht, wie eine zukunfts­fä­hige Verkehrsplanung im Seeland aus­se­hen könnte. Die «kleine Seelandtangente» etwa, wie sie der Architekt und Raumplaner Kurt Rohner im Interview vom 6. Oktober 2017 skiz­ziert hat, liegt seit Monaten auf dem Tisch.

 

  • Das Gleiche gilt für die Abklassierung der A5 zu einer Nationalstrasse 3. Klasse. Die Architekten Jürg Rihs und Rudolf Leisi haben dazu im Sommer und Herbst 2016 kon­krete Vorschläge an das Kantonale Tiefbauamt geschickt – mit Kopien an die Stadtverwaltungen von Biel und Nidau. 
  • Der Projektentwickler und Raumplaner Didier Bardet hat seine Ideenskizze «WestAst Anders» mit Ausführungen und Plänen Ende März 2017 an die Behörden und an ver­schie­dene Interessenorganisationen verschickt. 
  • Eine Studie der Zürcher Hochschule für Architektur (zhaw) hatte 2010 auf­ge­zeigt, wie der Verkehr nach Eröffnung des Ostasts auch ohne Westast bewäl­tigt wer­den könnte. Diese span­nende Arbeit wurde in einer frü­he­ren Version der A5-Website des Kantons Bern erwähnt – mit dem Hinweis, man habe die­sen Ansatz nicht wei­ter verfolgt.

Dabei zeigt gerade diese Studie auf, in wel­che Richtung eine moderne und zukunfts­fä­hige Stadt- und Verkehrsplanung gehen müsste. So betont etwa Klaus Zweibrücken, Professor für Verkehrsplanung an der Hochschule Rapperswil, dass Verkehrsprobleme heute nicht mehr mit dem ver­al­te­ten «Infrastruktur-Ansatz» ange­gan­gen wer­den soll­ten. Er plä­diert für den Ansatz «Lenken statt Bauen», wie er in immer mehr Agglomerationsgebieten mit Erfolg prak­ti­ziert wird.

Und der Wiener Verkehrsexperte Hermann Knoflacher meint zum Bieler Westast-Projekt: «Typisch für diese Art von Projektbeschrieb ist, dass hier aus­schliess­lich aus der Lenkradperspektive gedacht und gehan­delt wird. Nicht aber aus der Perspektive von Menschen, die eine lebens­werte Stadt haben wollen.»

Höchste Zeit also, für einen brei­ten Diskurs über die Entwicklung der Region Biel! Es braucht einen ech­ten demo­kra­ti­schen Prozess. Keine Alibiübungen, wie kürz­lich die Mitwirkungsfarce «Stadtidee» in Biel. Sondern einen ech­ten Prozess, wo alle Interessierten die Möglichkeit haben, sich einzubringen.

Wie solch ein Prozess initi­iert wer­den könnte, zeigt Kurt Rohner auf: Ein run­der Tisch, mode­riert von einem renom­mier­ten Fachbüro, nota­bene unab­hän­gig und ohne Interessenbindung im Kanton Bern und der Region Seeland. Der Moment ist ideal: Das Interesse der Bevölkerung an der Entwicklung der Stadt und der Region ist geweckt.

Viele Leute sind sen­si­bi­li­siert und haben sich mit der Westast-Frage aus­ein­an­der­ge­setzt. Eine Mehrheit hat klare Vorstellungen und Visionen, wie und in wel­che Richtung sich die Region ent­wi­ckeln soll. Die Menschen wol­len mit­re­den, mit­den­ken und mit­ge­stal­ten – und nicht bloss delegieren.

Text: © Gabriela Neuhaus, 9.10.2017