LEBEN, WO PARK­PLÄTZE GEPLANT WAREN

Eine schmale Holz­treppe führt in den ers­ten Stock, wo sich lin­ker­hand die Küche mit dem Gemein­schafts­raum befin­det. Über der Theke hängt eine ein­drück­li­che Anzahl Pfan­nen, an der Wand ein gut bestück­tes Gewürz­re­gal. Dane­ben einige Obst­kis­ten mit sai­son­ge­rech­ten Gemü­se­vor­rä­ten: Lauch, Kabis und Rüebli, die schon bes­sere Zei­ten gese­hen haben… Hier wird offen­bar oft und lei­den­schaft­lich gekocht.

Auf einem alten Sofa liegt die aktu­elle WOZ, mit­ten im Raum ein Tög­ge­li­kas­ten, an der Wand eine Dart-Ziel­scheibe und ein Kle­ber mit der Auf­schrift «The Rich are ugly». Es ist Mon­tag­abend, kurz vor 19 Uhr. Nach und nach tref­fen die Haus­be­woh­ne­rIn­nen ein. Man­che beglei­tet von ihren Hun­den. Antoine angelt sich ein Schreib­heft, das neben der Küchen­ab­lage depo­niert ist: Er ist heute für das Pro­to­koll zustän­dig.

Fotos: © Anita Vozza, 2018

An der wöchent­li­chen Sit­zung des Kol­lek­tivs La Biu pla­nen die elf Haus­be­woh­ne­rIn­nen gemein­sam ihre Akti­vi­tä­ten und dis­ku­tie­ren anste­hende Fra­gen. «Das Ziel ist, dass wir uns bei einem Ent­scheid alle einig sind», sagt Antoine Rubin. «Wir funk­tio­nie­ren nach Kon­sens.» Das sei nicht immer ein­fach – wenn ver­schie­dene Men­schen zusam­men­leb­ten, gebe es auch unter­schied­li­che Bedürf­nisse, ergänzt er. Etwa in Bezug auf die Sau­ber­keit.

Doch für Antoine, der in St. Imier auf­ge­wach­sen ist und in Lau­sanne und Neu­en­burg stu­diert hat, sind sol­che Kon­flikte zweit­ran­gig. Was für den 28jährigen Anthro­po­lo­gen und Schrift­stel­ler zählt, ist das soziale Expe­ri­ment: Die Gemein­schaft, die kol­lek­tive Lebens­form, das kul­tu­relle Enga­ge­ment. La Biu, sagt er, sei ein Ort, wo man alter­na­tive For­men des Zusam­men­le­bens aus­pro­bie­ren könne.

Das Dop­pel­haus am Wydenau­weg 40 wurde vor 120 Jah­ren für die Unter­brin­gung von Bahn­ar­bei­tern gebaut. Ent­spre­chend klein und beschei­den waren die Woh­nun­gen. Im Lauf der Zeit wech­sel­ten Haus­be­sit­zer und Mie­ter­schaft. Vor gut zehn Jah­ren kaufte der Kan­ton Bern die Lie­gen­schaft, die auf dem Areal der geplan­ten A5-West­astbau­stelle steht. Die kan­to­nale Ver­wal­tung kün­digte den Mie­te­rIn­nen, wollte das alte Haus abreis­sen und auf dem Grund­stück elf Park­plätze erstel­len.

«Um den Abriss zu ver­hin­dern, hat 2007 eine Gruppe von Leu­ten das Haus besetzt. Für soziale und kol­lek­tive Pro­jekte – und mit dem poli­ti­schen Ziel, für die Bevöl­ke­rung erschwing­li­chen Wohn­raum zu erhal­ten, die dro­hende Gen­tri­fi­zie­rung zu bekämp­fen», erin­nert sich Antoine. Er wohnte damals noch nicht in Biel, war aber in der Haus­be­set­zer-Bewe­gung aktiv.

