Kurt Rohner_6.10.2017

 
«BIEL HAT ALTER­NA­TI­VEN»

 

Der Archi­tekt und Raum­pla­ner Kurt Roh­ner kennt in und um Biel jeden Qua­drat­me­ter. Seit Jahr­zehn­ten enga­giert er sich für die Ent­wick­lung des See­lands: Ab 1970 amtete er wäh­rend 20 Jah­ren beim Kan­ton Bern als Kreis­pla­ner für das See­land, anschlies­send arbei­tete er als selbst­stän­di­ger Archi­tekt und Raum­pla­ner mit Büro in Biel.

Kurt Roh­ner ist ein pro­fun­der Ken­ner und vehe­men­ter Kri­ti­ker des vor­lie­gen­den A5-West­astpro­jekts. Er for­dert, dass man die Zeit bis zu den Ein­spra­che-Ent­schei­den nutzt, um gemein­sam nach Alter­na­ti­ven zu suchen. Und bringt sel­ber gleich zwei Vari­an­ten ins Spiel.

 Inter­view: Gabriela Neu­haus

GN: Aktu­ell lie­gen die 650 Ein­spra­chen, die gegen das A5-West­astpro­jekt beim UVEK ein­ge­gan­gen sind, beim Kan­ton, der dazu Stel­lung neh­men soll. Sie plä­die­ren nun dafür, dass man sich in der Region noch ein­mal auf­rafft, zusam­men­sitzt und alter­na­tive Lösun­gen für die Ver­kehrs­füh­rung dis­ku­tiert…

Kurt Roh­ner: Eine Ein­spra­che ist nichts Ille­ga­les, wie man­che vor­gau­keln, die uns Ver­zö­ge­rungs­tak­tik vor­wer­fen. Genauso gut, wie man­che für das Pro­jekt sind, dür­fen andere dage­gen sein oder fin­den, man könnte etwas Bes­se­res machen.

Ein­spra­chen sind Teil des Ver­fah­rens: Das Gesetz sieht vor, dass die Betrof­fe­nen bei der Auf­lage die Mög­lich­keit haben ihr Recht gel­tend zu machen. In letz­ter Instanz sind es weder die Poli­ti­ker noch die Inge­nieure mit Tun­nel­blick, die über das Pro­jekt urtei­len, son­dern Juris­ten. Diese müs­sen ent­schei­den, ob das vor­lie­gende Pro­jekt die Auf­la­gen erfüllt, wel­che die heu­tige Gesetz­ge­bung ver­langt.

Bis es soweit ist, kann es noch Jahre dau­ern. Wir haben die Wahl: Wäh­rend das Ver­fah­ren läuft, kön­nen wir uns wei­ter­hin alle gegen­sei­tig die Schuld zuwei­sen und mit roten Köp­fen auf­ein­an­der los­ge­hen. Oder aber, wir set­zen uns end­lich gemein­sam an einen Tisch und initi­ie­ren einen demo­kra­ti­schen Pro­zess. Dafür hät­ten wir jetzt genü­gend Zeit, da in den kom­men­den Jah­ren, bis die Ein­spra­che-Ent­scheide gefällt sind, eh nichts läuft.

Die­ses Anlie­gen habe ich in Leser­brie­fen sowie in direk­ten Schrei­ben, etwa an Stadt­prä­si­dent Erich Fehr, bereits mehr­mals vor­ge­bracht. Bis­her hat nie­mand dar­auf reagiert.

GN: Wie könnte die­ser Pro­zess ablau­fen?

Kurt Roh­ner: Ich erwarte von der Stadt Biel, dass sie ein neu­tra­les Büro mit der Mode­ra­tion des Pro­zes­ses beauf­tragt. Um die Unab­hän­gig­keit zu gewähr­leis­ten, müsste es wohl ein Büro aus dem Aus­land sein. Es braucht einen demo­kra­ti­schen Pro­zess, bei dem die Bevöl­ke­rung mit ein­be­zo­gen wird. Und nicht, wie in der Ver­gan­gen­heit, ein­fach eine Kom­mis­sion, die von den Her­ren Stöckli oder Fehr gelei­tet wird und bloss eine tech­no­kra­ti­sche Übung dar­stellt.

