ASTRA ÜBER­HOLT SATIRE RECHTS!

Ob’s an der Hitze liegt? – Heute in der NZZ am Sonn­tag, und als saure Gurke sofort von allen Medien dank­bar auf­ge­nom­men: «Bund prüft dop­pel­stö­ckige Auto­bah­nen». In einem aus­führ­li­chen Inter­view beru­higt Astra-Direk­tor Jürg Röth­lis­ber­ger ein­lei­tend die ver­un­si­cher­ten Schwei­zer Auto­fah­re­rin­nen und Auto­fah­rer: Die von sei­nem Amt kürz­lich in Aus­sicht gestellte Tem­po­li­mite von 80km/h auf Auto­bah­nen sei jeweils nur tem­po­rär, und dort wo nötig geplant, um in Spit­zen­stun­den den Ver­kehr zu har­mo­ni­sie­ren.

Dann kommt es aber knüp­pel­dick: Jürg Röth­lis­ber­ger ver­steht die Auto­fah­re­rin­nen und Auto­fah­rer in der Schweiz als «zah­lende Ver­kehrs­kun­den», denen man ein mög­lichst staufreies Ver­kehrs­netz zur Ver­fü­gung stel­len müsse. Schliess­lich hät­ten nicht nur Bahn­fah­re­rIn­nen, so Röth­lis­ber­ger, «Anspruch auf ver­läss­li­che Ver­bin­dun­gen.»

Um sol­che für moto­ri­sierte Stras­sen­be­nüt­ze­rIn­nen zu gewähr­leis­ten, ist dem obers­ten Stras­sen­bauer der Schweiz kein Mit­tel zu teuer, kein Auf­wand zu gross. Über die aktu­ell bereits beschlos­se­nen 13 Mil­li­ar­den für den wei­te­ren Aus­bau der Natio­nal­stras­sen in der Schweiz hin­aus, denkt und plant er mit sei­nen Leu­ten bereits wei­ter. Etwa an einer vier­ten(!) Röhre durch den Bar­egg. Womit das Astra unsere sati­risch gemein­ten Auto­bahn­bau-Pro­gno­sen rechts über­holt…

thumbnail of Schweizer Autobahn

Doch man ist auch krea­tiv, beim Astra. Und denkt sogar an neuen Lini­en­füh­run­gen herum: Da man mit der Erwei­te­rung der bestehen­den Stre­cken­füh­rung lang­sam an Gren­zen stosse, stehe auch der Bau eines neuen, viel län­ge­ren Tun­nels mit­ten durchs Mit­tel­land zur Dis­kus­sion, ver­rät Röth­lis­ber­ger.

Das auf der Front­seite ange­kün­digte dop­pel­stö­ckige Auto­bahn­bau­werk würde in fer­ner Zukunft ein­mal das Lim­mat­tal zie­ren. Dazu Röth­lis­ber­ger: «Das Tras­see führt dort durch ein Flach­moor, wes­halb man kaum wei­ter in die Breite bauen kann. Daher überlegen wir uns, über die heu­tige Spur eine zweite Etage zu bauen.»

Wachs­tum ohne Ende, lau­tet die Devise in den Astra-Amts­stu­ben nach wie vor. Die Zunahme des moto­ri­sier­ten Stras­sen­ver­kehrs um 20% bis 2040? Natur­ge­ge­ben. Dass es sich hier bloss um Pro­gno­sen han­delt und man Ver­kehrs­zah­len mit len­ken­den Mass­nah­men steu­ern, also auch ein­däm­men könnte, davon keine Rede. Im Gegen­teil. Zukunfts­ge­rich­tete Visio­nen? Ein­be­zug aktu­el­ler For­schungs­re­sul­tate? – Weit gefehlt! Beim Astra bis­her nicht ange­kom­men.

Viel­leicht auch, weil der Chef des Astra aus der Bau­wirt­schaft kommt und dafür besorgt ist, dass wei­ter flott gebaut wird und damit auch die Unter­halts­kos­ten für die Steu­er­zah­le­rIn­nen ste­tig anstei­gen? Diese Pro­gnose wird natür­lich nicht an die grosse Astra-Glo­cke gehängt.

