FREI­WIL­LIG IM STAU

Ein gol­de­ner Sams­tag im Okto­ber. Die Sonne gibt noch ein­mal alles und schafft sogar einen neuen Wär­mere­kord für diese Jah­res­zeit. Idea­les Herbst­fe­rien- und Aus­flugs­wet­ter.

Wir sind mit dem Velo unter­wegs, von Strass­burg Rich­tung Süden. Der Weg führt durch die Rhein­ebene, vor­bei an Obst­plan­ta­gen mit reich bela­de­nen Apfel­bäu­men und abge­ern­te­ten Mais­fel­dern. Fast wähnt man sich allein auf der Welt, so still ist es in die­ser wei­ten Land­schaft…

Dann der Weg­wei­ser nach Rust. – Das Dorf an der deutsch-fran­zö­si­schen Grenze, des­sen Name hier­zu­lande jedes Kind kennt. Nicht nur vom Hören­sa­gen, wie sich bald zeigt: Als wir ins Dorf­zen­trum ein­bie­gen, ist es vor­bei, mit der beschau­li­chen Ruhe. Es ist kurz vor Elf und der Teu­fel los: Alles scheint auf den Bei­nen zu sein – unter­wegs, in den Euro­pa­park. Das Stim­men­ge­wirr der Fuss­gän­ge­rIn­nen wird lau­fend vom Moto­ren­ge­räusch der her­um­kur­ven­den Autos über­tönt. Ein Flix­Bus zwängt sich durch die Dorf­strasse zur Hal­te­stelle «Rust (Europa-Park)». Die Luft riecht nach Abga­sen.

Wir kämp­fen uns durchs Gewühl. Tau­sende von Men­schen drän­gen zum Ein­gang des Parks. Sie haben das erste Stau­er­leb­nis des heu­ti­gen Aus­flugs bereits absol­viert und ihr Fahr­zeug, mit dem sie ange­reist sind, auf einem rie­si­gen Park­platz depo­niert. Nun sind sie zu Fuss unter­wegs, vol­ler Unge­duld und Vor­freude auf die wei­te­ren Aben­teuer im «Frei­zeit­park und Erleb­nis Resort». Gross und Klein, Jung und Alt – eine Mut­ter stillt im Gehen ihr Kind.

Der Men­schen­strom Rich­tung Park reisst nicht ab. Von drin­nen zer­reisst regel­mäs­si­ges Krei­schen die Luft, wenn die voll­be­setzte Ach­ter­bahn steil in die Tiefe saust. In der Anlage wim­melt es bereits von Besu­che­rIn­nen, die vor den belieb­tes­ten Bah­nen wie­der im Stau ste­hen – dies­mal auf den eige­nen Bei­nen – und über die Kreis­strasse kom­men immer noch mehr. 

Eine Parade jeg­li­cher Auto­mar­ken und ‑modelle wälzt sich an uns vor­bei. Die effi­zi­ent arbei­ten­den Park­hel­fer haben alle Hände voll zu tun, um die Neu­an­kömm­linge ein­zu­wei­sen. Trotz­dem kommt es immer wie­der zu lan­gen Rück­staus auf der Land­strasse.

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Schät­zungs­weise ein Drit­tel aller Autos, die in der hal­ben Stunde unse­rer Beob­ach­tun­gen auf den Park­platz drän­gen, haben Schwei­zer Num­mern­schil­der. Prak­tisch alle Kan­tone sind ver­tre­ten – von Grau­bün­den über Schwyz bis Solo­thurn und Jura. Beson­ders zahl­reich jene aus der Waadt, dem Kan­ton Bern und dem Wal­lis. Sie alle sind an die­sem herr­li­chen Sams­tag­mor­gen los­ge­fah­ren, um sich frei­wil­lig den Men­schen­mas­sen und Staus um und im Euro­pa­park hin­zu­ge­ben.