Als Vor­bild könnte der «Pla­nungs­pro­zess Schüt­zen­matte» in Bern die­nen, wo die Stadt das inter­na­tio­nal erfah­rene Ber­li­ner Büro Urban Cata­lyst enga­giert hatte. Um die künf­tige Nut­zung der zen­tral gele­ge­nen Schüt­zen­matte wird seit Jahr­zehn­ten gerun­gen: Die einen wol­len Par­k­lätze, andere eine Begeg­nungs­zone und die Drit­ten noch ein­mal etwas Ande­res… Mit Hilfe des Büros aus dem Aus­land konnte ein demo­kra­ti­scher Pro­zess mit brei­ter Betei­li­gung in Gang gebracht wer­den. Alle haben sich zusam­men­ge­tan, um gemein­sam und inter­dis­zi­pli­när Lösun­gen zu ent­wi­ckeln. Sogar Geoman­ten wur­den ein­ge­la­den, die in Pla­nungs­pro­zes­sen nor­ma­ler­weise durchs Netz fal­len.

Was wäre die Dis­kus­si­ons­ba­sis für einen sol­chen Pro­zess betref­fend die A5 in der Region Biel?

Kurt Roh­ner: Dem neu­tra­len aus­län­di­schen Büro würde man die vor­han­de­nen Pro­jekte, Pläne und Ideen vor­le­gen: Das bestehende A5-Westat­pro­jekt genauso wie den Gegen­vor­schlag, der aktu­ell vom Komi­tee «West­ast so nicht!» erar­bei­tet wird – aber auch alle ande­ren Pro­jekte und Ideen, die im Raum ste­hen. Es gibt zum Bei­spiel einen Club von 85jährigen Inge­nieu­ren aus der Region, die über das West­ast-Pro­jekt den Kopf schüt­teln und Alter­na­tiv­vor­schläge aus­ge­ar­bei­tet haben… Das alles muss zur Dis­kus­sion gestellt wer­den und in einen brei­ten demo­kra­ti­schen Pro­zess ein­flies­sen. Wir müs­sen den Bun­des­po­li­ti­kern im Natio­nal- und Stän­de­rat zei­gen, dass wir nicht nur Nein sagen, son­dern Gegen­va­ri­an­ten haben. Nach der Demo «Biel wird laut» ist es jetzt Zeit für «Biel hat Vari­an­ten».

Wel­che Vari­ante steht für Sie im Vor­der­grund?

Kurt Roh­ner: Mit der «klei­nen See­landt­an­gente»  könnte man gleich drei Flie­gen auf einen Schlag erwi­schen: 1. Ver­hin­dert sie, dass die Stadt Biel ver­saut wird, 2. kann man die Stras­sen­ka­pa­zi­tät Biel-Lyss auf vier Spu­ren aus­bauen und 3. erhält man eine ver­nünf­tige Lösung für den Anschluss der T10 an die A1.

Vom Süd­por­tal des Port­tun­nels im Jen­ser-Moos bis zum Anschluss­krei­sel der T10 in Ins sind es keine 20 Kilo­me­ter. Die zwei­spu­rige Stre­cke würde unter­ir­disch ver­lau­fen. Sie tan­giert kein ein­zi­ges Haus, so dass der Stras­sen­tun­nel im Tag­bau erstellt wer­den kann. Nach Fer­tig­stel­lung wird das Ganze über­deckt und kann wie­der land­wirt­schaft­lich genutzt wer­den. Für die Ver­luste wäh­rend der Bau­zeit wer­den die Bau­ern ent­schä­digt.

Ein wei­te­rer Vor­teil die­ser Vari­ante: Im Gros­sen Moos haben wir ja das Pro­blem, dass der Torf­bo­den absackt und das Land über kurz oder lang unfrucht­bar wird. Nun könnte man den Aus­hub, der beim Tun­nel­bau anfällt, für die Rena­tu­rie­rung der bedroh­ten Böden ein­set­zen, statt ihn weit weg auf Depo­nien zu ver­frach­ten.

Das ergibt eine echte Win-win-Situa­tion, die man den Land­wir­ten auch so kom­mu­ni­zie­ren kann. Meine Erfah­rung: Trag­bare und opti­male Lösun­gen fin­den sich nur, wenn alle Betei­lig­ten einen Nut­zen haben und mit­re­den kön­nen. Ich bin der Mei­nung, dass es solch inter­dis­zi­pli­näre Ansätze braucht, die über den Stras­sen­bau hin­aus wei­sen und Raum­pla­nung, Land- und Forst­wirt­schaft sowie Öko­lo­gie mit­ein­be­zie­hen.

