Nord­ufer Bie­ler­see

 

DAS BIE­LER­SEE-NORD­UFER

Der Ent­scheid aus den 1960er-Jah­ren, die Kan­tons­strasse am lin­ken Bie­ler­see-Ufer zu einer Natio­nal­strasse aus­zu­bauen, war falsch. Des­sen sind sich heute alle einig.

Wie man mit die­ser Fehl­pla­nung jedoch umgeht, da schei­den sich die Geis­ter. Mit der West­ast-Dis­kus­sion besteht eine ein­ma­lige (und letzte?) Chance, die­sen Fehl­ent­scheid zu kor­ri­gie­ren. Damit könnte auch auf wei­tere schwie­rige Tun­nel­bau­ten wie den Twann- und den Vin­g­el­ztun­nel ver­zich­tet wer­den…

News und Geschich­ten vom lin­ken Bie­ler­see­ufer, die letz­ten Posts jeweils zuoberst:

 

21. Dezem­ber 2019:

Der Leser­brief von Boris Fis­ta­rol, Prä­si­dent des Komi­tees «N5 Bie­ler­see – so nicht!» bringt es auf den Punkt: Die Bevöl­ke­rung der Region Biel wird von den Behör­den und Poli­ti­ke­rIn­nen offen­bar immer noch nicht ernst genom­men…

Bie­ler Tag­blatt, 21. Dezem­ber 2019 – click and read:

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17. Dezem­ber 2019:

VOR­STÖSSE ZUM TWANN­TUN­NEL:

IM BUN­DES­HAUS ABGE­BLITZT!

In der Fra­ge­stunde des Natio­nal­rats vom 16. Dezem­ber musste Bun­des­rä­tin Simo­netta Som­ma­ruga die Vor­stösse von Mat­thias Aebi­scher und Jürg Gros­sen zum Twann­tun­nel beant­wor­ten. Ihre Stel­lung­nahme wurde nament­lich am lin­ken Bie­ler­see­ufer und dar­über hin­aus in der gan­zen Region mit gros­ser Span­nung erwar­tet.

Schliess­lich geht es beim Ost­por­tal des Twann­tun­nels und der geplan­ten mons­trö­sen Bau­stel­len­in­stal­la­tion um nichts weni­ger als um die wei­tere Beein­träch­ti­gung wenn nicht gar Zer­stö­rung einer geschütz­ten Land­schaft von natio­na­ler Bedeu­tung. Zur Debatte ste­hen die Lebens­qua­li­tät der Men­schen am lin­ken Bie­ler­see­ufer, die Exis­tenz von Wein­bäue­rIn­nen und Wir­tIn­nen sowie die Grund­satz­frage nach der künf­ti­gen Ver­kehrs­füh­rung in der Region Biel-See­land.

Zur Erin­ne­rung: Jürg Gros­sen ver­wies in sei­nem Vor­stoss dar­auf, dass das Vor­an­trei­ben des Twann­tun­nels Fak­ten schaffe, die dem aktu­el­len West­ast-Dia­log­pro­zess zuwi­der­lau­fen und fragte, wie sich die­ses Vor­ge­hen recht­fer­ti­gen lasse. – Mat­thias Aebi­scher stellte in sei­nem Vor­stoss die Grund­satz­frage nach der Nach­hal­tig­keit der Aus­bau­pläne für die N5 durch die schüt­zens­werte Land­schaft und wollte wis­sen, wel­che Mass­nah­men der Bun­des­rat plane, um die Lebens­qua­li­tät für die Bewoh­ne­rIn­nen und die Schön­heit des nörd­li­chen Bie­ler­see­ufers zu erhal­ten.

Bun­des­rä­tin Simo­netta Som­ma­ruga, dies die Hoff­nung,  könnte als zustän­dige Che­fin des UVEK den aktu­el­len Pla­nungs- und Umset­zungs­pro­zess für das Tun­nel­pro­jekt zumin­dest wäh­rend der Zeit des West­ast-Dia­logs stop­pen, um des­sen Aus­gang abzu­war­ten. Dadurch wäre der Weg frei gewe­sen für eine ganz­heit­li­che Pla­nung und nach­hal­tige echte Ver­bes­se­rung der Ver­kehrs­si­tua­tion in der Region. Lei­der hat sich diese Hoff­nung (vor­läu­fig) zer­schla­gen… 

Um es gleich vor­weg zu neh­men: Bun­des­rä­tin Som­ma­ruga hat die in sie gesetz­ten Hoff­nun­gen nicht erfüllt. Im Gegen­teil: Die Ant­wort auf die bei­den Vor­stösse ist ein Schlag ins Gesicht sowohl für die  direkt Betrof­fe­nen wie für alle, die im Rah­men des Dia­log­pro­zes­ses und dar­über hin­aus um umwelt- und men­schen­freund­li­che Lösun­gen kämp­fen.

Bun­des­rä­tin Som­ma­ruga hielt es nicht ein­mal für nötig, die von ihrem Amt erar­bei­tete Stel­lung­nahme vor dem Natio­nal­rat per­sön­lich zu ver­tre­ten. «Aus Zeit­grün­den» wurde die abschlä­gige, auf der gan­zen Linie ent­täu­schende magis­trale Ant­wort ledig­lich schrift­lich ver­öf­fent­licht. So behaup­tet der Bun­des­rat etwa in der Ant­wort auf den Vor­stoss von Jürg Gros­sen: «Das Pro­jekt Twann­tun­nel hat kei­nen Zusam­men­hang mit dem Pro­jekt West­ast in Biel» – und ver­langt kon­se­quen­ter­weise: «Die Pro­jekte in Twann und in Biel müs­sen sepa­rat von­ein­an­der betrach­tet wer­den: Der Twann­tun­nel soll das Win­zer­dorf Twann von Durch­gangs­ver­kehr befreien.»