Die Stau­pro­bleme in der Schweiz seien rie­sig, sug­ge­riert auch die NZZ in ihrem Arti­kel und zitiert die Sta­tis­tik: «2017 stand der Ver­kehr auf Schwei­zer Auto­bah­nen wäh­rend fast 26’000 Stun­den still.» Das stimmt natür­lich so nicht wort­wört­lich, das weiss auch die NZZ. Denn was gemein­hin als Stau bezeich­net wird, ist lang­sa­mer als «nor­mal» rol­len­der Ver­kehr (stop and go).

Trotz­dem: Neh­men wir diese enorme Zahl von 26’000 Stun­den «Stau» und rech­nen wir kurz. Resul­tat: Bei ins­ge­samt 6,1 Mil­lio­nen hier­zu­lande imma­tri­ku­lier­ten Motor­fahr­zeu­gen macht das pro Fahr­zeug gerade mal 15,34 Sekun­den Stau im Jahr.  – Aber halt!

Da kom­men ja noch Tau­sende von Fahr­zeu­gen aus Deutsch­land, Hol­land, Bel­gien, Schwe­den etc. hinzu, die bei ihrer Durch­fahrt durch die Schweiz gleich zwei­mal ihren Bei­trag an die Stau­zei­ten leis­ten: Ein­mal bei der Hin- und dann wie­der bei der Rück­fahrt.

Über­haupt nicht berück­sich­tigt in die­sem Zah­len­spiel sind die LKWs – weder die in- noch die aus­län­di­schen. Sie alle krie­gen ja auch ihren Anteil am Stau…

Natür­lich trifft es die einen Motor­fahr­zeuge stär­ker,  und andere, die ste­hen nie im Stau. Aber so ist die Welt nun mal. Oder steht in der Bun­des­ver­fas­sung irgend etwas von Gerech­tig­keit im moto­ri­sier­ten Stras­sen­ver­kehr?

Übri­gens: Die immer wie­der behaup­tete Ver­dop­pe­lung der Staus infolge Ver­kehrs­über­las­tung seit 2009 sind ein Pro­dukt von zurecht­ge­bo­ge­nen Sta­tis­ti­ken. So schreibt etwa das Bun­des­amts für Sta­tis­tik: «Inwie­weit die mar­kante Stei­ge­rung der regis­trier­ten Staustun­den auf eine reale Zunahme der Staus zurückzuführen ist, kann nicht abschlies­send beur­teilt wer­den. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein beträcht­li­cher Teil der zusätz­lich gemes­se­nen Staustun­den auf eine ver­bes­serte Erfas­sung des Ver­kehrs­ge­sche­hens zurückzuführen ist.»

Auf einer sol­chen Basis also ent­schei­det das Astra, dass drin­gend Abhilfe not­wen­dig sei, für die Ent­schär­fung der Stau­si­tua­tion auf Schwei­zer Natio­nal­stras­sen. Und greift zum ältes­ten, längst als untaug­lich ent­larv­ten Mit­tel: Neue Stras­sen­ka­pa­zi­tä­ten sol­len her, auf Teu­fel komm raus. Dop­pel­stö­ckig gar und neue Tun­nels quer durchs Mit­tel­land.

Dass dies lang­fris­tig kein ein­zi­ges Ver­kehrs­pro­blem lösen wird, ist noch die harm­lo­seste Folge die­ses Unsinns. Denn mit neuen Stras­sen wird noch mehr Ver­kehr erzeugt. Und was mit Sicher­heit explo­die­ren wird, sind die Kos­ten für den Unter­halt die­ser auf teu­ren Kunst­bau­ten basie­ren­den Infra­struk­tur.