Bereits vor 20 Jah­ren brachte Bun­des­rat Leu­en­ber­ger eine «alter­na­tive Vari­ante durchs See­land» ins Spiel. Die­ser Vor­schlag wurde aber sehr schnell abge­blockt…

Kurt Roh­ner: Die ursprüng­li­che Idee einer See­landt­an­gente stammt aus den 1970er Jah­ren. Als der Grosse Rat 1981 jedoch den geplan­ten Anschluss im Natur­schutz­ge­biet bei Kap­pe­len ablehnte, wurde das Land, das damals für den Stras­sen­bau reser­viert war, anders genutzt.

Als Bun­des­rat Leu­en­ber­ger 1997 eine Alter­na­tive zum West­ast ver­langte, hat man die Pläne die­ser alten See­landt­an­gente aus der Schub­lade gezo­gen. Diese war zu die­sem Zeit­punkt schon nicht mehr rea­li­sier­bar. Was man damals aber in kei­ner Weise geprüft hat, ist die Idee einer «klei­nen See­landt­an­gente» mit alter­na­ti­ver Stre­cken­füh­rung. In mei­ner Ein­spra­che gegen den A5-West­ast habe ich das bemän­gelt und die Vor- und Nach­teile die­ser Vari­ante stich­wort­ar­tig auf­ge­führt.

Ich bin nicht der Mei­nung, dass es die ein­zige Lösung ist. Aber es ist eine Vari­ante, die das ASTRA stu­die­ren und wei­ter kon­kre­ti­sie­ren müsste. – Sie würde auch einen Rück­bau der A5 ent­lang dem Nord­ufer des Bie­ler­sees ermög­li­chen. Heute weiss man, dass die Stre­cken­füh­rung von Biel via Twann, Lig­erz und Neu­en­stadt nach Thielle, die im Netz­be­schluss ent­hal­ten ist, ein Feh­ler war. Die kleine See­landt­an­gente bie­tet die Mög­lich­keit, dies zu kor­ri­gie­ren.

Leute wie ich kön­nen Ideen ein­brin­gen. Diese müs­sen natür­lich auf ihre Mach­bar­keit geprüft wer­den. Auch wenn man dafür eine Mil­lion inves­tie­ren müsste – ange­sichts der Kos­ten für das vor­lie­gende Pro­jekt und des­sen, was auf dem Spiel steht, würde sich das alle­mal loh­nen! – Das Glei­che gilt für die Idee einer 3. Klass-Auto­bahn; auch diese Vari­ante müsste von Pla­nern und inter­dis­zi­pli­nä­ren Teams näher unter­sucht wer­den…

Das ist eine wei­tere Vari­ante, mit der Sie sich beschäf­ti­gen: Die Abklas­sie­rung des A5-West­asts zu einer Natio­nal­strasse 3. Klasse – unter Bei­be­hal­tung der ober­ir­di­schen Stre­cken­füh­rung…

Kurt Roh­ner: Der Tun­nel­bau durch das dicht besie­delte Stadt­ge­biet mit den bei­den Grund­was­ser­strö­men ist nicht nur extrem teuer, son­dern birgt grosse Risi­ken. Des­halb stehe ich einem Tun­nel äus­serst skep­tisch gegen­über. Die Gefrier­tech­nik, die in Ras­tatt ver­sagt hat, ist ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Was dort pas­siert ist, könnte auch in Biel ein­tref­fen. Was dann? Wenn schon eine Mil­li­arde ver­baut ist und wir mit­ten im Loch sind, ist es defi­ni­tiv zu spät um zu sagen: West­ast, so nicht!

Auf mei­nen Leser­brief, den ich zur Pro­ble­ma­tik des Gefrier­ver­fah­rens geschrie­ben habe, mel­dete sich ein Inge­nieur aus Deutsch­land bei mir und machte mich dar­auf auf­merk­sam, dass man auch beim Bau der U‑Bahn in Mün­chen mit der Gefrier­tech­nik Pro­bleme gehabt habe. Plötz­lich seien Häu­ser abge­sackt…

Sie schla­gen also vor, auf den West­ast-Tun­nel zu ver­zich­ten und die Strasse auf dem bestehen­den Trasse als Natio­nal­strasse 3. Klasse zu füh­ren?