Fest steht: Das ist zu kurz gedacht. Je nach Mass­nah­men oder Vari­an­ten, für die man sich im Lauf des West­ast-Dia­log­pro­zes­ses  ent­schei­det, könn­ten Twann und das gesamte linke Bie­ler­see­ufer auch ohne teure und zer­stö­re­ri­sche Tun­nel­bau­ten, dafür nach­hal­tig und auf der gesam­ten Stre­cke, von Durch­gangs­ver­kehr befreit wer­den… Umge­kehrt schafft man mit dem Bau des Twann­tun­nel ein Prä­ju­diz, das die aktu­elle, unbe­frie­di­gende Ver­kehrs­füh­rung in der Region zemen­tiert.

In der Ant­wort auf den Vor­stoss Aebi­scher weist der Bun­des­rat dar­auf hin, dass «die Betrof­fe­nen, die Umwelt­schutz- und Land­schafts­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen sowie das Bun­des­amt für Umwelt» ihre Inter­es­sen wäh­rend der Erar­bei­tung des Pro­jekts sowie dem Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren ein­brin­gen kön­nen. Fest steht: Bis zur Plan­auf­lage wuss­ten die direkt Betrof­fe­nen nicht, was auf sie zukommt. Bis heute wird nicht klar und trans­pa­rent kom­mu­ni­ziert, wie die mit­tel- und län­ger­fris­ti­gen Stras­sen-Aus­bau­pläne am lin­ken Bie­ler­see­ufer aus­se­hen. Es ist aber davon aus­zu­ge­hen, dass das Astra eine Auf­klas­sie­rung der N5 zwi­schen Biel und La Neu­ve­ville zu einer Auto­bahn 2. Klasse anstrebt. Die Folge sind Mehr­ver­kehr sowie wei­tere Zer­stö­run­gen und Emis­sio­nen in der geschütz­ten Land­schaft.

Warum hält man ohne wenn und aber daran fest? – War Bun­des­rä­tin Simo­netta Som­ma­ruga in die­ser Sache mög­li­cher­weise schlecht bera­ten? Oder ist der Wider­stand gegen den mons­trö­sen Instal­la­ti­ons­platz, die jah­re­lange Bau­stelle und die mas­si­ven Ein­griffe in die geschützte Land­schaft (noch) zu klein, um im Bun­des­haus ernst genom­men zu wer­den?

Viel­leicht ergibt sich ja mor­gen Don­ners­tag für den einen oder die andere eine Gele­gen­heit, der neu gewähl­ten Bun­des­prä­si­den­tin Simo­netta Som­ma­ruga bei einem Glas Bie­ler­see­wein die Sache zu erläu­tern. Anläss­lich der Prä­si­di­al­feier, die sie gemein­sam mit Stän­de­rats­prä­si­dent Stöckli kre­denzt, soll ab 16.30 Uhr im Ring «eine unge­zwun­gene Begeg­nung mit der Bevöl­ke­rung» statt­fin­den. 

Zur Vor­be­rei­tung auf erfolg­rei­che Gesprä­che mit der Bun­des­prä­si­den­tin 2020 hier die bei­den Vor­stösse mit den bun­des­rät­li­chen Ant­wor­ten im Ori­gi­nal:

Vor­stoss Gros­sen – click and read

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Vor­stoss Aebi­scher – click and read

 

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Ver­ständ­nis­los reagier­ten die Ver­ant­wort­li­chen von «N5 Bie­ler­see so nicht!» auf die bun­des­rät­li­chen Ant­wor­ten. In der Stel­lung­nahme des Komi­tees wird u.a. dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es für das Ost­por­tal Twann­tun­nel nie einen ech­ten par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess gege­ben habe. Kri­ti­siert wird zudem die 15jährige Bau­zeit in geschütz­ter Land­schaft sowie der Fokus auf ein­zelne Schau­plätze, wel­cher ver­hin­dert, dass Zusam­men­hänge gese­hen und ganz­heit­li­che Lösun­gen gesucht wer­den. 

 


27. Novem­ber 2019:

TWANN-TÜSCHERZ:

SOLI­DA­RI­TÄT MIT WING­REI­SE­RIN­NEN

Sel­ten ist die Gemein­de­ver­samm­lung so gut besucht wie am letz­ten Mon­tag, 25. Novem­ber. Der Grund war ein Thema, das nicht ein­mal auf der Trak­tan­den­liste stand, son­dern unter Varia behan­delt wer­den sollte: Das lau­fende Ein­spra­che­ver­fah­ren im Zusam­men­hang mit dem geplan­ten Ost­por­tal und Instal­la­ti­ons­platz des Twann­tun­nels.

Die Gemeinde Twann-Tüscherz hat juris­tisch keine Mög­lich­keit, das Por­tal zu ver­än­dern. Sie könnte höchs­tens auf die gesamte Tun­ne­l­um­fah­rung des Dorf­kerns Twann ver­zich­ten. Eine Umfah­rung, auf die viele Twan­ne­rin­nen und Twan­ner  seit Jahr­zehn­ten war­ten.

Diese Aus­gangs­lage nach dem Motto «Vogel friss oder stirb» zog rund 90 Stimm­bür­ge­rin­nen und Stimm­bür­ger in die Reb­halle, dies ent­spricht fast 10 Pro­zent der Stimm­be­rech­tig­ten. Das Bud­get 2020 sowie ein paar wei­tere Inves­ti­tio­nen und neue Ver­ord­nun­gen wur­den von den Anwe­sen­den dis­kus­si­ons­los und in Rekord­zeit durch­ge­wun­ken. Unter dem Trak­tan­dum Varia kam dann end­lich jenes Thema zur Spra­che, das am lin­ken Bie­ler­see­ufer aktu­ell die Wogen hoch­ge­hen lässt.

Trotz der äus­serst kon­tro­ver­sen Aus­gangs­lage, blieb die Dis­kus­sion sach­lich. Die Votan­tin­nen und Votan­ten von Wing­reis, dem Wei­ler der am meis­ten unter dem Bau des Twann­tun­nels lei­den würde, fühl­ten sich am Ende des Abends in ihren Ängs­ten und Sor­gen gehört und ver­stan­den.