Bereits heute zeigt die Kurve der Unter­halts­kos­ten für Natio­nal­stras­sen expo­nen­ti­ell nach oben. Wol­len wir uns das in Zukunft noch leis­ten? Und dafür höhere Steu­ern zah­len und gleich­zei­tig Spar­mass­nah­men im Gesund­heits­we­sen, bei der Bil­dung, im Sozi­al­be­reich und bei der Kul­tur in Kauf neh­men? – Die Ant­wort lau­tet: Nein, Herr Röth­lis­ber­ger.

 

BYE BYE, BAR­BARA EGGER

Ein letz­ter Jube­lauf­tritt in Biel. Wie gewohnt mit einer Schere in der Hand. Dies­mal aller­dings nicht um ein paar Kilo­me­ter Auto­bahn ein­zu­wei­hen.

An der Schnur, die Bald­nicht­mehr-Regie­rungs­rä­tin Bar­bara Egger-Jen­zer mit ihrer Schere durch­schnei­det, hängt eine Fla­sche, die als­bald auf den Bug des neuen Bie­ler­see­schiffs «MS Engel­berg» knallt. Scher­ben klir­ren und Schaum­wein spritzt. Bar­bara Egger strahlt an die­sem Mai­en­tag wie ein Mai­kä­fer.

Es ist ihr letz­ter offi­zi­el­ler Auf­tritt als Regie­rungs­rä­tin. Nach lan­gen 16 Jah­ren im Amt, hat sie bereits ihr Direk­ti­ons­büro an der Rei­ter­strasse 11 in Bern geräumt und die Schlüs­sel ihrem Nach­fol­ger, SVP-Regie­rungs­rat Chris­toph Neu­haus, über­ge­ben.

In ihrem letz­ten News­let­ter hat die abtre­tende Bau-, Ver­kehrs- und Ener­gie­di­rek­to­rin bereits vor zwei Wochen Bilanz gezo­gen. Und von sich sel­ber das beein­dru­ckende Bild einer umtrie­bi­gen, inno­va­ti­ons­freu­di­gen und zukunfts­ori­en­tier­ten Poli­ti­ke­rin gezeich­net, die die Ent­wick­lung im Kan­ton Bern Schritt für Schritt in Rich­tung Nach­hal­tig­keit gelenkt habe.

Ihre Liste «mei­ner wich­tigs­ten Pro­jekte von 2002–2018» zeich­net sich denn auch durch atem­be­rau­bende Länge und Viel­falt aus. Sie reicht von der «Schaf­fung eines moder­nen Abfall­ge­set­zes» im Jahr 2002 über die Initia­tive «Müh­le­berg vom Netz» bis zum Tram Bern-Oster­mun­di­gen.

Beein­dru­ckend aber vor allem die unzäh­li­gen Stras­sen, die in Eggers Amts­zeit geplant, gebaut und ein­ge­weiht wor­den sind. Vehe­ment hat sie sich dabei immer wie­der erfolg­reich auf die Seite der Stras­sen­bauer geschla­gen. Ein­drück­li­che Bei­spiele dafür sind etwa der pracht­volle Wank­dorf­krei­sel in Bern, die gross­zü­gige A16 Trans­ju­rane oder der im letz­ten Okto­ber ein­ge­weihte A5-Ost­ast in Biel.

Vehe­ment hat Bar­bara Egger jah­re­lang auch des­sen Zwil­lings­pro­jekt, die A5-West­ast-Auto­bahn mit den inner­städ­ti­schen Anschlüs­sen, vor­an­ge­trie­ben und gegen alle Ein­wände ver­tei­digt. Ihr letz­ter Coup in die­ser Sache war die regie­rungs­rät­li­che schroffe Absage an eine Prü­fung des West­ast-so-bes­ser-Pro­jekts vom 16. Mai.  

Schon vor zwei Jah­ren hatte Bar­bara Egger im Inter­view mit der Zeit­schrift Hoch­par­terre klipp und klar kom­mu­ni­ziert: «Andern­orts sind diese Stras­sen längst gebaut – in der Region Biel plant man schon seit Jahr­zehn­ten und hat sich nun für diese Lösung ent­schie­den.» Es gebe kaum ein ande­res Auto­bahn­stück in der Schweiz, über das so inten­siv dis­ku­tiert wor­den sei, wie der West­ast in der Region Biel. Des­halb sei es nun höchste Zeit, das Geplante umzu­set­zen.