2017 zählte der Frei­zeit­park in Rust über 5,6 Mil­lio­nen Besu­che­rIn­nen – pro Tag ergibt dies im Durch­schnitt 21’000. Wobei es zu Spit­zen­zei­ten wie die­sem Okto­ber­sams­tag wesent­lich mehr sein dürf­ten. Die über­wie­gende Mehr­heit kommt mit dem eige­nen Fahr­zeug, was regel­mäs­sig nicht nur bei der Zufahrt zu den Park­plät­zen, son­dern auch auf der Auto­bahn­an­schluss­stelle Rings­heim-Rust zu Rück­staus führt.

«Kilo­me­ter­lange Staus auf der Auto­bahn, ins­be­son­dere aus Rich­tung Süden am Vor­mit­tag, sind inzwi­schen ein all­täg­li­ches Bild, das sich auf der Kreis­strasse zuwei­len bis zum Gross­park­platz des Europa-Parks fort­setzt» schreibt die Lokal­zei­tung. Dies trotz wie­der­hol­ten Kapa­zi­täts­er­wei­te­run­gen in den letz­ten Jah­ren. In den kom­men­den Mona­ten soll nun für 7 Mil­lio­nen Euro eine neue, brei­tere Brü­cke an der Anschluss­stelle Rings­heim-Rust zur Bekämp­fung der Frei­zeit­staus gebaut wer­den.

Freie Fahrt für eine freie Ent­fal­tung der Frei­zeit­in­dus­trie – ein Argu­ment, das auch die West­ast-Befür­wor­te­rIn­nen immer schnell zur Hand haben. Obschon man heute weiss: Der Aus­bau von Stras­sen­ka­pa­zi­tä­ten hilft weder gegen die sonn­täg­li­chen Schön­wet­ter­staus am Bie­ler­see noch ermög­li­chen sie eine staufreie Fahrt in den Euro­pa­park: Wo alle zur glei­chen Zeit das Glei­che wol­len, gibt es Stau. Ob am Brat­wurst­stand, auf dem Weg in den Süden oder am Ski­lift – über­all gilt das Glei­che wie in Rust: Stau ist Teil des Gan­zen – und gehört dazu.

Der Bau neuer Stras­sen ist aber nicht nur nutz­los, son­dern auch unnach­hal­tig und unhalt­bar – ins­be­son­dere in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels. Die Rekord­tem­pe­ra­tur an die­sem wun­der­ba­ren Okto­ber­sams­tag wäre ja eigent­lich auch ein Wink mit dem Zaun­pfahl, dass es höchste Zeit ist, mit der CO2-Reduk­tion Ernst zu machen. Umso mehr, als es wun­der­bare Alter­na­ti­ven gibt: Wer ganz und gar auf das Ste­hen im Stau ver­zich­ten möchte, dem sei eine Velo­tour – dem Rhein ent­lang oder im See­land – wärms­tens emp­foh­len.

DER WEST­AST VON STRAS­BOURG

Der Rad­weg von Soultz-les-Bains nach Stras­bourg ent­lang dem Canal de la Bru­che führt durch eine ein­ma­lige, roman­ti­sche Gegend. Die Ufer der eins­ti­gen Was­ser­strasse sind gesäumt von Schilf und Trau­er­wei­den, in den Gär­ten der ehe­ma­li­gen Schleu­sen­wär­ter-Häus­chen blüht es auch im Herbst noch in üppi­gen Far­ben.

Die idyl­li­sche Land­schaft ist geprägt von Wald, Fel­dern und schö­nen alten Dör­fern. Man wähnte sich in einer ande­ren, hei­len Welt – wären da nicht die Pla­kate am Weg­rand, die uns in regel­mäs­si­gen Abstän­den Denk­stoff lie­fern. «La terre ne se vende pas – elle se tra­vaille et elle se défend» steht da etwa. Und immer wie­der: «NON au GCO».

GCO steht für Grand Con­tour­ne­ment Ouest – gemeint ist die geplante Auto­bahn-West­um­fah­rung von Stras­bourg. Sozu­sa­gen ein West­ast à la française. In der Tat weist das Pro­jekt zahl­rei­che Par­al­le­len zum Bie­ler West­ast-Pro­jekt auf: Auch die GCO-Pla­nung ist fast 40 Jahre alt. Mit der geplan­ten West­um­fah­rung sol­len die regel­mäs­si­gen Staus um Stras­bourg ver­min­dert wer­den. Aller­dings würde die neue Auto­bahn, laut offi­zi­el­len Anga­ben, gerade mal eine Ver­kehrs­re­duk­tion von 5% auf den bestehen­den Ach­sen bewir­ken.