Einen for­mel­len Ent­scheid der Ver­samm­lung konn­ten sie zwar nicht ein­for­dern, da das Thema nicht trak­tan­diert wurde. Gemein­de­prä­si­den­tin Mar­grit Boh­nen­blust ver­sprach jedoch ver­bind­lich, alle Anlie­gen der betrof­fe­nen Wing­rei­se­rIn­nen in die Bau­ein­spra­che der Gemeinde Twann-Tüscherz ein­flies­sen zu las­sen. 

Das Fazit der Gemein­de­ver­samm­lung: Alle sind vom Lärm geplagt, alle wol­len end­lich Ruhe. Wie dies erreicht wer­den soll, ob mit der vor­lie­gen­den Tun­nel­va­ri­ante oder im Gegen­teil, indem man dar­auf ver­zich­tet, dürfte künf­tig noch zu eini­gen Dis­kus­sio­nen Anlass geben.

So oder so steht fest: Ob Stück­werk oder Gesamt­lö­sung dürfte der Stras­sen­lärm die Dör­fer noch jah­re­lang pla­gen. Um Abhilfe zu schaf­fen, braucht es kluge Len­kungs­mass­nah­men zum Schutz von Bevöl­ke­rung und Natur. 

Noch bis Ende Woche sind all jene, die vom Bau des Twann­tun­nels irgend­wie betrof­fen sind auf­ge­for­dert, beim UVEK ihre Ein­spra­che ein­zu­rei­chen. So kön­nen etwa auch Anwoh­ne­rIn­nen der Neu­en­burg­strasse in Biel einen Nach­teil durch die geplante Bau­stelle gel­tend machen, da diese zu einer mar­kan­ten Zunahme von LKW-Fahr­ten auf der N5 zwi­schen Biel und Wing­reis füh­ren würde. 

Text: © Anne­kä­thi Zweid­ler

Bericht­erstat­tung im Bie­ler Tag­blatt – click and read

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25. Novem­ber 2019:

NOCH MEHR WIDER­STAND AM BIE­LER­SEE 

Der frisch reno­vierte Saal im alten Gemein­de­haus von Tüscherz war am Sams­tag, 23. Novem­ber 2019, bre­chend voll: Rund 90 Per­so­nen folg­ten der Ein­la­dung zum Info-Anlass des Akti­on­ko­mi­tees «N5 Bie­ler­see – so nicht!». Die­ses kämpft aktu­ell gegen den vom Astra geplan­ten Twann­tun­nel-Instal­la­ti­ons­platz in Wing­reis, dem Lie­gen­schaf­ten und kost­bare Reb­berge geop­fert wer­den sol­len.

Das grosse Inter­esse ins­be­son­dere der Bevöl­ke­rung von Lig­erz, Twann und Tüscherz kommt nicht von unge­fähr: Die N5 beein­träch­tigt seit Jah­ren die Lebens­qua­li­tät am lin­ken Bie­ler­see­ufer. Der geplante Twann­tun­nel würde für einen klei­nen Teil der Bevöl­ke­rung zwar Abhilfe schaf­fen, gleich­zei­tig hätte des­sen Bau aber im Wei­ler Wing­reis zer­stö­re­ri­sche Fol­gen.

Das geplante Bau­vor­ha­ben für das Tun­nel-Ost­por­tal, müsse unbe­dingt ver­hin­dert wer­den, so der Tenor an der Ver­an­stal­tung. Man könne die Fehl­pla­nung von vor 60 Jah­ren nicht mit noch mehr Beton kor­ri­gie­ren.

Einige tra­ten dafür ein, dass nur ein durch­ge­hen­der Tun­nel von Biel bis La Neu­ve­ville den lärm­ge­plag­ten Dör­fern wie­der mehr Lebens­qua­li­tät brin­gen würde. Andere spra­chen sich für die kleine See­landt­an­gente aus. Und wie­der andere möch­ten den moto­ri­sier­ten Ver­kehr redu­zie­ren, indem man die Stre­cke mit einem LKW-Tran­sit­ver­bot belegt und den ÖV gezielt för­dert. 

Der Umwelt­ju­rist Rein­hard Zweid­ler ermun­terte die Anwe­sen­den, gegen das Bau­vor­ha­ben in Wing­reis Ein­spra­che ein­zu­rei­chen. Er betonte, dass ent­ge­gen der Aus­ünfte des Astra, jede Per­son, die durch das Pro­jekt beein­träch­tigt würde, befugt sei, eine Ein­spra­che zu schrei­ben. Punkte, die dabei auf­ge­führt wer­den kön­nen, sind zum Bei­spiel die Zunahme von Lärm und Staub durch die Bau­stelle, die lang­jäh­ri­gen und teil­weise gefähr­li­chen Umlei­tun­gen von Velo- und Wan­der­we­gen und nicht zuletzt der Ver­lust von Bio­di­ver­si­tät. 

Das Komi­tee ruft des­halb die Bevöl­ke­rung auf, mög­lichst zahl­rei­che, indi­vi­du­ell begrün­dete Ein­spra­chen gegen das Twann­tun­nel Ost­por­tal  zu ver­fas­sen und diese bis spä­tes­tens am Sams­tag, 30. Novem­ber an das UVEK abzu­schi­cken. Es stellt dafür auch eine Mus­ter­ein­spra­che zur Ver­fü­gung, die je nach Betrof­fen­heit abge­än­dert wer­den kann:thumbnail of N5Bielersee_mustereinsprache

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Wich­tig sind die Ein­spra­chen nicht nur, damit der über­di­men­sio­nierte Instal­la­ti­ons­platz für das Twann­tun­nel­por­tal in Wing­reis ver­hin­dert wer­den kann. Dar­über hin­aus geht es auch darum, die Sala­mi­tak­tik des Astra zu stop­pen, wel­ches alles daran zu set­zen scheint, die Auto­strasse 3. Klasse am Bie­ler­see mit­tel­fris­tig zu einer Auto­bahn 2. Klasse aus­zu­bauen.