Diese erreichte, mit Unter­stüt­zung der Bie­ler Grü­nen und SP, dass der Kan­ton schliess­lich das Park­platz-Pro­jekt auf­gab und mit den Haus­be­set­ze­rIn­nen einen Ver­trag abschloss: Seit­her bezah­len die Bewoh­ne­rIn­nen für das Dop­pel­haus am Wydenau­weg 40 dem Tief­bau­amt in Bern monat­lich 600 Fran­ken Miete – soviel, wie die Park­plätze ein­ge­bracht hät­ten.

«Heute ist das La Biu legal», sagt Antoine. «Nebst der sym­bo­li­schen Miete bezah­len wir natür­lich auch Strom und Was­ser.» Von den Beset­ze­rIn­nen der ers­ten Stunde wohnt nie­mand mehr im Haus. Das Kol­lek­tiv hat sich stark ver­än­dert, unter dem Dut­zend Haus­be­woh­ne­rIn­nen gibt es rege Wech­sel.

Antoine lebt seit fünf Jah­ren im alten Miets­haus. Sein Zim­mer liegt im obers­ten Stock, gleich unter dem Dach. Wir ducken uns durch einen engen Mau­er­durch­bruch, den die Haus­be­woh­ne­rIn­nen in die Wand geschla­gen haben, um die bei­den Trep­pen­häu­ser des Dop­pel­mehr­fa­mi­li­en­hau­ses mit­ein­an­der zu ver­bin­den.

«Es sieht impro­vi­siert aus, aber wir haben dar­auf geach­tet, dass die tra­gende Funk­tion der Wand nicht beein­träch­tigt wird und sogar eine Tür ein­ge­baut, als Feu­er­schutz», kom­men­tiert Antoine, wäh­rend wir hin­auf­stei­gen, an Schuh­re­ga­len und bunt über­kleb­ten Wän­den vor­bei.

Ein kur­zer Kor­ri­dor, eine schmale Holz­tür und wir ste­hen in sei­nem Reich. Auch hier eine durch­ge­schla­gene Wand: Zwei ehe­mals kleine düs­tere Kam­mern wur­den in ein licht­durch­flu­te­tes Refu­gium umfunk­tio­niert. Back­stein­kan­ten umrah­men den Durch­blick von der Wohn- in die Schlaf­ecke. Ein Holz­ofen sorgt für Wärme.

Die Pols­ter­gruppe ist ein Erb­stück: Einst zier­ten die ele­gan­ten Louis-Tou­jours-Stü­cke den Salon von Antoi­nes Gross­el­tern. In einer Ecke steht eine alte Rei­se­schreib­ma­schine neben einem Glo­bus. Natür­lich schreibe er seine Texte auf dem Com­pu­ter, lacht Antoine. Trotz­dem: Ab und zu benütze er die Schreib­ma­schine, weil er den Klang der Tas­ten liebe.

An den Wän­den zahl­rei­che Land­kar­ten: Eine Karte der Schweiz, eine vom Bie­ler­see, vom Aletsch­glet­scher und eine Über­sicht von Island. – Warum aus­ge­rech­net Island? Antoine war noch nie dort – aber die Karte habe ihm gefal­len. Genauso, wie der leere Gold­rah­men, der ein Stück weisse Wand umrahmt. «Ich mag ihn, er hing bereits in mei­nem Zim­mer in Lau­sanne an der Wand – jeder kann darin sehen, was er will.»

Ein alter Über­see­kof­fer beher­bergt Antoi­nes Biblio­thek. Bücher auch im Gestell an der Wand. Dar­un­ter ein Sur­vi­val-Guide der ame­ri­ka­ni­schen Armee. Das Buch gehöre sei­nem Freund und Schrift­stel­ler-Kol­le­gen José, der eben­falls im La Biu lebt und mit dem er oft in der Natur unter­wegs sei, erklärt Antoine.

Unter­wegs sein, Rei­sen in all sei­nen For­men – das sind Antoi­nes The­men. Sein ers­tes Buch, das im Bie­ler Ver­lag Edi­ti­ons du Noyau erschie­nen ist, heisst «Le chant des con­tai­ners», das zweite «Wan­der­lust». 2017 reiste er mit einem Con­tai­ner­schiff nach New York, wo er – ermög­licht durch ein Aus­land­sti­pen­dium des Kan­tons Bern für Kul­tur­schaf­fende – sechs Monate lebte und an sei­nem ers­ten lan­gen Roman schrieb.