Zu wenig, fin­den die Geg­ne­rIn­nen der geplan­ten 24 Kilo­me­ter lan­gen, vier­spu­ri­gen Auto­bahn. Sie haben sich im Kol­lek­tiv GCO NON MERCI zusam­men­ge­schlos­sen. Mit von der Par­tie sind auch zahl­rei­che Behör­den­mit­glie­der und Bür­ger­meis­te­rIn­nen der betrof­fe­nen Gemein­den im Wes­ten von Stras­bourg.

Fakt ist: Bereits 2006 hat­ten sich in einer Umfrage über 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung gegen die geplante West­um­fah­rung aus­ge­spro­chen. Seit­her sind es nicht weni­ger gewor­den. Zudem erhielt das Auto­bahn­pro­jekt auch von Sei­ten staat­lich man­da­tier­ter Exper­ten schlechte Noten. Trotz­dem gab der Prä­fekt im Som­mer grü­nes Licht für den Beginn der Bau­ar­bei­ten, denen rund 200 Hektar Acker­land geop­fert wer­den sol­len.

Beson­ders betrof­fen von der zer­stö­re­ri­schen Wir­kung des Mam­mut­pro­jekts ist die Gemeinde Kolbs­heim, rund 10 Kilo­me­ter west­lich von Stras­bourg. Dort würde ein Via­dukt direkt über den Park des denk­mal­ge­schütz­ten Schlos­ses füh­ren, ein Stück Wald soll abge­holzt und die alte Mühle abge­bro­chen wer­den. Seit Jah­ren kämpft die Gemeinde gegen diese Bedro­hung – an vor­ders­ter Front deren Bür­ger­meis­ter Dany Kar­cher.

Er war auch vor Ort, als die Poli­zei Mitte Sep­tem­ber die im Som­mer 2017 errich­tete ZAD (Zone à Défendre) gewalt­sam und mit Ein­satz von Trä­nen­gas räumte. Im Anschluss an den Poli­zei­ein­satz demons­trier­ten im 800-See­len­dorf Kolbs­heim am 18. Sep­tem­ber über 2000 Men­schen gegen die Fort­set­zung der Bau­ar­bei­ten. Mit vor­läu­fi­gem Erfolg: Das Ver­wal­tungs­ge­richt stoppte die Bau­ar­bei­ten – pro­vi­so­risch. Ob der lange Kampf gegen die sinn­lose Strass­bur­ger-West­um­fah­rung lang­fris­tig gewon­nen wer­den kann, ist aller­dings offen.

Fakt ist: In der Innen­stadt von Stras­bourg hat man den Auto­ver­kehr erfolg­reich redu­ziert. Dies unter ande­rem mit Len­kungs­mass­nah­men, die den Fuss- und Velover­kehr för­dern. So wer­den unter ande­rem Geschäfte und Restau­rants in der Innen­stadt mit Velo­trans­por­tern belie­fert. Last­wa­gen müs­sen draus­sen blei­ben.

Der nächste Schritt ist nun, die­ses fort­schritt­li­che Kon­zept wei­ter zu den­ken und auch auf neue, klima- und umwelt­ver­träg­li­che Wege für den Pend­ler- und Fern­ver­kehr hin­zu­wir­ken. Genau das haben anläss­lich von «Klima-Demos» Bür­ge­rIn­nen in Stras­bourg und Mul­house gefor­dert. Mit kon­kre­ten Vor­schlä­gen. Dazu gehört auch die defi­ni­tive Ein­stel­lung der Bau­ar­bei­ten für die GCO – die Stras­bour­ger West­um­fah­rung.

