BÄUME

 

 

BÄUME

 

 

DIE PRÄCHTIGE PLATANE 
AM KREISEL

 

Seit Menschengedenken steht sie da – von PassantInnen kaum wahrgenommen und doch ein Teil der Stadt. Wäre sie eines Morgens umgesägt, ein Aufschrei ginge durchs Quartier. Ein Stadtbaum, ehrwürdig und von bester Gesundheit – und doch bedroht…

© Text: Gabriela Neuhaus

Es gibt in der Stadt Biel Prominentere.  Die rund 230 Jahre alte Kastanie hinter der Stadtkirche zum Beispiel. Oder die mächtige Rotbuche beim Neuen Museum Biel, die sogenannte Neuhausbuche, die noch einige Jahrzehnte älter ist und der einzige geschützte Baum der Stadt. Nebst diesen beiden berühmten Bieler Bäumen gibt es unzählige weitere Prachtexemplare, die ebenfalls Prominentenstatus verdient hätten: Im Stadtpark, auf dem Strandboden, im Pasquart…

…oder an Strassenkreuzungen. Wie «meine» Platane am Sandhauskreisel, auf der Grenze zwischen Biel und Nidau. Mächtig ragt sie in den Himmel und begrünt den Strassenraum am Tor zum Mühlefeld. Dort, wo die BTI-Bahn die Gurnigelstrasse kreuzt, bevor sie hinter den Häusern Richtung Nidau verschwindet.

Im Mühlefeldquartier aufgewachsen, bin ich jahrelang an ihr vorübergegangen. Tausende Male habe ich ihren Schatten durchquert, tausende Male flüsterten mir ihre Blätter zu. Vergeblich: Ich habe den Baum nicht gesehen, sein Rauschen nicht gehört. Bis mir eines Tages – es war im Herbst 2016 – eine Anwohnerin Augen und Ohren geöffnet hat.

In einem Interview erzählte Stephanie Lewis, die seit bald 20 Jahren an der Gurnigelstrasse wohnt, über die Vorzüge ihrer Stadtwohnung in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Zum Schluss bemerkte sie schmunzelnd: «Von unserer Wohnung sehen wir auf das Schloss Nidau – wenn ich im Bett liege blicke ich in die Krone der Platane vor dem Fenster und habe das Gefühl, ich sei irgendwo in den Ferien.»

Ein Baum, der Feriengefühle vermittelt, mitten in der Stadt? Am Kreisel hinter dem alten Schlachthof? Ich traute meinen Ohren nicht.

Beschämt rieb ich mir die Augen, als ich kurze Zeit später vor dem Sandhaus stand und über die Strasse in den mächtigen Wipfel hinaufblickte. Wie nur war es möglich, diese Platane und ihre daneben stehende kleinere Schwester in all den Jahren zu übersehen?

Genau in der Kurve, wo ich so oft mit dem Fahrrad von der Murtenstrasse herkommend in die Gurnigelstrasse eingebogen bin, steht der mächtige Stamm mit der für Platanen typisch gefleckten Rinde. Über den Köpfen der PassantInnen verzweigt er sich in eine Handvoll ausladender Äste, die ein grünes Blätterdach über den Strassenbaum spannen. Der Blick hinauf ins Grün ist überwältigend und entführt einen tatsächlich in eine andere Welt…

Rund 27 Meter sei sie hoch, schätzt der städtische Baumpfleger Daniel Nussbaumer. Er betreut Biels Bäume seit 40 Jahren und hat auch die Platane am Gurnigelkreisel wachsen sehen. «Bäume sind meine Leidenschaft – und es gibt nichts schöneres, als zu beobachten, wie sich ein Baum über die Jahre weiter entwickelt, richtig gross wird.» Etwa halb so gross wie heute sei die Platane beim Sandhaus gewesen, als er sie zum ersten Mal etwas gestutzt habe, erinnert er sich. Sie sei schnell gewachsen und habe sich sehr gut entwickelt – ein Hinweis darauf, dass es ihr hier wohl sei. Trotz dem unwirtlichen Standort dicht an der Strasse, zwischen dem asphaltierten Trottoir und dem gekiesten Parkplatz. Ein richtiger Stadtbaum eben.