Schrei­ben, sagt Antoine, sei für ihn Aus­druck einer poli­ti­schen Hal­tung. Als aus­ge­bil­de­ter Anthro­po­loge forme er gerne Stoffe aus der Rea­li­tät zu Geschich­ten. «Diese Geschich­ten sind aber stets Fik­tion» betont er und ergänzt: «Jeder Text ist Fik­tion, für mich ist auch Jour­na­lis­mus nichts ande­res als Fik­tion.»

Fik­tion aber, mit der er durch­aus Ein­fluss neh­men will, auf die «reale Welt». Des­halb the­ma­ti­sierte er im letz­ten Jahr auch das Zer­stö­rungs­pro­jekt der A5-Auto­bahn in zwei Tex­ten. In einer Erzäh­lung, die dem­nächst in einem Sam­mel­band publi­ziert wird, geht es um einen Prot­ago­nis­ten, der genau wie Antoine sel­ber, durch die Auto­bahn sein Daheim ver­liert. Und an einer Feier des fran­zö­si­schen Gym­na­si­ums am See hat er einen poe­ti­schen Text vor­ge­le­sen, in dem die dro­hende Bau­stelle eine zen­trale Rolle spielt.

Mit der geplan­ten West­astbau­stelle und Auto­bahn wür­den Räume zube­to­niert und Frei­räume zer­stört. Dabei ist das La Biu wohl ein Extrem­bei­spiel, das vie­len auch ein Dorn im Auge ist. «Nicht wenige wür­den sich freuen, wenn das La Biu ver­schwände» weiss auch Antoine. Weil man­che Leute Mühe hät­ten mit der Art, wie sie leb­ten. Schon die Ansamm­lung von Ramsch rund um das Haus wür­den viele abschre­cken.

«In der Schweiz hat die Haus­be­set­zer­szene einen schlech­ten Ruf, man hält uns für Pro­fi­teure» sagt Antoine. Für ihn ist die Tat­sa­che, dass man im auf Zeit geret­te­ten Abbruch­haus mit wenig Geld leben kann, aber nur ein Aspekt des Gan­zen. La Biu, betont er, stehe allen offen und sei des­halb auch Zufluchts­ort für viele, die sonst auf der Strasse ste­hen wür­den.

Das Kol­lek­tiv betreibt im Par­terre denn auch einen «Free Shop» – ein Bro­cken­haus, wo alte, noch brauch­bare Ware gra­tis ent­ge­gen­ge­nom­men und abge­ge­ben wird. Nebenan, im La Biu Bis­tro, fin­den regel­mäs­sig Kon­zerte und Lesun­gen statt – gra­tis.

Antoine sieht im La Biu aber noch ganz andere Vor­teile: Im Kol­lek­tiv ver­sam­mel­ten sich Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten aller Art. Als er ein­ge­zo­gen sei, habe er kaum gewusst, wie man mit einem Ham­mer oder Schrau­ben­zie­her umgeht. Dies hät­ten ihm seine Mit­be­woh­ne­rIn­nen aber schnell bei­ge­bracht. Nicht zuletzt, weil es in die­sem Haus stän­dig etwas zu Repa­rie­ren gebe… «Man hilft sich gegen­sei­tig, so müs­sen wir keine Dienst­leis­tun­gen ein­kau­fen», sagt Antoine. «Das ist eine Form von Auto­no­mie.»

Ein­ma­lig sei aber auch der Raum, der La Biu Kul­tur­schaf­fen­den biete: Hier konnte er, in geschütz­tem Rah­men, vor Heim­pu­bli­kum, seine ers­ten Lesun­gen hal­ten. Es gebe auch zahl­rei­che Bands, die ihre ers­ten Kon­zert­er­fah­run­gen im La Biu gesam­melt hät­ten und heute schweiz­weit bekannt seien.