VER­KERHS­PO­LI­TIK: ABSCHIED VOM WACHS­TUMS­DOGMA

«Sind wir heute immer noch mit den glei­chen Zukunfts­vor­stel­lun­gen wie vor 50 Jah­ren unter­wegs?» Diese Frage, gestellt von der Mobi­li­täts­for­sche­rin Merja Hoppe, würde wohl nie­mand mit Ja beant­wor­ten. Trotz­dem bestim­men in der heu­ti­gen Ver­kehrs­po­li­tik Modelle die Ent­schei­dun­gen für künf­tige Ent­wick­lun­gen, die schon in den Sech­zi­ger­jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts Anwen­dung fan­den. Ein Fakt, der an der von der Ener­gie­stif­tung Schweiz SES orga­ni­sier­ten Fach­ta­gung zum Thema «Mobi­li­tät der Zukunft» von allen Refe­ren­tIn­nen scharf kri­ti­siert wurde.

«Die Ver­kehrs­po­li­tik funk­tio­niert immer noch im Hard­ware­mo­dus», kon­sta­tierte etwa Daniel Mül­ler-Jentsch von Ave­nir Suisse. Das heisst: In der Schweiz setzt man aktu­ell nach wie vor auf den Aus­bau von Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, statt nach ganz­heit­li­chen und zeit­ge­mäs­sen Lösun­gen zu suchen. Als Bei­spiele nannte der Ver­tre­ter des bür­ger­li­chen Think Tanks den Bau des 2,3 Mil­li­ar­den teu­ren Auto­bahn­teil­stücks der A9 im Wal­lis oder die vom Astra-Direk­tor ins Spiel gebrachte Auf­sto­ckung der Lim­mat­tal-Auto­bahn. Die­ser sub­ven­tio­nierte Kapa­zi­täts­aus­bau hät­ten zur Folge, dass die  Ver­kehrs­an­ge­bote für den moto­ri­sier­ten Pri­vat­ver­kehr, aber auch beim öffent­li­chen Ver­kehr zu bil­lig seien, was zu Fehl­ent­wick­lun­gen führe, führte Mül­ler-Jentsch wei­ter aus. Dazu gehö­ren, nebst dem von der All­ge­mein­heit finan­zier­ten und auf Spit­zen­zei­ten aus­ge­rich­te­ten teu­ren Über­an­ge­bot auf Strasse und Schiene, auch der Trend zu stets grös­se­ren und schwe­re­ren Fahr­zeu­gen oder die wach­sen­den Pend­le­rIn­nen­ströme. Um diese zu stop­pen, brau­che es drin­gend «Kos­ten­wahr­heit beim Ver­kehr», for­derte Mül­ler-Jentsch.

Quelle: Ave­nir Suisse

In eine ähn­li­che Rich­tung zielte Sté­pha­nie Peher, Bereichs­lei­te­rin Ver­kehr und Kom­mu­ni­ka­tion beim VCS: «Ver­kehr frisst Raum, Zeit und Ener­gie. Diese exter­nen Kos­ten wer­den aber gröss­ten­teils aus­ge­blen­det – das Ver­ur­sa­cher­prin­zip ist beim Ver­kehr nicht voll­stän­dig umge­setzt», kon­sta­tierte sie. Die Folge sei ein immenser Ver­schleiss von Land­schaft und Ener­gie: Die tie­fen Trans­port­kos­ten hät­ten zu einer schweiz­wei­ten Zer­sied­lung geführt, der Zeit­ge­winn durch schnel­lere Stras­sen- und Bahn­ver­bin­dun­gen werde heute für län­gere Distan­zen genutzt – und damit wie­der zunichte gemacht.

In der Tat: Unter­su­chun­gen zei­gen, dass wir pro Tag im Durch­schnitt 70 bis 80 Minu­ten unter­wegs sind.  Diese Grösse ist seit Jahr­zehn­ten kon­stant – was sich ver­än­dert hat, sind ein­zig die Distan­zen, die in die­ser Zeit zurück­ge­legt wer­den. Mit ande­ren Wor­ten: Die Beschleu­ni­gung des Ver­kehrs hat unsere Mobi­li­tät nicht ver­grös­sert, son­dern bloss deren Radius ver­än­dert. Das wie­derum wirkt sich auf den Ener­gie­ver­brauch aus: Mit einem Anteil von 36% ist der Sek­tor Ver­kehr und Trans­port der grösste Ener­gie­fres­ser hier­zu­lande, gefolgt von den Pri­vat­haus­hal­ten (28%), der Indus­trie (19%) und dem Dienst­leis­tungs­sek­tor.