«Man hat den Baum hier gepflanzt, um das Quartier zu verschönern und für unsere Lungen», sagt Daniel Nussbaumer. Die wichtige Funktion von Stadtbäumen sei den Bielerinnen und Bielern schon früh bewusst gewesen. Vielleicht sollte die junge Platane an der Strassenkreuzung das entstehende Wohnquartier im Mühlefeld vor dem damals regen Betrieb im Schlachthof abschirmen? Ihr Alter – laut Daniel Nussbaumer gut 70 Jahre – deutet darauf hin, dass sie während oder kurz nach dem Bau des Sandhauses hierher gepflanzt worden ist: Das Wohn- und Geschäftshaus mit der eindrücklichen, halbrunden Fassade an der Alexander-Moser-Strasse 1, stammt aus dem Jahr 1937.

Die Platane hat miterlebt, wie sich das Mühlefeld zu einem lebendigen Stadtquartier entwickelt hat. Da waren die PassantInnen, die täglich auf dem Weg zur Arbeit an ihr vorübereilten. Auf dem Parkplatz, den sie beschattet, parkten jahrelang die Angestellten des Schlachthofs ihre Autos. Vor allem aber beobachtete sie die Menschen aus dem Quartier, die in der Bäckerei und der Metzgerei im Sandhaus vis-à-vis oder im Gemüseladen von Balmers und im Milchladen von Frau Geiser einkauften. Sie kamen Tag für Tag und verweilten gerne für einen Schwatz im Schatten der Platane.

Ein fester Bestandteil des Alltagslebens an der Kreuzung war über Jahrzehnte auch das ehemalige Restaurant Schönegg mit den üppigen Kastanienbäumen. Wie oft stimmte die Platane in die Klänge und die Rufe aus dem Biergarten ein. Doch die Zeiten änderten sich. Keine Kastanienbäume mehr, das Schönegg verschwunden – geblieben ist eine unwirtliche Brache. Gegenüber musste ein Laden nach dem andern schliessen – am längsten hielt sich die Bäckerei. Und im Schlachthof werden längst keine Tiere mehr geschlachtet.

Dafür nahm der Verkehr stark zu – nicht nur die Autos und Lastwagen auf der Strasse. Auch die BTI-Bahn passiert die Kreuzung heute tagsüber achtmal stündlich unter lautem Warngeklingel. Wer heute die zum Kreisel ausgebaute Kreuzung passiert, hat es in der Regel eilig.

Von all dem liess sich die Platane nicht beirren. Unerschütterlich steht sie an ihrem Platz und schenkt der Stadt Jahr für Jahr im Frühling frisches Grün, im Sommer Schatten und wunderbare Farben im Herbst. «Die Platane ist ein grossartiger Baum», schwärmt Baumpfleger Daniel Nussbaumer. «Ich staune immer wieder über ihre Verkehrssicherheit: Sie ist sehr robust, hat kaum dürre Äste – ich hätte noch nie gesehen, dass eine Platane wegen Fäulnis oder einer anderen Krankheit auseinanderfällt. Sie weisen auch keine Sturmschäden auf – kurzum: Platanen sind sehr nachhaltige Bäume.»

Genau genommen handelt es sich bei den Bieler Platanen um sogenannte Ahornblättrige Platanen – auch Bastard-Platanen genannt. Ihre Familiengeschichte geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals entstand durch die Kreuzung der Amerikanischen Platane (Platanus occidentalis) mit der Morgenländischen Platane (Platanus orientalis) die neue winterharte Platane, die heute in ganz Europa anzutreffen ist. Zu den ältesten Bieler Platanen gehören die stattlichen rund 150jährigen Bäume auf der Neptunwiese.