Jeden Don­ners­tag ist zudem Bis­tro-Abend: Dann kocht das Kol­lek­tiv ein Nacht­es­sen, zu dem alle Hung­ri­gen und Neu­gie­ri­gen ein­ge­la­den sind. Man bezahlt dafür, soviel man will oder kann. Meist bewir­ten die KöchIn­nen des La Biu Fami­lie, Freun­dIn­nen, Bekannte – Leute aus dem enge­ren Kreis der Szene. «Eigent­lich schade», meint Antoine, der sich wünscht, dass künf­tig noch viel mehr Men­schen die nicht-kom­mer­zi­el­len Ange­bote und offe­nen Türen des La Biu nut­zen…

Text: © Gabriela Neu­haus, Januar 2018

PARA­GRA­PHEN STATT GESUN­DER MEN­SCHEN­VER­STAND

Gross war die Freude, als im März 2017 das ehe­ma­lige Balm­er­lä­deli an der Gurn­igel­strasse 21 zu neuem Leben erwachte. «Kiosk und Teeroom» stand in gros­sen Let­tern am Schau­fens­ter. Drin­nen ein Laden­tisch, der gleich­zei­tig als Theke diente. Im hin­te­ren Teil, lie­be­voll ein­ge­rich­tet, das gemüt­li­che «Stübli».

Ein Dut­zend Stühle an drei Tischen. Für mehr reichte der Platz nicht. Hand­ver­le­sen die stil­vol­len Möbel, die Bra­him El Mhamh, unter­stützt von sei­ner Frau Tanya, in ver­schie­de­nen Bro­cken­häu­sern zusam­men­ge­sucht hatte. An der Wand ein Bild der Bie­ler Künst­le­rin Chris­tina Sze­mere, das sie dem Tea-Room zur Ver­fü­gung gestellt hatte. Es passte per­fekt zum Inte­ri­eur und ver­lieh dem Raum Wärme und Kraft.

Schnell ent­deck­ten die Quar­tier­be­woh­ne­rIn­nen den neuen Treff­punkt. Eine Gruppe von Senio­rIn­nen traf sich regel­mäs­sig zum Apéro – bei schö­nen Wet­ter an den Tischen vor dem Laden­lo­kal, bei Regen drin­nen. Unter ihnen auch Paul und Maria Bal­mer, Haus­be­sit­zer und Ver­mie­ter des Laden­lo­kals.

Lange hat­ten sie nach einem pas­sen­den Mie­ter für ihr 40 Qua­drat­me­ter klei­nes Laden­lo­kal gesucht. Inves­tie­ren woll­ten sie aller­dings nicht mehr gross, da ihr Haus wegen dem A5-West­ast abge­bro­chen wer­den soll. Ein Han­di­cap, auch bei der Suche nach einem neuen Mie­ter, dem man natür­lich kla­ren Wein ein-schen­ken musste.

Ursprüng­lich ein Gemüse- und Quar­tier­la­den, war das Balm­er­lä­deli 30 Jahre lang ein stadt­be­kann­ter Blu­men­la­den, anschlies­send für sie­ben Jahre ein Hun­de­s­a­lon. Als des­sen Betrei­be­rin alters­hal­ber auf­gab, blie­ben die Türen des Laden­lo­kals lange geschlos­sen. «Es gab eine Reihe von Inter­es­sen­ten, die einen Kebab-Stand oder ein Pizza­lo­kal ein­rich­ten woll­ten. Das passte uns nicht, wir woll­ten nie­man­den, der hier regel­mäs­sig kocht», sagt Maria Bal­mer.

Die Idee eines Kiosks mit Tea-Room hin­ge­gen gefiel den Ver­mie­tern, die im obe­ren Stock woh­nen. Schnell wur­den sie sich mit den neuen Mie­tern han­dels­ei­nig: Bra­him El Mhambh wollte das Lokal sel­ber reno­vie­ren und für die nöti­gen Inves­ti­tio­nen auf­kom­men. Dafür wurde ihm für die ers­ten Monate der Miet­zins erlas­sen.