Aktu­ell ver­ur­sacht der Ver­kehr in der Schweiz ein Drit­tel der CO2-Emis­sio­nen. Mit Abstand am meis­ten Treib­stoff braucht der moto­ri­sierte Per­so­nen­ver­kehr auf der Strasse, der für 70% des Ener­gie­ver­brauchs beim Ver­kehr ver­ant­wort­lich ist.

Quelle: VCS 

Diese Zah­len zei­gen: Für die Ener­gie­wende, zu der sich die Schweiz mit der Unter­zeich­nung des Pari­ser Abkom­mens ver­pflich­tet hat, brau­chen wir grund­le­gend neue Ansätze in der Ver­kehrs­po­li­tik. Nach wie vor pro­gnos­ti­ziert der Bund wei­te­res Wachs­tum beim Ver­kehr.

Doch Wachs­tum und Ver­kehrs­ent­wick­lun­gen sind nicht gott­ge­ge­ben – dar­auf wurde an der Fach­ta­gung mehr­fach hin­ge­wie­sen. Heute sei man an einem Punkt ange­langt, wo wei­te­res Wachs­tum grund­sätz­lich in Frage gestellt wer­den müsse, stell­ten ver­schie­dene Refe­ren­tIn­nen klar. Ange­sichts der ange­streb­ten Ener­gie­wende liege eine Fort­set­zung der Ver­kehrs­po­li­tik, wie sie in den letz­ten 50 Jah­ren umge­setzt wurde, schlicht nicht mehr drin. «Die Mobi­li­tät der Zukunft muss ihren Fuss­ab­druck deut­lich sen­ken», fasste Sté­pha­nie Peher zusam­men. Und Merja Hoppe, Lei­te­rin Insti­tut für Nach­hal­tige Ent­wick­lung an der ZHAW in Win­ter­thur dop­pelte nach: «Wir müs­sen uns die Frage stel­len, wie­viel Mobi­li­tät wir wol­len, und wie­viel wir uns leis­ten kön­nen. – Zukunft geschieht nicht ein­fach, Zukunft wird von uns geschaf­fen.»

Die gute Nach­richt: Es gibt zahl­rei­che Aus­wege aus der aktu­el­len Sack­gasse – die Ein­sich­ten und Grund­la­gen sind da. Wo es aktu­ell noch hapert, ist aller­dings bei der Umset­zung.

App-gesteu­erte Mobi­li­tät

Das könnte sich bald ändern, stellte Marta Kwiat­kow­ski vom Gott­fried Dutt­wei­ler Insti­tut GDI in Aus­sicht: In der Schweiz, wo heute 78% der Bevöl­ke­rung über ein Smart­phone ver­fü­gen, sei das Ver­kehrs- und Kon­sum­ver­hal­ten der Bevöl­ke­rung längst im Umbruch. Der App-gesteu­erte All­tag sei für viele bereits Rea­li­tät: Wer mit dem ÖV unter­wegs ist, kann schon jetzt seine Reise ad-hoc pla­nen und buchen. Wer den Google-Rou­ten­pla­ner nutzt, wird bereits heute durch eine «per­so­na­li­sierte Öffent­lich­keit» gelotst, der Schritt­zäh­ler auf dem Smart­phone macht des­sen Trä­ger zum codier­ten Teil des «Inter­nets of Ever­ything».