In der Tat: Als Bar­bara Egger das West­ast-Dos­sier 2002 von ihrer Vor­gän­ge­rin Dori Schär erbte, hatte die geplante Auto­bahn bereits eine bewegte Geschichte hin­ter sich. Und nun kamen noch neue Sicher­heits­vor­schrif­ten hinzu. Deren Folge: Wäh­rend Eggers Amts­zeit musste der West­ast völ­lig neu geplant und mehr­fach über­ar­bei­tet wer­den.

Damals wäre die Bau­di­rek­to­rin durch­aus bereit gewe­sen, die Wei­chen neu zu stel­len, wie sie betonte: «Für mich wäre auch die Null-Vari­ante eine Option gewe­sen.» Als dann aber die Arbeits­gruppe Stöckli 2010 den Grund­satz­ent­scheid für die Bei­be­hal­tung der bei­den geplan­ten inner­städ­ti­schen Anschlüsse fällte, stellte sich die Bau­di­rek­to­rin voll und ganz dahin­ter.

«Ich war nicht von jeder Lösung, von jedem Pro­jekt von Beginn weg über­zeugt. Wenn ich aber über­zeugt war, dann habe ich es durch alle Böden hin­durch ver­tei­digt», erklärte Bar­bara Egger diese Woche im Regio­nal­jour­nal auf Radio SRF. Ergän­zend kann man sagen: Durch alle Böden, und mit allen Mit­teln.

So erin­nern sich ehe­ma­lige Mit­glie­der der Begleit­gruppe, die zur soge­nannt «par­ti­zi­pa­ti­ven» Ent­wick­lung des West­ast-Pro­jekts ein­ge­setzt wurde, wie Par­ti­zi­pa­tion à la Egger (und Stöckli) aus­ge­se­hen hat: An den halb­jähr­lich statt­fin­den­den Ver­an­stal­tun­gen wur­den die Mit­glie­der durch Egger und die Pro­jekt­lei­ter über den neus­ten Stand der Arbei­ten infor­miert – es gab weder Zeit noch Raum für kri­ti­sche Fra­gen, geschweige denn Dis­kus­sio­nen über Alter­na­ti­ven. Zudem war es den Teil­neh­men­den unter­sagt, sich gegen­über den Medien zu äus­sern.

Bei Eggers Tief­bau­amt, das bei der West­ast-Pla­nung feder­füh­rend war, hielt man sich mit Infor­ma­tio­nen über das Pro­jekt gegen­über der Öffent­lich­keit bewusst zurück. Weil Zei­tungs­be­richte den Wider­stand wecken könn­ten, was unan­ge­nehm und müh­sam sei, wie ein ehe­ma­li­ger Chef­be­am­ter frei­mü­tig ein­räumte. So konnte sich die breite Öffent­lich­keit erst ein Bild über die Dimen­sio­nen der geplan­ten West­ast-Auto­bahn machen, als das Aus­füh­rungs­pro­jekt im Früh­ling 2017 auf­ge­legt wurde.

Der wach­sen­den Oppo­si­tion in Biel begeg­nete die Magis­tra­tin mit Abge­klärt­heit. Es sei nor­mal, dass sich beim Näher­rü­cken des Bau­be­ginns ein gewis­ser Wider­stand bemerk­bar mache, das gehöre zu einem sol­chen Pro­jekt, lau­tete ihr Kom­men­tar. Bis im letz­ten Spät­som­mer der Druck von der Strasse grös­ser wurde, und sich SP-Stadt­prä­si­dent Erich Fehr und SP-Regie­rungs­rä­tin Egger auf eine neue Flos­kel einig­ten: Falls ein Pro­jekt mit einer «glei­chen ver­kehr­li­chen Wir­kung» vor­ge­legt würde, wäre man bereit, zu prü­fen…