Ein Ansin­nen nota­bene, das in engem Zusam­men­hang mit der West­ast-Pla­nung in Biel steht: Würde die West­ast-Auto­bahn tat­säch­lich gebaut, wie es Kan­ton und Astra plan­ten, wäre ein Kapa­zi­täts­aus­bau am lin­ken Bie­ler­see­ufer wohl unum­gäng­lich. Weil über den West­ast zwangs­läu­fig noch mehr Ver­kehr  in die sen­si­ble Reb­land­schaft gelenkt würde…

Text: ©Anne­kä­thi Zweid­ler

 


 

Oktober/November 2019:

TWANN UND DER WEST­AST:

EIN DORF IN AUF­RUHR 

 

Bis anhin fokus­sierte die West­ast-Dis­kus­sion fast aus­schliess­lich auf die Situa­tion in Biel und Nidau. Die bei­den inner­städ­ti­schen Auto­bahn­an­schlüsse sind nicht stadt­ver­träg­lich – dar­über sind sich zumin­dest West­ast-Kri­ti­ke­rIn­nen einig.

Wenig wurde bis­her aber über die Land­schafts- und Dorf-Unver­träg­lich­keit der Auto­bahn­pläne jen­seits der Stadt­gren­zen debat­tiert. Obschon die künf­ti­gen Ent­scheide in Sachen West­ast nicht nur Aus­wir­kun­gen für die Stadt, son­dern für die gesamte Region haben.

Beson­ders betrof­fen ist das linke Bie­ler­see­ufer: Wird der West­ast gebaut – mit oder ohne inner­städ­ti­sche Anschlüsse – ist mit einer dras­ti­schen Ver­kehrs­zu­nahme auf der Jurasüd­fuss-Stre­cke zwi­schen Biel und Neu­en­burg zu rech­nen.

Seit Jahr­zehn­ten schon lei­det die geschützte, attrak­tive Reb­land­schaft unter dem Auto- und Last­wa­gen­ver­kehr, der durch den Aus­bau der eins­ti­gen Kan­tons­strasse zur N5 – einer Natio­nal­strasse 3. Klasse – dras­tisch zuge­nom­men hat. Doch nicht nur Lärm und Gestank des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs, auch die Kunst­bau­ten ent­lang dem Ufer, zur Siche­rung von Bahn- und Stras­sen­trasse, beein­träch­ti­gen eines der tou­ris­tisch inter­es­san­tes­ten Gebiete des Kan­tons.

Ein Teil wurde bereits Anfang der 1970er Jahre unwie­der­bring­lich zer­stört. So musste etwa in Tüscherz das gesamte Unter­dorf wei­chen und in Wing­reis wurde das tra­di­tio­nelle und beliebte Strand­ho­tel Engel­berg abge­ris­sen – trotz hef­ti­ger Kri­tik und Wider­stand aus der Bevöl­ke­rung.

Ein Fehl­ent­scheid, dar­über herrscht heute in der Region und dar­über hin­aus Einig­keit. Doch statt die­sen zu kor­ri­gie­ren, ver­sucht man seit Jahr­zehn­ten, mit Pfläs­ter­li­po­li­tik die schlimms­ten Aus­wir­kun­gen abzu­fe­dern und die Bevöl­ke­rung ruhig zu stel­len. Das Resul­tat: Ein Flick­werk, das wei­tere zer­stö­re­ri­sche Spu­ren in die Land­schaft fräst.

Das jüngste Bei­spiel: Im drit­ten Anlauf einig­ten sich das Astra, der Kan­ton und die Schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen auf eine Vari­ante für das Ost­por­tal des Twann­tun­nels, des­sen Bau­be­ginn – geht es nach den Plä­nen des Astra – schon bald ansteht.

 

Bereits haben ver­schie­dene Eigen­tü­me­rIn­nen im Wei­ler Wing­reis, der zur Gemeinde Twann-Tüscherz gehört, Ent­eig­nungs­briefe erhal­ten. Für die Ein­rich­tung des Tun­nel­bau-Instal­la­ti­ons­plat­zes will der Bund Häu­ser und Reb­berge ein­stamp­fen. Wäh­rend zehn Jah­ren wür­den jene Bewoh­ne­rIn­nen von Wing­reis, deren Häu­ser vom Abbruch ver­schont blei­ben, auf einer Bau­stelle leben. Und den betrof­fe­nen Win­ze­rIn­nen droht der Ver­lust ihrer Lebens­grund­lage, wie bereits in der Sonn­tags­presse nach­zu­le­sen war.

Die Hei­mat der Men­schen von Wing­reis soll einem Tun­nel­bau geop­fert wer­den, von dem sie sel­ber nie etwas haben wer­den. Im Gegen­teil: Kurz vor dem male­ri­schen Win­zer­dorf mit den teils denk­mal­ge­schütz­ten Reb­häu­sern kämen die Autos wie­der aus dem Berg.…

Schon heute duckt sich Wing­reis hin­ter dicken Lärm­schutz­wän­den, wel­che die rund 30 Bewoh­ne­rIn­nen vor den schlimms­ten Aus­wir­kun­gen des Stras­sen­lärms schüt­zen. Der geplante Tun­nel würde ihre Situa­tion für immer wei­ter ver­schlech­tern: Bereits hat das Astra in Aus­sicht gestellt, dass gewisse Kunst­bau­ten im Reb­bau­ge­biet für die Siche­rung der Strasse not­wen­dig seien.

Das wol­len sie nicht ein­fach hin­neh­men: Am letz­ten Sams­tag haben sich die Bewoh­ne­rIn­nen und Lie­gen­schafts­be­sit­ze­rIn­nen von Wing­reis im Engel­berg getrof­fen und den Ver­ein «N5 Bie­ler­see so nicht» gegrün­det.

Den Namen haben sie bewusst in Anleh­nung an das Komi­tee «West­ast so nicht!» gewählt. «Es geht nicht nur um den Instal­la­ti­ons­platz, es geht um mehr», sagt Grün­dungs­mit­glied San­dra Gurt­ner-Oesch, die in Wing­reis auf­ge­wach­sen ist. «Heute stellt sich die Frage, ob es den Twann­tun­nel über­haupt braucht. – Für mich war nie nach­voll­zie­bar, wes­halb man aus­ge­rech­net an der engs­ten Stelle zwi­schen St. Gal­len und Genf sowohl die Eisen- wie die Auto­bahn durch­peit­schen muss.»