Platanen können nicht nur alt werden – was in Zeiten angeblich knapper Finanzen ebenfalls ins Gewicht fällt: Sie sind pflegeleicht. Alle drei bis vier Jahre erhält die Platane am Gurnigelkreisel von der Stadtgärtnerei den notwendigen Schnitt, damit ihr Blätterdach dem vorgeschriebenen Lichtraumprofil entspricht: Über dem Strassenraum muss es bis auf eine Höhe von 4,5 Metern und vom Randstein her einen halben Meter in die Tiefe weggeschnitten werden. Damit ist den Anforderungen an den Verkehr bereits Genüge getan. Der Baum ist kerngesund und könnte gut und gerne noch ein paar Meter weiter in die Höhe wachsen. Könnte…

Denn die schöne Platane am Gurnigelkreisel soll, geht es nach den Plänen der A5-Westast-Autobahnbauern, ohne Not umgesägt werden. Weil sie der Monster-Baustelle im Weg steht.

 

Eine gekürzte Version sowie vor allem auch weitere lesenswerte Baumgeschichten (nicht nur) aus Biel in der aktuellen Ausgabe von

VISION 2035

 

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BÄUME IN BERN

 

Während der Anteil der Baumflächen im durchschnittlichen Schweizer Siedlungsraum in den letzten 24 Jahren um 9,9 Prozent zurückgegangen ist, hat er in Bern um 17,8 Prozent zugenommen. – Dies ist eine von  zahlreichen Informationen, die man auf der Website der Stadt Bern unter dem Stichwort Bäume findet. Der Baumkataster, in dem die weit über 20’000 Bäume erfasst sind, ist seit 2003 online und für alle Interessierten zugänglich.

Auch in Bern müssen zuweilen Bäume Baumstellen weichen. Ein Kahlschlag von über 700 Stadtbäumen, wie er für den Bau der A5-Westastautobahn geplant ist, müsste aber ganz andere Hürden nehmen, als dies in Biel der Fall ist.

Im Gegensatz zu Biel hat die Stadt Bern nämlich ein umfassendes Baumschutzreglement. Und einen engagierten Baum-Verantwortlichen, der sich für seine Schützlinge engagiert, wie Dölf Barben in seiner scbhönen Reportage vom 21. August schildert: 

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745 Bäume 

sollen gefällt werden!

Bäume weg 5

Frage des Tages:

 

Wieviele geschützte Bäume gibt es in der Stadt Biel?

 
 

Antwort A: 1

Antwort B: 36

Antwort C: 745

  

Richtige Antwort:  1 Baum

 

Der A5-Westast-Autobahn sollen 745 Stadtbäume geopfert werden. Darunter ganze Alleen, wie etwa entlang der Neuenburgstrasse, am Dammweg oder an der Salzhausstrasse. Aber auch unzählige stolze Einzelexemplare – auf dem Strandboden, beim Gurnigelkreisel… in zahlreichen Privatgärten.

Ist das überhaupt zulässig? wundert sich die erstaunte Bürgerin. (..) WEITERLESEN

Und – kaum zu glauben: Die kleine Stadt Nidau ist bezüglich Baumschutz der grossen Stadt Biel meilenweit voraus. LESEN

 


Motor

Traurig, aber wahr: Die Stadt Biel gibt ihre Bäume her – wenn die Bevölkerung das zulässt. 
 VIDEO CLICK AND SEE

 

Auch Bäume wissen sich zu wehren…

 


 

EINLADUNG

 EIN GANZ BESONDERER GARTEN

 

…befindet sich zwischen Gurnigelstrasse und dem Bahngleis des Täuffelenbähnlis in Nidau. Die grüne Oase mit zahlreichen altehrwürdigen Bäumen und Sträuchern, einem Biotop, bunten Blumen, würzigen Kräutern und sonstigen Überraschungen lädt zum Verweilen und zum Träumen. 

Am Samstag 17. und Sonntag 18. Juni 2018 war das Wochenende der offenen Gärten. Aus diesem Anlass luden Margrit Schöbi und Leo Horlacher alle Interessierten an die Gurnigelstrasse 50 in ihren Garten ein. Die Tore standen offen, jeweils von 12 bis 17 Uhr – es gab auch viele Informationen und eine Erfrischung. Und natürlich viel zu bewundern… Unter anderem drei geschützte Bäume – hier die Geschichte dazu.