«Gegen­wär­tig wird der Raum neu ver­han­delt», fasste Marta Kwiat­kow­ski zusam­men. Aller­dings wür­den im Moment lokale Pla­ner und Player von glo­ba­len Kon­zer­nen wie Google oder Apple über­run­det. Diese ver­knüp­fen die Daten, die sie zu den Gewohn­hei­ten ihrer User sam­meln mit deren Mobi­li­täts­ver­hal­ten, um so deren Kon­sum­ver­hal­ten mög­lichst opti­mal zu bedie­nen. Was durch­aus auch im Sinne der Nut­zer sei, da so auf die Nach­frage zuge­schnit­tene Ange­bote geschaf­fen wür­den, sagt Kwiat­kow­ski und fasst zusam­men: «Das Gebot der Stunde heisst Ver­net­zung: Das 20. Jahr­hun­dert war das Zeit­al­ter der Auto-Mobi­li­tät – das 21. Jahr­hun­dert gehört der ver­netz­ten Mobi­li­tät.»

Quelle: GDI

Ein Bei­spiel dafür prä­sen­tierte Sven Kohou­tek, Lei­ter Smart Mobi­lity bei der Schwei­zer Post. Im Bestre­ben, immer mehr Men­schen zum Umstei­gen vom Pri­vat­auto auf den öffent­li­chen oder kom­bi­nier­ten Ver­kehr zu bewe­gen, arbei­tet man dort aktu­ell an einer neuen Platt­form namens Kol­li­bri. Damit sol­len künf­tig auf die Bedürf­nisse jedes Ein­zel­nen zuge­schnit­tene Ange­bote ein­fach buch­bar sein. Part­ner die­ser Platt­form sind etwa pri­vate Taxi­un­ter­neh­men, die SBB und andere öffent­li­che Ver­kehrs­trä­ger sowie Car- und Bikesha­ring­dienste. Sol­che Ange­bote sol­len nament­lich auch in peri­phe­ren Gebie­ten hel­fen, das Umstei­gen vom PW auf ein inte­grier­tes Trans­port­an­ge­bot zu för­dern, indem lokale Shut­tle­dienste oder Taxi­un­ter­neh­men die Fein­ver­tei­lung vor Ort «on demand» anbie­ten.

Die soziale Akzep­tanz für tech­ni­sche Inno­va­tion in der Mobi­li­tät sei momen­tan hoch – eine sel­tene Situa­tion, die man unbe­dingt nut­zen sollte, for­derte Marta Kwiat­kow­ski: «Die Leute wol­len in Rei­sen den­ken, nicht in Fahr­plä­nen. Statt wei­ter­hin auf dop­pel­stö­ckige Auto­bah­nen und den Aus­bau der Hard­ware zu set­zen, ist jetzt der Moment, auf Soft­ware-Lösun­gen set­zen.»

Pro­blem an der Wur­zel ange­hen

Mit den neuen tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten allein löst man aller­dings noch keine Ver­kehrs­pro­bleme. Um den Teu­fels­kreis von Kapa­zi­täts­aus­bau, Stau und Ver­kehrs­zu­nah­men zu durch­bre­chen, braucht es ein neues Ver­ständ­nis von Mobi­li­tät, ein Umden­ken und vor allem Len­kungs­mass­nah­men. Aktu­ell betreibe man ein Flick­werk am Bestehen­den, kri­ti­sierte etwa der Solo­thur­ner Natio­nal­rat Ste­fan Mül­ler-Alter­matt (CVP). Seine For­de­rung: Statt mit dem Bau von neuen Stras­sen­ka­pa­zi­tä­ten oder Zufahr­ten lau­fend zu ver­su­chen, dem Lei­dens­druck nach­zu­ge­ben und Staus zu ver­hin­dern, sollte man das Pro­blem an der Wur­zel packen und in der Ver­kehrs­po­li­tik nach­hal­tige Lösun­gen ermög­li­chen. Das heisst zum Bei­spiel, dem moto­ri­sier­ten Ver­kehr bewusst Gren­zen set­zen, und gleich­zei­tig den Fuss- und Velover­kehr in der Ver­kehrs­pla­nung gleich­wer­tig mit den übri­gen Ver­kehrs­trä­gern berück­sich­ti­gen.