© Anita Vozza, Okto­ber 2017

Wie es das Gesetz erfor­dert, wurde Bra­him El Mhambh auch bei den Nidauer Behör­den vor­stel­lig. Dort erhielt er die nöti­gen For­mu­lare sowie die Mit­tei­lung, dass er den Laden nicht ein­fach in einen Gast­be­trieb umfunk­tio­nie­ren könne. Dafür brau­che es bau­li­che Mass­nah­men, wie zum Bei­spiel den Ein­bau einer Toi­let­ten­an­lage…

Gesagt, getan: Bra­him El Mhambh nahm die Anwei­sun­gen der Gewer­be­po­li­zei ernst. Er baute im hin­te­ren Teil des Lokals extra eine Gäste-Toi­lette ein, um den Vor­schrif­ten Genüge zu leis­ten. Genauso, wie er die Hygie­ne­auf­la­gen für den Aus­schank von Geträn­ken und Snacks befolgte. Schliess­lich war es nicht das erste Mal, dass er ein Lokal ein­rich­tete. Unter­stützt wurde er dabei von Freun­den, Bekann­ten und Nach­ba­rIn­nen.

Der gebür­tige Marok­ka­ner lebt seit 22 Jah­ren in der Schweiz und hat einen Schwei­zer Pass. Seine Part­ne­rin ist in der Schweiz auf­ge­wach­sen und hat ita­lie­ni­sche Wur­zeln. Mit ihren Kin­dern, die in Nidau zur Schule gehen, woh­nen sie gleich um die Ecke, an der Biel­strasse.

Eine ideale Vor­aus­set­zung für das neue Quar­tier­lo­kal: Im Kiosk boten sie eine breite Palette von all­täg­li­chen Lebens­mit­teln und Haus­halt­wa­ren an sowie aus­ge­wählte exo­ti­sche Spe­zia­li­tä­ten und kleine Geschenke. Genauso ent­hielt das Ange­bot an Geträn­ken und Snacks im «Teeroom» für jeden Geschmack das Rich­tige. Zum Kaf­fee gab es immer auch ein Guezli – Gast­freund­schaft wurde nicht nur gross geschrie­ben, son­dern gelebt.

Das gefiel den Leu­ten – Alt­ein­ge­ses­se­nen wie neu Zuge­zo­ge­nen aus dem nahen Weid­tei­le­quar­tier. Immer wie­der über­rasch­ten Bra­him El Mhambh und sein Team die Gäste und Kun­dIn­nen mit neuen Über­ra­schun­gen und Ideen. Der ein­zige Wer­muts­trop­fen sei die Vor­stel­lung, sagte Bra­him El Mhambh, dass sein Lokal irgend­wann der West­ast-Bau­stelle wei­chen müsse.

Das war Anfang Som­mer. Die Geschäfte lie­fen gut und im Gurn­igel­quar­tier freute man sich, end­lich wie­der einen Quar­tier­treff­punkt zu haben. Bis zu dem Tag, als die Gewer­be­po­li­zei Nidau, rund drei Monate nach Eröff­nung, bei der Durch­fahrt vom Auto aus die Auf­schrift «Kiosk und Teeroom» sowie die Tisch­chen vor dem Balm­er­lä­deli ent­deckte.

Umge­hend erhielt Bra­him El Mhambh eine Busse sowie einen Tele­fon­an­ruf von Poli­zei­chef Huber, der ihm beschied, er dürfe das Lokal nicht als «Teeroom» beschrif­ten und betrei­ben. Der über­rum­pelte Un-ter­neh­mer ver­suchte gar nicht erst, sein Lokal zu ver­tei­di­gen. «Ich fragte: Was darf ich denn? Und Huber hat gesagt: Es Lädeli», erin­nert er sich.