Nun, am Ende ihrer Amts­zeit hat Bar­bara Egger noch ein­mal auf Power­play gesetzt und der gefor­der­ten Dis­kus­sion eine Absage erteilt. Mit der glei­chen Vehe­menz, mit der sie jah­re­lang für ihre Pro­jekte gekämpft hat, tut sie dies auch für den A5-Wesatst, bis zur letz­ten Stunde im Regie­rungs­amt. Und viel­leicht auch dar­über hin­aus…

So denkt Bar­bara Egger bereits laut über eine Stän­de­rats­kan­di­da­tur nach, falls Hans Stöckli – ihr alter West­ast-Weg­ge­fährte, 2019 nicht mehr antre­ten sollte. Es ist aber auch gut mög­lich, dass Peter Moser vom Komi­tee Pro-West­ast ihrem neuen Bera­tungs­büro (laut «Bund» Egger-Jen­zer und drei wei­tere Frauen – Name des Büros noch nicht bekannt) ein Man­dat erteilt, um die etwas ins Schleu­dern gera­tene Auto­bahn wie­der auf Kurs zu brin­gen.

Moser und Egger ver­bin­det näm­lich eine Vision: Vor Jah­ren haben der mitt­ler­weile 70jährige FDP-Poli­ti­ker und die 61jährige Bar­bara Egger abge­macht, dass sie der­einst gemein­sam die Ein­wei­hungs­fei­er­lich­kei­ten der A5-Westastau­to­bahn besu­chen und auf das end­lich geglückte Pro­jekt anstos­sen und wie in alten Zei­ten zur Schere grei­fen wol­len.

Wäh­rend der gleich­zei­tig abtre­tende Regie­rungs­rat HJK Hans-Jürg Käser sich sei­ner Modell­ei­sen­bahn­lei­den­schaft zuwen­den will, ist zu befürch­ten, dass Bar­bara Egger Jen­zer sich nicht der klas­si­schen Sche­ren­schnitt­pas­sion hin­ge­ben wird, son­dern wei­ter umtrie­big dabei ist, wenn soge­nannt nach­hal­tig und inno­va­tiv neue Stras­sen in ihrem frü­he­ren Wir­kungs­ge­biet eröff­net wer­den. Wir wet­ten mal, dass der A5-West­ast nach­hal­tig nicht dazu gehö­ren wird.

 

SCHLA­FENDE BEWE­GUNG ERSCHLAFFT

Ein Jahr ist es her, dass die ers­ten Stopp-A5-West­ast Bla­chen an Gar­ten­zäu­nen und Haus­wän­den auf­tauch­ten. Zuerst im Müh­le­feld, bald schon in der gan­zen Region: Es war Früh­ling, und der schon lange gärende Wider­stand gegen das A5-Auto­bahn­pro­jekt kam so rich­tig in Bewe­gung. Den Start­schuss bil­dete eine ein­drück­li­che Velo-Demo.

Jetzt ist wie­der Früh­ling – doch von Bewe­gung ist heuer nichts zu spü­ren. Im Gegen­teil: In der Region Biel haben die ewig-gest­ri­gen Freunde des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs längst wie­der die Ober­hand. Seit Wochen bekla­gen sie sich laut­stark – in Arti­keln, Sen­dun­gen und Leser­brie­fen – über Ein­bahn­stras­sen, 30er Zonen oder neue Licht­si­gnal­an­la­gen, die dafür sor­gen sol­len, dass der Auto­ver­kehr den Umweg über die Ostastau­to­bahn nimmt.

Ein­zig Denis Ros­sel hält in sei­nem Leser­brief vom 18. April dage­gen. In kur­zen Sät­zen deckt er den ewig glei­chen Mecha­nis­mus auf, mit dem eine ganz­heit­li­che Ver­kehrs­po­li­tik von der Auto­lobby lau­fend sabo­tiert wird: «Für sie zählt weder die Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät in bestimm­ten Quar­tie­ren infolge gerin­ge­rem Ver­kehr, noch die Ver­bes­se­rung der Sicher­heit für velo­fah­rende Kin­der oder die Tat­sa­che, dass der öffent­li­che Ver­kehr jetzt wie­der pünkt­lich ist.»