Aktu­ell besteht die Chance, dass der his­to­ri­sche Fehl­ent­scheid aus den 1960er Jah­ren kor­ri­giert wird. Wenn der Runde Tisch in sei­nem ergeb­nis­of­fe­nen West­ast-Dia­log näm­lich zum Schluss kom­men würde, dass statt eines Aus­baus der N5 am Bie­ler­see eine andere Len­kung des Ver­kehrs sinn­vol­ler wäre, könnte sowohl auf den Twann- wie auf den Vin­g­el­ztun­nel ver­zich­tet wer­den.

Des­halb for­dert das Komi­tee «N5 Bie­ler­see so nicht» ein Mora­to­rium für den Twann­tun­nel – zumin­dest bis der West­ast-Dia­log seine Ergeb­nisse prä­sen­tiert. Ob sich die Gemeinde Twann auch hin­ter die­ses Anlie­gen stellt, ist noch offen: Im Dorf hof­fen viele auf eine Ver­kehrs­ent­las­tung durch den Twann­tun­nel.

Die­ser könnte aber – laut Astra-Fahr­plan – frü­hes­tens 2035 in Betrieb genom­men wer­den. Wie sich die Mobi­li­tät bis dahin ent­wi­ckeln wird, steht heute in den Ster­nen… Andere Mass­nah­men, wie etwa eine Rück­klas­sie­rung der N5, kom­bi­niert mit einem Tran­sit­ver­bot für den Schwer­ver­kehr, könnte viel schnel­ler umge­setzt wer­den. Vor­aus­ge­setzt, die Poli­tik stellt sich dahin­ter. – Nach den gest­ri­gen Wah­len ste­hen die Zei­chen dafür bes­ser als auch schon…

Der Vor­teil alter­na­ti­ver Mass­nah­men: Nicht bloss der Dorf­kern von Twann würde ent­las­tet, son­dern die gesamte Ufer­re­gion von Biel bis Neu­en­stadt. So könnte etwa auch die lärm­ge­plagte Bevöl­ke­rung von Tüscherz end­lich wie­der auf­at­men und wäre nicht län­ger auf Lärm­schutz­wände ange­wie­sen, um ein Mini­mum an Dorf­le­ben zu ermög­li­chen… Ja, man könnte damit auf die Umset­zung sämt­li­cher Tun­nel­pro­jekte von Vin­g­elz über Tüscherz bis Twann ver­zich­ten – das heisst: Man würde mas­siv Kos­ten spa­ren, und gleich­zei­tig die sen­si­ble Land­schaft scho­nen.

Vor allem aber wäre die­ser Schritt ein gros­ses Plus für die Bewoh­ne­rIn­nen der Region, den Tou­ris­mus, die Natur und nicht zuletzt für die Qua­li­tät der Bie­ler­see­weine…

 


22. Okto­ber 2017:

ÜBER DAS EIGENE GÄRTLI HIN­AU­SEN­KEN

Die Eröff­nung der A5-Ostastau­to­bahn Ende Okto­ber soll für grosse Teile der Stadt Biel eine Ver­kehrs­ent­las­tung brin­gen. Das wird von den Behör­den seit Mona­ten behaup­tet und ver­spro­chen. Aller­dings ist davon aus­zu­ge­hen, dass die neue Hoch­leis­tungs­strasse gleich­zei­tig neuen Ver­kehr anzie­hen wird. Ent­las­tung für einige Quar­tiere der Stadt, neue Belas­tung für andere. Glei­ches gilt für die angren­zen­den Gemein­den.

So freute sich kürz­lich eine Auto­fah­re­rin aus Schüp­fen: Wenn erst ein­mal der Ost­ast offen sei, werde sie künf­tig über Biel und Solo­thurn nach Luzern zu ihren Enkeln fah­ren – das sei ange­neh­mer als über die A1

Solange es sich um Tran­sit­ver­kehr han­delt, der über die Auto­bahn rast, wer­den das die Bie­le­rin­nen und Bie­ler kaum spü­ren. Andere dafür umso mehr. So sagte etwa Ruedi Wild, Prä­si­dent der SP Twann-Tüscherz anläss­lich einer Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung zum A5-West­ast: «Wenn am 27. Okto­ber der Ost­ast der Auto­bahn A5 eröff­net wird, mag das für Biel eine gewisse Beru­hi­gung brin­gen. Durch die Stei­ge­rung der Attrak­ti­vi­tät ist aber eine Zunahme des Ver­kehrs von und nach Twann-Tüscherz und La Neu­ve­ville – Neu­en­burg um 22% auf 15’900 Fahr­zeuge pro Tag zu befürch­ten.»

Für die Eröff­nung des West­asts, so Wild wei­ter, stell­ten die Ver­kehrs­pla­ner gar 30 Pro­zent Mehr­ver­kehr in Aus­sicht. Dies würde bedeu­ten: In jede Fahrt­rich­tung im Durch­schnitt alle 6 Sekun­den ein Per­so­nen­wa­gen sowie alle zwei Minu­ten ein LKW oder Bus. «Wenn sich gewisse Bie­ler auf den West­ast freuen, legen sie eine ‚Nach mir die Sintflut’-Mentalität an den Tag», schloss der Twan­ner Poli­ti­ker seine Aus­füh­run­gen.

Dies zeigt: Die Beschrän­kung der West­ast-Kri­tik auf die bei­den inner­städ­ti­schen Anschlüsse und deren nega­tive Aus­wir­kun­gen auf das Stadt­bild, greift zu kurz. Die Kapa­zi­täts­er­wei­te­run­gen mit­tels A5-Durch­que­rung von Biel wir­ken sich auf die ganze Region aus – und beein­träch­ti­gen die wert­vol­len Kul­tur­land­schaf­ten am Bie­ler­see. Die nota­bene von hohem tou­ris­ti­schem Wert sind, auch für die Stadt Biel.