Aus Angst und weil er es sich mit den Behör­den nicht ver­der­ben wollte, reagierte Bra­him El Mhambh schnell. Schon nach weni­gen Tagen hatte er das «Teeroom» durch eine «Lädeli»-Aufschrift ersetzt. Stühle und Tische wur­den aus dem lie­be­voll ein­ge­rich­te­ten Stübli ent­fernt, gleich wie die Bis­tro-Tisch­chen vor dem Lokal.

Fotos: © Anita Vozza, Okto­ber 2017

Von einem Tag auf den ande­ren wurde das erfolg­rei­che KMU-Geschäfts­mo­dell umge­stos­sen. Bra­him El Mhambh musste die bei­den Teil­zeit­an­ge­stell­ten ent­las­sen: Ohne Apéro- und Kaf­fee­run­den konnte er ihre Löhne nicht mehr finan­zie­ren. Um wenigs­tens das Lädeli zu ret­ten, reiste er nach Marokko, wo er güns­tige Markt­ware ein­kaufte. So ver­sucht er nun, den Weg­fall der «Teeroom»-Gäste mit exo­ti­schen Klei­dern und Taschen zu kom­pen­sie­ren. Bis­her ohne Erfolg.

Vor­läu­fig will Bra­him El Mhambh noch nicht auf­ge­ben und stopft die Löcher in der Kasse mit den Ein­nah­men aus sei­ner Garage, die er im Ber­ner Jura betreibt. Wie lange das gut geht, ist offen.

«Die Umnut­zung eines Ladens in einen Gast­be­trieb braucht eine Bewil­li­gung, die haben wir ihnen nie erteilt», begrün­det Tho­mas Huber das Vor­ge­hen der Gewer­be­po­li­zei. Um die Bewil­li­gung zu erhal­ten, bräuchte es feu­er­po­li­zei­li­che Mass­nah­men, das Lebens­mit­tel­ge­setz müsse ein­ge­hal­ten, und eine Toi­let-ten­an­lage ein­ge­baut wer­den.

Auf den Ein­wand, dass bei der Reno­va­tion ent­spre­chende Vor­keh­run­gen getrof­fen wor­den seien und Bra­him El Mhambh unter ande­rem auch ein WC ein­ge­baut habe, sagte Huber, davon wisse er nichts. Es habe kein ent­spre­chen­des Bau­ge­such gege­ben und nein, vor Ort sei er nie gewe­sen.

Statt­des­sen erwähnt er, dass das «Teeroom» auch kein für Behin­derte zugäng­li­ches WC habe, wie es Vor­schrift sei. Auf die Frage, ob dies für die drei Tische im Stübli wirk­lich nötig gewe­sen wäre, wo nicht ein­mal die stadt­be­kannte Bäcke­rei, deren Tea-Room wesent­lich grös­ser ist, ein Behin­der­ten-WC anbiete, meint Huber nur: «Davon weiss ich nichts, das hat mein Vor­gän­ger ver­fügt.»

Er weist dar­auf hin, dass die Haus­ei­gen­tü­mer ja nicht bereit seien, ihrer­seits in bau­li­che Anpas­sun­gen zu inves­tie­ren. Dass sie dies nicht ein­mal dürf­ten, wenn sie woll­ten, weil ihnen für den Bau des West­asts Ent­eig­nung droht, davon weiss der Poli­zei­chef nichts. Der Vor­schlag, Bra­him El Mhambh für die Zwi­schen­nut­zung bis zum Abbruch der Lie­gen­schaft eine erleich­terte Betriebs­be­wil­li­gung zu gewäh­ren, inter­es­siert den Beam­ten nicht: Dafür sei er nicht zustän­dig. Punkt.

Eine ver­passte Chance. Statt dem all­seits belieb­ten «Kiosk und Teerom Gurn­igel» nach drei Mona­ten den Ste­cker zu zie­hen, hät­ten die zustän­di­gen Behör­den Bra­him El Mhambh und sei­nem Team mit der glei­chen Tole­ranz begeg­nen kön­nen, die sie in ande­ren Fäl­len offen­sicht­lich auf­brin­gen. Mit etwas mehr Of-fen­heit und Good­will hätte Nidau heute einen leben­di­gen, mul­ti­kul­tu­rel­len Quar­tier­treff­punkt.