Eigent­lich wäre jetzt der ideale Moment – und viel­leicht die letzte Chance – einer men­schen­freund­li­chen Ent­wick­lung unse­rer Region zum Durch­bruch zu ver­hel­fen: Wäh­rend man sich beim UVEK und beim Kan­ton mit den über 650 Ein­spra­chen beschäf­tigt, die letz­tes Jahr gegen das Pro­jekt ein­ge­gan­gen sind, könnte die Zeit für die Ent­wick­lung einer zukunfts­fä­hi­gen Mobi­li­tät genutzt wer­den. Der Boden wäre vor­be­rei­tet… Doch all die Ver­eine und Komi­tees, die letz­tes Jahr gegen den Auto­bahn­bau mobi­li­siert haben, sind noch immer im Win­ter­schlaf.

Ob das gut kommt?

Zur Erin­ne­rung: Vor einem Jahr – in der Zeit vom 18. April bis zum 23. Mai 2017 – wur­den die Pläne für das A5-Mons­ter­pro­jekt öffent­lich auf­ge­legt. Ein Rie­sen­sta­pel von Papier, den kaum jemand bewäl­ti­gen konnte. Die behörd­li­che soge­nannte Infor­ma­ti­ons­aus­stel­lung im A5-Pavil­lon glich eher einer Pro­pa­gan­da­ver­an­stal­tung für das Pro­jekt, genauso die Web­site. Und die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Aus­ste­ckun­gen waren ver­wir­rend und unvoll­stän­dig. Ver­schie­dene Orga­ni­sa­tio­nen und Pri­vate reich­ten des­halb beim zustän­di­gen Bun­des­amt UVEK Beschwerde ein – die Medien berich­te­ten dar­über. Auf eine Ant­wort war­ten wir bis heute.

So nahm die Bevöl­ke­rung der Region schliess­lich das Heft sel­ber in die Hand: Am kurz­fris­tig orga­ni­sier­ten Flashmob vom 20. Mai radel­ten und klin­gel­ten über 1200 Men­schen – Gross und Klein, Jung und Alt – gegen das mons­tröse Auto­bahn­pro­jekt. Auf­bruch­stim­mung, Freude, Ener­gie. Die Auto­bahn-Geg­ne­rIn­nen erleb­ten zum ers­ten Mal: Wir sind viele, wir kön­nen etwas bewe­gen!

Ein paar Tage spä­ter schon, die nächste Aktion: Eine Gruppe von Bür­ge­rIn­nen mar­kierte in einer Blitz­ak­tion die 750 Stadt­bäume, die laut Auf­la­ge­plä­nen dem West­ast geop­fert wer­den soll­ten. Obschon die Stadt­be­hör­den die Pla­kate schnellst­mög­lich wie­der ent­fer­nen liess, zeig­ten sie grosse Wir­kung. Das Thema war nun in aller Munde. Viele Men­schen, die sich bis dahin der zer­stö­re­ri­schen Dimen­sio­nen der geplan­ten Auto­bahn nicht bewusst waren, for­der­ten eine erneute Mar­kie­rung. Gleich­zei­tig erklang immer stär­ker der Ruf nach einer gros­sen Demo…

Die Bewe­gung war nun rich­tig in Fahrt: Erneut wur­den Pla­kate gedruckt, Bäume mar­kiert. Der neu gegrün­dete Ver­ein «Biel notre amour» sam­melte Unter­schrif­ten für eine Peti­tion gegen den West­ast. Ein wei­te­rer Ver­ein mit dem Namen «Biel wird laut» machte sich an die Orga­ni­sa­tion einer gros­sen Demo im Herbst. Der West­ast und seine Bedro­hung für die Region waren nun ein Dau­er­thema in den Medien.