An besag­ter Ver­an­stal­tung in Twann war die Reb­halle bre­chend voll. Gemein­de­prä­si­den­tin Boh­nen­blust bemerkte lachend, sie hätte noch nie an einer Ver­samm­lung so viele Leute getrof­fen. Nicht von unge­fähr: Das Bie­ler­see-Nord­ufer ist ganz beson­ders betrof­fen. Bereits seit der Ein­füh­rung der Leis­tungs­ab­hän­gi­gen Schwer­ver­kehrs­ab­gabe (LSVA) lei­det man hier unter einer enor­men Zunahme des Schwer­ver­kehrs. Ent­spre­chend ver­un­si­chert und wütend ist die Twan­ner Bevöl­ke­rung: Sie befürch­tet zu Recht, dass Biel auf ihre Kos­ten ver­kehrs­be­ru­higt wird.

Hat­ten in den 1960er Jah­ren ins­be­son­dere die Gast­wirte in den Reb­bau­dör­fern noch dafür gekämpft, dass die Haupt­ver­kehrs­achse dem Nord­ufer ent­lang geführt wird, machte sich nach deren Fer­tig­stel­lung bald Ernüch­te­rung breit. Was damals als oppor­tun galt, hat sich unter­des­sen als Bume­rang erwie­sen, wie kürz­lich ein Twan­ner bemerkte: «Bei uns schliesst ein Restau­rant nach dem ande­ren: Die Ilge geht zu, der Reb­stock steht zum Ver­kauf, das Hotel Fon­tana ist geschlos­sen und auch die Tage des Twan­ner Stüb­lis sol­len gezählt sein… Ein wenig sind wir sel­ber schuld: In den 1960er Jah­ren woll­ten wir die Strasse unbe­dingt – und jetzt ist man gestraft.»

Das linke Bie­ler­see­ufer ist eine Land­schaft von natio­na­ler Bedeu­tung. Deren beson­de­rer Reiz besteht, so das Bun­des­in­ven­tar, «im har­mo­ni­schen Wech­sel und in der Ver­zah­nung kom­pak­ter Dör­fer mit den weit­ge­hend erhal­te­nen his­to­ri­schen Sied­lungs­rän­dern, Reb­ber­gen, Fel­sen, ein­zel­nen Gehöl­zen und tro­cken­war­men Mager­wie­sen.» Das Reb­bau­ge­biet mit den Tro­cken- und Bruch­stein­mau­ern sowie die his­to­ri­schen Orts­kerne gel­ten als beson­ders schüt­zens­wert.

Auch heute noch. Obschon der Bau der Natio­nal­strasse in den 1970er Jah­ren sehr viel unwie­der­bring­lich zer­stört hat. So etwa das ehe­mals präch­tige Hotel Engel­berg in Wing­reis, von dem heute ein­zig noch der Ein­gangs­pa­vil­lon steht. Der male­ri­sche Wei­ler auf der Berg­seite der Strasse fris­tet seit dem Aus­bau der Strasse ein küm­mer­li­ches Dasein hin­ter Lärm­schutz­mau­ern.

 

Tüscherz-Alfer­mée, das Dorf am stei­len Reb­hang, hatte im 19. Jahr­hun­dert dank der Jura­ge­wäs­ser­kor­rek­tion neues Land hin­zu­ge­won­nen. Am Ufer ent­stand ein Unter­dorf, umge­ben von Reb­gär­ten mit See­zu­gang. Die­ses ganze Unter­dorf wurde 1969 abge­ris­sen und der Erwei­te­rung von Strasse und Eisen­bahn­trasse geop­fert. Seit­her umrah­men klo­bige Beton­pfei­ler und häss­li­che Stütz­mau­ern den denk­mal­ge­schütz­ten Kern des Ober­dorfs.

Eine Zer­stö­rung ohne­glei­chen, betrach­tet man heute die Über­reste des einst leben­di­gen Dor­fes. Die lang­fris­ti­gen Fol­gen die­ses Ein­griffs sind jedoch noch viel gra­vie­ren­der: Der Ver­kehrs­lärm hat das Dorf­le­ben zum Erlie­gen gebracht, die glä­ser­nen Lärm­schutz­wände, die man vor ein paar Jah­ren im Dorf­zen­trum auf­ge­stellt hat, wir­ken wie schie­rer Hohn und erin­nern an einen Zoo.

Seit den 1980er Jah­ren hat die Bevöl­ke­rung von Tüscherz-Alfer­mée die­sen Zustand ange­pran­gert – und für Lösun­gen gekämpft. So ist etwa in einer Bro­schüre aus dem Jahr 1989 nach­zu­le­sen: «Vor allem die Natio­nal­strasse ist heute in Tüscherz-Alfer­mée der­art domi­nant, dass keine Tätig­keit im All­tag der Bewoh­ner und Gäste ohne Ein­wir­kung bleibt. Die stän­dige Zunahme des Ver­kehrs hat die Gemeinde zum Han­deln bewegt: Tüscherz-Alfer­mée for­dert den Rück­bau der N5 und die Ver­le­gung der Ver­kehrs­stränge in den Berg.»

Das ist bekannt­lich nie gesche­hen. Die heu­tige Gemeinde Twann-Tüscherz hat des­halb in ihrer Ein­spra­che zum West­ast A5-Pro­jekt klar die For­de­rung gestellt, dass auch Tüscherz-Alfer­mée einen Tun­nel erhal­ten müsse.

Dabei stellt sich die Frage, wie­viele Tun­nel­por­tale der fra­gile Jura­hang wohl ver­trägt. Auch in Twann ist näm­lich für die ferne Zukunft ein Tun­nel geplant – nach einem Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist das Pro­jekt aktu­ell in Über­ar­bei­tung, um eine land­schafts­ver­träg­li­chere Lösung zu fin­den. Die Geo­lo­gie stellt die Tun­nel­bauer aber vor einige Pro­bleme.