Text: © Gabriela Neu­haus, Novem­ber 2017

«WIR BLEI­BEN, BIS DIE BAG­GER KOM­MEN»

Die gross­zü­gige Alt­bau­woh­nung wirkt sogar an die­sem düs­te­ren Novem­ber­nach­mit­tag hell und freund­lich. Die Bäume vor den Fens­tern haben schon viel Laub ver­lo­ren, so dass sie den Blick auf die Strasse frei­ge­ben. «Seit der Ost­ast offen ist, hat der Ver­kehr hier mas­siv abge­nom­men», sagt Mar­kus Neu­en­schwan­der. «Vor­her gab es wäh­rend der Stoss­zei­ten am Mor­gen, über Mit­tag und abends regel­mäs­sig Staus – die sind weg.»

Seit 18 Jah­ren woh­nen Mar­kus und Manuela Neu­en­schwan­der mit ihren Töch­tern in der See­vor­stadt Nr. 7. Das rund hun­dert­jäh­rige Haus ist eine Erwei­te­rung des ehe­ma­li­gen Gast­hofs «zum Schiff» und steht unter Denk­mal­schutz. Trotz­dem müsste auch die­ses alt­ehr­wür­dige Gebäude der Auto­bahn wei­chen, wenn der A5-West­ast wie geplant gebaut würde.

Fotos: © Anita Vozza, 2017

Mar­kus Neu­en­schwan­der nimmt es mit Gelas­sen­heit: «Wir blei­ben, bis die Bag­ger kom­men», sagt er. Mit gutem Grund: Die Lage ist ein­ma­lig. Mit­ten in der Stadt und gleich­wohl im Grü­nen, am See. Vor drei Jah­ren tauschte die Fami­lie ihre 4,5-Zimmerwohnung im obers­ten Stock gegen jene in der Mitte. Wegen der gros­sen Ter­rasse, auf die man durch die Küche gelangt. Ein wah­res Para­dies für lau­schige Som­mer­abende.

Erst kürz­lich hat Mar­kus Neu­en­schwan­der für die 20jährige Toch­ter zwei Man­sar­den unter dem Dach zu einer Mini-Woh­nung aus­ge­baut. Für ihren Schul­weg ins Gym­na­sium brauchte sie gerade mal fünf Minu­ten. Jetzt pen­delt sie nach Bern an die Uni. Aus­zie­hen ist vor­läu­fig kein Thema für sie, zu schön ist es in der Bie­ler See­vor­stadt.

Die jün­gere Toch­ter absol­viert aktu­ell ein Prak­ti­kum in Nidau. Sie fährt mit dem Velo dem See ent­lang zur Arbeit, wäh­rend sich Mar­kus Neu­en­schwan­der für sei­nen Arbeits­weg ins Spi­tal­zen­trum, wo er in der Medi­zin­tech­nik arbei­tet, auf die Vespa schwingt: «Die Wohn­lage ist ein­ma­lig. Fürs Mit­tag­essen kann ich nach­hause, am Abend bin ich sehr schnell daheim und kann den See genies­sen.»

Im Som­mer liebt er es, am Mor­gen vor der Arbeit schnell in den See zu sprin­gen. Danach gehe man den Tag ganz anders an, schwärmt er. Sol­che Lebens­qua­li­tät würde er ver­mis­sen, müsste die Fami­lie von hier weg­zie­hen. «Für mich ist es immer noch meine Traum­woh­nung», schwärmt er. Eigent­lich sei es fast, wie in einem eige­nen, frei­ste­hen­den Hüsli: Musik hören oder mit­ten in der Nacht Wäsche waschen sei hier kein Pro­blem. Sie hät­ten coole Nach­barn, mit denen sie sich gut ver­stün­den.