Wie eine nach­hal­tige, nach­fra­ge­steu­ernde Ver­kehrs­po­li­tik aus­se­hen könnte, skiz­zierte der renom­mierte Ver­kehrs­for­scher Her­mann Kno­fla­cher von der TU Wien anhand eines Bei­spiels: «Wir alle sind uns einig: Das Auto muss raus aus der Stadt. Das ist rich­tig. Aber Ver­kehrs­pro­bleme ent­ste­hen immer an den Aus­gangs­punk­ten und müs­sen dort ver­hin­dert wer­den.» Eine Mass­nahme wäre zum Bei­spiel, künf­tig in unmit­tel­ba­rer Nähe von Woh­nun­gen keine Park­plätze mehr zur Ver­fü­gung zu stel­len. «Wenn ich nicht direkt von der Woh­nung ins Auto wech­seln kann, wird der Weg zur Bus­hal­te­stelle oder zum Bahn­hof attrak­ti­ver. Denn der Mensch ist intel­li­gent und faul», begrün­dete Kno­fla­cher diese simple Len­kungs­mass­nahme.

In der Ver­gan­gen­heit habe man sämt­li­che Pla­nun­gen der För­de­rung des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs unter­wor­fen, kri­ti­sierte Kno­fla­cher. Das Auto­mo­bil habe sich in unse­ren Gehir­nen ein­ge­nis­tet, was zu absur­den Anpas­sun­gen unse­rer gesam­ten Infra­struk­tur, ja unse­res Wer­te­sys­tems geführt habe. Die Ver­kür­zung von Distan­zen durch den moto­ri­sier­ten Ver­kehr wirke sich nega­tiv auf die Lebens­qua­li­tät aus, führte Mar­cel Hänggi die­sen Gedan­ken wei­ter. Anhand von ver­schie­de­nen Bil­dern aus der Wer­bung zeigte er auf: «Sogar Auto­fah­rer stel­len sich – abge­se­hen vom eige­nen Auto – die ideale Welt auto­frei vor.»

Der öffent­li­che Raum sei heute infolge des schnel­len moto­ri­sier­ten Ver­kehrs über­nutzt. Hänggi plä­dierte des­halb für Nut­zungs­be­schrän­kun­gen in Form von Geschwin­dig­keits­be­gren­zun­gen, um Stras­sen und Plätze für nach­hal­ti­gere For­men der Mobi­li­tät wie­der attrak­tiv zu machen: «Es braucht Ver­kehrs­for­men, die grosse Mobi­li­tät mit gerin­gem Auf­wand ermög­li­chen. Begeg­nungs­zo­nen, öffent­li­che Räume mit Auf­ent­halts­qua­li­tät für Fuss­gän­ger und Rad­fah­rer.» Wie diese aus­se­hen könn­ten, zeigte Denise Bel­l­oli, Geschäfts­lei­te­rin der Metron Ver­kehrs­pla­nung AG anhand kon­kre­ter Bei­spiele. So hat man etwa in Köniz mehr Platz für Fuss­gän­ge­rIn­nen geschaf­fen und damit auch den moto­ri­sier­ten Ver­kehr ver­flüs­sigt. Die Ver­bes­se­rung der Mobi­li­tät durch Ent­schleu­ni­gung habe gros­ses Poten­zial, führte sie aus. Was es dazu braucht, sind neue Ansätze, gemein­sa­mes Pla­nen und die Über­win­dung von Gärt­chen-Den­ken.

Auf den Punkt gebracht: Der heu­tige Ver­kehr frisst zuviele Res­sour­cen – das ist nicht nach­hal­tig und muss gestoppt wer­den. Die Mobi­li­tät der Zukunft ver­spricht bes­sere Lebens­qua­li­tät dank ande­rem Ver­kehrs­ver­hal­ten. Vor­aus­set­zung dafür ist aber, dass es in den Köp­fen der auto­mo­bil­süch­ti­gen Gesell­schaft end­lich zu tagen beginnt und man begreift, dass eine wei­ter­hin auf Wachs­tum aus­ge­rich­tete Ver­kehrs­po­li­tik nur zwei­er­lei bringt: Immer mehr Still­stand und Stress statt Mobi­li­tät, und immer mehr Ver­schleu­de­rung von Steu­er­gel­dern für den Bau und Unter­halt von teu­rer Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, die 20 Stun­den am Tag nicht aus­ge­las­tet ist.