In Tüscherz-Alfer­mée kam es 1944 zu einem grös­se­ren Berg­sturz, der damals die Bahn­gleise ver­schüt­tete. Kurt Bögli, Inge­nieur und alt Gemein­de­prä­si­dent von Tüscherz-Alfer­mée ist über­zeugt, dass es wesent­lich stär­kere Beton­ver­bau­un­gen und Stütz­mau­ern braucht, als sie aktu­ell für das West­por­tal des Vin­g­el­ztun­nels, vor­ge­se­hen sind.

Dorf für Dorf den Ver­kehr in den Berg ver­le­gen, ist und bleibt ein unver­nünf­ti­ges Flick­werk. Eine nach­hal­tige Lösung braucht gross­räu­mi­ges Den­ken und den Mut zur Kor­rek­tur von Feh­lern. 1997 initi­ierte Bun­des­rat Leu­en­ber­ger die Prü­fung von Alter­na­ti­ven zum geplan­ten West­ast, weil er die Lini­en­füh­rung der N5 ent­lang dem Nord­ufer des Bie­ler­sees für falsch hielt. Damals schei­terte er mit sei­nem Vor­stoss.

Im Jahr 2009 erstellte das Geo­gra­phi­sche Insti­tut der Uni­ver­si­tät Bern 2009 im Auf­trag von Tüscherz-Alfer­mée ein Gut­ach­ten zur Wein­bau­land­schaft am Bie­ler­see. Darin steht klipp und klar: «Für die Wein­bau­land­schaft Bie­ler­see-Nord braucht es einen grund­le­gen­den poli­ti­schen Ent­scheid auf der über­re­gio­na­len Ebene zu Guns­ten die­ser gewach­se­nen Land­schaft oder aber zu Guns­ten der Sied­lungs­er­wei­te­rung oder des Fern­ver­kehrs. Die drei Sze­na­rien schlies­sen sich gegen­sei­tig aus. Die vier Gemein­den haben sich ein­zeln für die Wein­bau­land­schaft ent­schie­den, jetzt müs­sen sie dies ver­mehrt gemein­sam tun und die über­re­gio­na­len poli­ti­schen Instan­zen von der Rich­tig­keit die­ses Ent­scheids über­zeu­gen.»

Der Schutz der ein­ma­li­gen Land­schaft am Nord­ufer des Bie­ler­sees ist von natio­na­lem Inter­esse. Des­halb sind die Behör­den und die Bevöl­ke­rung auf­ge­ru­fen, über Gemeinde- und Pro­jekt­gren­zen hin­weg, gross­räu­mig nach nach­hal­ti­gen Lösun­gen zu suchen. Dabei hilft die Tat­sa­che, dass wir in der Schweiz bereits ein der­art eng­ma­schi­ges Netz an Hoch­leis­tungs­stras­sen haben, dass die A5 zwi­schen Biel und La Neu­ve­ville ohne Not rück­ge­baut und ein für alle Mal aus dem Natio­nal­stras­sen­netz eli­mi­niert wer­den kann.

©Text: Gabriela Neu­haus, 2017

 


16. August 2017:

DIE FAL­SCHE ROU­TEN­WAHL

Wenn sich die Dis­kus­sion um die A5-West­ast-Auto­bahn dreht, hört man immer wie­der den glei­chen Satz: Der Fehl­ent­scheid sei in den 1960er Jah­ren gefällt wor­den, als man beschloss, die Auto­bahn dem lin­ken Bie­ler­see­ufer ent­lang zu füh­ren. Dort, wo es zu eng ist, für eine Auto­bahn.

Bereits der Aus­bau von Bahn und Auto­strasse in den 1970er Jah­ren war umstrit­ten. Damals hat­ten jedoch jene Stim­men, die sich für den Schutz des Bie­ler­see­ufers, für den Erhalt des Strand­ho­tels in Wing­reis im ehe­ma­li­gen Klos­ter oder das Unter­dorf von Tüscherz-Alfer­mée ein­setz­ten, keine Chance. Das Resul­tat: Die dau­er­hafte Ver­un­stal­tung von einst male­ri­schen Win­zer­dör­fern und häss­li­che Beton­ga­le­rien von Biel bis Neu­en­stadt.

Was kaum jemand mehr weiss: Schon lange bevor die A5 zur heu­ti­gen Schnell­strasse aus­ge­baut wurde, erhitz­ten Stras­sen­bau­pro­jekte ent­lang dem Nord­ufer des Bie­ler­sees die Gemü­ter. Aus einem ein­fa­chen Grund – damals wie heute: Diese schmale, sen­si­ble Ufer­re­gion eig­net sich nicht als Haupt­ver­kehrs­achse zwi­schen Ost und West.

Der His­to­ri­ker Daniel Flü­cki­ger deckte in einem Arti­kel, der 2012 im regio­na­len Jahr­buch «See­butz» publi­ziert wurde, span­nende Par­al­le­len zu den heu­ti­gen Dis­kus­sio­nen und zur A5-West­ast-Fehl­pla­nung auf:

Der erste Ent­wurf für eine Strasse ent­lang dem Nord­ufer des Bie­ler­sees wurde 1826 vom Bie­ler Inge­nieur und Bau­un­ter­neh­mer Jean Amé­dée Watt vor­ge­legt. Die­ser stiess jedoch bei den betrof­fe­nen Gemein­den auf wenig Gegen­liebe, weil für die Strasse wert­vol­les Reb­land hätte geop­fert wer­den müs­sen und die Dör­fer über den See­weg bereits gut erschlos­sen waren. So ent­schied sich die Ber­ner Regie­rung 1829 noch gegen den Bau einer «Bie­ler­see­strasse». Dies nicht zuletzt, um die dama­lige Haupt­achse, die von Nidau über Aar­berg nach Bern und in die West­schweiz führte, nicht zu kon­kur­ren­zie­ren.