Als sie vor 18 Jah­ren etwas Grös­se­res such­ten, sind sie durch ein Inse­rat auf die Woh­nung auf­merk­sam gewor­den – und haben sich auf der Stelle in sie ver­liebt. Der rege Ver­kehr in der See­vor­stadt habe sie nie gestört, sagt Mar­kus Neu­en­schwan­der. Im Gegen­teil: Wenn es Stau gebe, sei es beson­ders ruhig, weil die Autos dann nicht durch­bret­tern kön­nen, sagt er. Wirk­lich laut seien vor allem die Güter­züge, die das Haus zum Beben brin­gen, wenn sie über den Bahn­damm fah­ren. Aber auch daran hät­ten sie sich gewöhnt.

Wegen des ange­droh­ten Abbruchs, haben die Haus­be­sit­zer in den letz­ten Jah­ren nicht mehr gross in den Unter­halt inves­tiert. Das sei nicht wei­ter schlimm, fin­det Mar­kus Neu­en­schwan­der. Das Haus sei in sehr gutem Zustand. «Heute baut man wohl keine Häu­ser mehr, die hun­dert­jäh­rig wer­den – frü­her war das noch anders. Diese Lie­gen­schaft würde wohl noch lange leben, wenn man sie nur liesse», meint er.

Er weiss, dass es ver­schie­dene Ver­eine und Komi­tees gibt, die das aktu­elle A5-West­astpro­jekt bekämp­fen. Die 16jährige Toch­ter sei sehr enga­giert, habe auch gehol­fen, die gefähr­de­ten Bäume zu mar­kie­ren und würde die Fami­lie stets auf dem Lau­fen­den hal­ten, sagt Mar­kus Neu­en­schwan­der. Sel­ber habe ihn die Sache bis­her noch nicht so stark beschäf­tigt, dass er aktiv gewor­den wäre. Weil er das Gefühl hat, dass es ohne­hin noch lange dau­ert, bis etwas geschieht – wenn über­haupt.

«Die Pla­nung begann vor 45 Jah­ren», sagt er. «Man hat immer mal wie­der dar­über gele­sen und gehört – kon­kre­ter wurde es erst mit dem Bau des Ost­asts.» Er habe nie daran geglaubt, dass die­ser West­ast wirk­lich kommt. Heute jedoch ist er gespal­ten: Einer­seits bestehe die Mög­lich­keit, dass Bund und Kan­ton – so stur und starr­köp­fig wie sie seien – die gespro­che­nen Gel­der nun aus­ge­ben und das Pro­jekt durch­zie­hen wol­len. Ande­rer­seits bestehe die Hoff­nung, dass die Behör­den und Poli­ti­ker ver­nünf­tig genug seien, um zu mer­ken, dass es kein zeit­ge­mäs­ses Pro­jekt mehr sei. «Die Mobi­li­tät wird sich ver­än­dern, die Evo­lu­tion geht so schnell. Ich zweifle daran, dass es diese Auto­bahn in 15 Jah­ren noch braucht.»  

Die Mobi­li­tät werde sich total ver­än­dern, ist Mar­kus Neu­en­schwan­der über­zeugt. Zudem zeigt der Ost­ast bereits Wir­kung, so dass man sich fra­gen müsse, für was die­ser West­ast über­haupt noch gebaut wer­den soll.

Falls es ent­ge­gen jeg­li­cher Ver­nunft doch noch soweit kom­men sollte, dass die Bag­ger auf­fah­ren, wäre das frü­hes­tens in fünf bis sechs Jah­ren, rech­net Mar­kus Neu­en­schwan­der aus. Bis dann wären die Töch­ter aus­ge­flo­gen, so dass sich Manuela und Mar­kus eine klei­nere Bleibe suchen wür­den: «Käme die Auto­bahn, wür­den wir in eine länd­li­chere Gegend zie­hen, oder wenn ich noch im Spi­tal­zen­trum arbeite, eher in diese Rich­tung – vor­aus­ge­setzt, wir fin­den dort etwas, das wir bezah­len kön­nen.» Was er auf kei­nen Fall will: Wäh­rend der 15jährigen Bau­zeit in der Stadt woh­nen.  

Text: © Gabriela Neu­haus, Novem­ber 2017