Urs Scheuss, grü­ner Stadt­rat in Biel und Vor­stands­mit­glied beim Komi­tee «West­ast so nicht!» wagte damals eine opti­mis­ti­sche Pro­gnose: «Der Som­mer 2017 wird als ‘Som­mer, in dem der West­ast beer­digt wurde in die Geschichte ein­ge­hen!» stellte er anläss­lich einer Sit­zung der akti­ven West­ast-Geg­ner­schaft in Aus­sicht.

Doch es kam anders: Nach der Über­gabe der Peti­tion ist der Ver­ein «Biel notre amour» von der Bild­flä­che ver­schwun­den. Auf der Web­site prangt seit Mona­ten das Bild des Beer­din­gungs­grüpp­chens, das Ende Okto­ber die 10’000 Unter­schrif­ten nach Bern gebracht hat. Ein sym­bol­haf­tes Abschluss­bild für eine einst hoff­nungs­volle Bewe­gung? Wer beer­digt da was und wen?

Auch «Biel wird laut» ist ver­stummt. Auf deren Web­site kann man sich immer­hin noch an den schö­nen Demo­bil­dern vom 23. Sep­tem­ber 2017 erlaben. Damit hat sich’s. Und das Komi­tee «West­ast so nicht!» ist gar zum Ver­ein der Auto­bahn­bauer «West­ast so bes­ser» mutiert.

Der Ver­eins­vor­stand brüs­tet sich zwar gerne damit, man sei «die grösste Bür­ger­be­we­gung der Region.». Nur: Von Bewe­gung auch hier keine Spur.

Hin­ter den Kulis­sen, hört man, soll es Gesprä­che mit den Behör­den geben. Das Thema: Die Mach­bar­keits­un­ter­su­chun­gen zur «West­ast-so-bes­ser-Auto­bahn». Bis heute hat der Ver­eins­vor­stand nicht ein­mal die Briefe, die das Komi­tee vom Kan­ton und von der Stadt erhal­ten hat, all sei­nen Mit­glie­dern zugäng­lich gemacht. Dies, obschon ein Beschluss an der Jah­res­ver­samm­lung Anfang April genau dies gefor­dert hat.

Auf der Web­site des Komi­tees fin­det man unter «Aktu­ell» immer noch den Auf­ruf für die Gross­rats­wah­len vom März 2018 – im Übri­gen ist sie zur Pro­mo­site der «West­ast-so-bes­ser-Auto­bahn» ver­kom­men. Nicht so schön und pro­fes­sio­nell gemacht wie die A5-Web­site der Behör­den – aber im glei­chen Sinn und Geist.

Bewe­gung geht anders. Es braucht eine dau­er­hafte aktive Ein­mi­schung in die Zukunfts- und Mobi­li­täts­po­li­tik. Auf allen Ebe­nen! Der Boden ist vor­be­rei­tet, wir müss­ten jetzt ein­fach die Zeit nut­zen. Und mit neuen, krea­ti­ven, lust­vol­len Aktio­nen einer inno­va­ti­ven, zukunfts­fä­hi­gen Mobi­li­tät den Weg berei­ten. Oder, wie Urs Scheuss letz­ten Som­mer noch gesagt hat: «Wir müs­sen unsere eige­nen Visio­nen für die künf­tige Ver­kehrs­po­li­tik ent­wi­ckeln, damit wir bereit sind, wenn die West­ast-Dis­kus­sion wei­ter geht.»

Denn eines steht fest: So wie vor einem Jahr bei der Plan­auf­lage vor­ge­stellt, kann die West­ast-Auto­bahn nicht gebaut wer­den. Es wird zu Modi­fi­ka­tio­nen kom­men. Wol­len wir dann­zu­mal wirk­lich mit­re­den, müs­sen wir jetzt aktiv blei­ben.

Denn eines steht fest: Auch «West­ast-so-bes­ser» wird nicht kom­men. Zum Glück, denn auch diese Vari­ante bringt mehr Pro­bleme als Lösun­gen.

Auto­bah­nen bauen war ges­tern!