Kurt Roh­ner: Die A5 von Biel nach Neu­en­stadt ist ja ohne­hin schon eine 3. Klass-Auto­bahn. Die kann nicht aus­ge­baut wer­den, weil es schlicht kei­nen Platz hat. Des­halb macht es kei­nen Sinn, mit einer vier­spu­ri­gen Auto­bahn die Stadt zu durch­que­ren. Diese Über­le­gun­gen, die unter ande­ren auch die Bie­ler Archi­tek­ten Rihs und Leisi immer wie­der ins Feld füh­ren, müs­sen noch wei­ter durch­dacht wer­den.

Was es braucht, ist eine bau­li­che Anpas­sung und Auf­wer­tung des Stras­sen­raums vom Guido-Mül­ler-Platz bis zum Strand­bo­den­krei­sel. Damit der Ver­kehr mög­lichst hin­der­nis­frei flies­sen kann, muss man auch die Ampel­an­la­gen durch Krei­sel erset­zen.

Wäh­rend der Expo haben Fuss­gän­ger und Velo­fah­rer die Strasse über eine 20 Meter breite Brü­cke über­quert – das hat wun­der­bar funk­tio­niert. Neu könnte man zusätz­lich zu den que­ren­den Brü­cken auch auf der Längs­achse, über der Fahr­bahn, eine zweite Ebene errich­ten. Mit viel Grün­raum, für den Velo- und Fuss­ver­kehr.

Die Errich­tung einer zwei­ten Ebene bedingt aller­dings, dass see­sei­tig einige Gebäude abge­ris­sen, und an die ver­än­der­ten Ver­hält­nisse ange­passt, neu errich­tet wer­den müss­ten. Im Ver­gleich mit dem, was für den West­ast abge­ris­sen wer­den müsste, ist das aber ein Klacks. Mit inno­va­ti­ven Ideen könnte man Neues bauen, das Sinn macht und das ganze Gebiet auf­wer­tet.

Zum Bei­spiel?

Kurt Roh­ner: Die Häu­ser an der Länd­te­strasse etwa könn­ten durch einen Rie­gel ersetzt wer­den, der das Länd­te­quar­tier vor dem Stras­sen­lärm schützt und gleich­zei­tig see­sei­tig eine Top­wohn­lage bie­tet. Die Unter­ge­schosse auf der Ebene der Strasse könn­ten als Park­häu­ser und Kel­ler genutzt wer­den. Die Ebene der Fuss­gän­ger- und Velo­zone würde attrak­tiv gestal­tet, mit viel Grün. Vor­stell­bar wären auch Läden und Restau­rants, falls der Bedarf dafür bestünde.

Man könnte sogar das Hotel Con­ti­nen­tal zuguns­ten der Strasse abreis­sen und einen Neu­bau erstel­len, der auf dem neus­ten Stand wäre. Diese Vari­ante bie­tet viele Mög­lich­kei­ten für inno­va­tive Inge­nieure und Stadt­pla­ner!

Das klingt alles sehr anre­gend und ver­füh­re­risch. Gleich­zei­tig sagt der Bund, er sei nicht bereit, die A5-West­astpla­nung noch ein­mal grund­sätz­lich zu über­den­ken. Gibt es denn über­haupt noch eine Chance, für alter­na­tive Pro­jekt­va­ri­an­ten?

Kurt Roh­ner: Wenn das aktu­elle Pro­jekt, das jetzt geprüft wird, die Auf­la­gen der heu­ti­gen Gesetz­ge­bung nicht erfüllt, geht alles zurück an die Vor­in­stanz. Diese muss dann noch ein­mal über die Bücher und Wege fin­den, wie sie die Anfor­de­run­gen erfül­len kann.

Dort haben wir die Mög­lich­keit, Gegen­vor­schläge zu unter­brei­ten und zu sagen: Ja, diese Auf­la­gen des Bun­des­ge­richts kön­nen wir erfül­len – aber mit einem ande­ren Pro­jekt. Des­halb ist es sinn­voll, die Dis­kus­sion jetzt ein­zu­läu­ten und einen demo­kra­ti­schen Pro­zess zu star­ten, der eine rundum trag­fä­hige Lösung ermög­licht.

 

Texte, Inter­view und Fotos: © Gabriela Neu­haus 2017 

publi­ziert: 6.10.2017