Bereits 1831 griff jedoch der Stadt­rat von Biel die Idee einer Stras­sen­ver­bin­dung zwi­schen Biel und Neu­en­stadt wie­der auf. Dies­mal konn­ten auch die Gemein­den Twann und Lig­erz für das Pro­jekt, ja sogar für eine Mit­fi­nan­zie­rung, gewon­nen wer­den. 1834 gab der Grosse Rat in Bern grü­nes Licht für die «Bie­ler­see­strasse» – seit da nimmt die Fehl­ent­wick­lung ihren Lauf…

Schon bald zeigte sich, dass die ursprüng­li­chen Befürch­tun­gen mehr als berech­tigt waren: Dem Bau der neuen Strasse musste – oft gegen den Wil­len der Grund­ei­gen­tü­mer – viel wert­vol­les Land geop­fert wer­den. In den Reb­dör­fern musste im Durch­schnitt jeder dritte Haus­halt eine Par­zelle abtre­ten. Zahl­rei­che Gebäude wur­den – oft gegen den Wil­len der Grund­be­sit­zer – abge­bro­chen. So zum Bei­spiel das Wil­der­me­th­gut in Tüscherz oder das Josua-Wyt­ten­bach­haus in Scha­fis.

Die Bau­herr­schaft nahm wenig Rück­sicht auf bestehende Sied­lun­gen und die Natur, wie Daniel Flü­cki­ger in sei­nem See­butz-Bei­trag beschreibt: «Watt, der zunächst als Gene­ral­un­ter­neh­mer mit dem Stras­sen­bau begann, liess bereits beim Mar­kie­ren des Tras­sees eigen­mäch­tig Dut­zende gros­ser Eichen in Nidauer Bur­ger­wäl­dern fäl­len. Nach­dem er am 16. Sep­tem­ber 1834 überraschend ver­stor­ben war, ging Ben­dicht Marti aus Bühl, der neue Gene­ral­un­ter­neh­mer, ebenso unge­schickt vor. Er beschä­digte bei Spren­gun­gen an fel­si­gen Abhän­gen Gebäude und Wein­berge, wich eigen­wil­lig von der mar­kier­ten und mit den Grund­ei­gen­tü­mern aus­ge­han­del­ten Stre­cken­füh­rung ab und ver­zich­tete in vie­len Fäl­len dar­auf, das ent­lang der Strasse gesam­melte Was­ser abzu­lei­ten.»

Die Folge waren Streit, juris­ti­sche Hän­del und teure Scha­den­fälle. Dazu gehör­ten ins­be­son­dere viele Sach­be­schä­di­gun­gen an Häu­sern durch Was­ser­ein­brü­che. Auch die Ent­eig­nun­gen von Grund­ei­gen­tü­mern gin­gen ins Geld, so dass der Kan­ton wie­der­holt Nach­kre­dite spre­chen musste, um das Bau­werk vor­an­zu­trei­ben. Schliess­lich kos­tete die Strasse 90 Mil­lio­nen Fran­ken – mehr als das Drei­fa­che der ursprüng­lich bud­ge­tier­ten 24 Mil­lio­nen. – Das hatte Fol­gen für Behör­den und Poli­tik: 1839 zwang der Grosse Rat den Ober­inge­nieur für den Stras­sen- und Was­ser­bau zum Rück­tritt, 1840 wurde der ver­ant­wort­li­che Regie­rungs­rat abge­wählt.

Damit nicht genug: Auch nach ihrer Eröff­nung sorgte die neue Bie­ler­see­strasse für Ernüch­te­rung. Die Erwar­tun­gen, die ihre Pro­mo­to­ren in sie gesetzt hat­ten, konnte sie nicht erfül­len, wie im See­butz nach­zu­le­sen ist: «Gewiss, die Dör­fer am See erhiel­ten eine Strasse und einen eige­nen Post­kut­schen­kurs, was damals als Vor­aus­set­zung für schnel­len und zuver­läs­si­gen Ver­kehr galt. Die stän­dige Erreich­bar­keit, die man sich erhofft hatte, war aller­dings unvoll­stän­dig. Bereits 1842 blo­ckierte ein Erd­rutsch bei Tüscherz für meh­rere Tage die neue Strasse. Und die Trans­porte auf dem Was­ser blie­ben güns­ti­ger als der Stras­sen­ver­kehr, wie es die Geg­ner des Pro­jekts 1828 vor­aus­ge­sagt hat­ten. Sogar das Mate­rial für den Unter­halt der neuen Strasse wurde in den nächs­ten Jahr­zehn­ten in Bar­ken anstatt auf Fuhr­wer­ken her­bei­ge­schafft.»

Das Fazit des Autors Daniel Flü­cki­ger – nicht zuletzt mit Blick auf die A5-West­ast-Debatte – müsste die ver­ant­wort­li­chen Behör­den und Poli­ti­ker nach­denk­lich stim­men: «Diese Ein­sicht, dass Bau­pro­jekte für den Ver­kehr zum fal­schen Zeit­punkt kom­men (und die ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen das über­se­hen) kön­nen, ist auch für die Gegen­wart rele­vant. Denn so, wie die Bie­ler­see­strasse am Vor­abend des fos­si­len Zeit­al­ters zu früh kam, dürfte in den nächs­ten Jahr­zehn­ten, in denen fos­sile Res­sour­cen knap­per wer­den, man­ches Pro­jekt zu spät kom­men.»

Noch ist es Zeit, ein wei­te­res Deba­kel, den nächs­ten Skan­dal zu ver­hin­dern.

Warum nicht ein­mal wirk­lich mutig und inno­va­tiv das Pro­blem mit der Fehl­pla­nung ange­hen? Nach 150 Jah­ren wäre es an der Zeit, neue Visio­nen zu ent­wi­ckeln. Und mutige Ent­scheide zu fäl­len, statt mit end­lo­ser teu­rer Pfläs­ter­li­po­li­tik die fal­sche Route dem Bie­ler­see-Nord­ufer ent­lang Tun­nel um Tun­nel wei­ter­zu­bas­teln.

Mutig und zugleich ver­nünf­tig wäre etwa, die sen­si­ble Land­schaft vom Tran­sit­schwer­ver­kehr, der hier nichts ver­lo­ren hat, zu befreien. Das wäre auch kos­ten­güns­tig: Es bräuchte bloss zwei simple Signal­ta­feln, am Anfang und Ende des Bie­ler­see-Nord­ufers.

 

 

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