ASTRA ÜBERHOLT SATIRE RECHTS!

Ob’s an der Hitze liegt? – Heute in der NZZ am Sonntag, und als saure Gurke sofort von allen Medien dankbar aufgenommen: «Bund prüft doppelstöckige Autobahnen». In einem ausführlichen Interview beruhigt Astra-Direktor Jürg Röthlisberger einleitend die verunsicherten Schweizer Autofahrerinnen und Autofahrer: Die von seinem Amt kürzlich in Aussicht gestellte Tempolimite von 80km/h auf Autobahnen sei jeweils nur temporär, und dort wo nötig geplant, um in Spitzenstunden den Verkehr zu harmonisieren.

Dann kommt es aber knüppeldick: Jürg Röthlisberger versteht die Autofahrerinnen und Autofahrer in der Schweiz als «zahlende Verkehrskunden», denen man ein möglichst staufreies Verkehrsnetz zur Verfügung stellen müsse. Schliesslich hätten nicht nur BahnfahrerInnen, so Röthlisberger, «Anspruch auf verlässliche Verbindungen.»

Um solche für motorisierte StrassenbenützerInnen zu gewährleisten, ist dem obersten Strassenbauer der Schweiz kein Mittel zu teuer, kein Aufwand zu gross. Über die aktuell bereits beschlossenen 13 Milliarden für den weiteren Ausbau der Nationalstrassen in der Schweiz hinaus, denkt und plant er mit seinen Leuten bereits weiter. Etwa an einer vierten(!) Röhre durch den Baregg. Womit das Astra unsere satirisch gemeinten Autobahnbau-Prognosen rechts überholt…

thumbnail of Schweizer Autobahn

Doch man ist auch kreativ, beim Astra. Und denkt sogar an neuen Linienführungen herum: Da man mit der Erweiterung der bestehenden Streckenführung langsam an Grenzen stosse, stehe auch der Bau eines neuen, viel längeren Tunnels mitten durchs Mittelland zur Diskussion, verrät Röthlisberger.

Das auf der Frontseite angekündigte doppelstöckige Autobahnbauwerk würde in ferner Zukunft einmal das Limmattal zieren. Dazu Röthlisberger: «Das Trassee führt dort durch ein Flachmoor, weshalb man kaum weiter in die Breite bauen kann. Daher überlegen wir uns, über die heutige Spur eine zweite Etage zu bauen.»

Wachstum ohne Ende, lautet die Devise in den Astra-Amtsstuben nach wie vor. Die Zunahme des motorisierten Strassenverkehrs um 20% bis 2040? Naturgegeben. Dass es sich hier bloss um Prognosen handelt und man Verkehrszahlen mit lenkenden Massnahmen steuern, also auch eindämmen könnte, davon keine Rede. Im Gegenteil. Zukunftsgerichtete Visionen? Einbezug aktueller Forschungsresultate? – Weit gefehlt! Beim Astra bisher nicht angekommen.

Vielleicht auch, weil der Chef des Astra aus der Bauwirtschaft kommt und dafür besorgt ist, dass weiter flott gebaut wird und damit auch die Unterhaltskosten für die SteuerzahlerInnen stetig ansteigen? Diese Prognose wird natürlich nicht an die grosse Astra-Glocke gehängt.

Die Stauprobleme in der Schweiz seien riesig, suggeriert auch die NZZ in ihrem Artikel und zitiert die Statistik: «2017 stand der Verkehr auf Schweizer Autobahnen während fast 26’000 Stunden still.» Das stimmt natürlich so nicht wortwörtlich, das weiss auch die NZZ. Denn was gemeinhin als Stau bezeichnet wird, ist langsamer als «normal» rollender Verkehr (stop and go).

Trotzdem: Nehmen wir diese enorme Zahl von 26’000 Stunden «Stau» und rechnen wir kurz. Resultat: Bei insgesamt 6,1 Millionen hierzulande immatrikulierten Motorfahrzeugen macht das pro Fahrzeug gerade mal 15,34 Sekunden Stau im Jahr.  – Aber halt!

Da kommen ja noch Tausende von Fahrzeugen aus Deutschland, Holland, Belgien, Schweden etc. hinzu, die bei ihrer Durchfahrt durch die Schweiz gleich zweimal ihren Beitrag an die Stauzeiten leisten: Einmal bei der Hin- und dann wieder bei der Rückfahrt.

Überhaupt nicht berücksichtigt in diesem Zahlenspiel sind die LKWs – weder die in- noch die ausländischen. Sie alle kriegen ja auch ihren Anteil am Stau…

Natürlich trifft es die einen Motorfahrzeuge stärker,  und andere, die stehen nie im Stau. Aber so ist die Welt nun mal. Oder steht in der Bundesverfassung irgend etwas von Gerechtigkeit im motorisierten Strassenverkehr?

Übrigens: Die immer wieder behauptete Verdoppelung der Staus infolge Verkehrsüberlastung seit 2009 sind ein Produkt von zurechtgebogenen Statistiken. So schreibt etwa das Bundesamts für Statistik: «Inwieweit die markante Steigerung der registrierten Staustunden auf eine reale Zunahme der Staus zurückzuführen ist, kann nicht abschliessend beurteilt werden. Es ist davon auszugehen, dass ein beträchtlicher Teil der zusätzlich gemessenen Staustunden auf eine verbesserte Erfassung des Verkehrsgeschehens zurückzuführen ist.»

Auf einer solchen Basis also entscheidet das Astra, dass dringend Abhilfe notwendig sei, für die Entschärfung der Stausituation auf Schweizer Nationalstrassen. Und greift zum ältesten, längst als untauglich entlarvten Mittel: Neue Strassenkapazitäten sollen her, auf Teufel komm raus. Doppelstöckig gar und neue Tunnels quer durchs Mittelland.

Dass dies langfristig kein einziges Verkehrsproblem lösen wird, ist noch die harmloseste Folge dieses Unsinns. Denn mit neuen Strassen wird noch mehr Verkehr erzeugt. Und was mit Sicherheit explodieren wird, sind die Kosten für den Unterhalt dieser auf teuren Kunstbauten basierenden Infrastruktur.

Bereits heute zeigt die Kurve der Unterhaltskosten für Nationalstrassen exponentiell nach oben. Wollen wir uns das in Zukunft noch leisten? Und dafür höhere Steuern zahlen und gleichzeitig Sparmassnahmen im Gesundheitswesen, bei der Bildung, im Sozialbereich und bei der Kultur in Kauf nehmen? – Die Antwort lautet: Nein, Herr Röthlisberger.

 

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