BIEL UND SEINE BÄUME

 

Der A5-Westast-Autobahn sol­len 745 Stadtbäume geop­fert wer­den. Darunter ganze Alleen, wie etwa ent­lang der Neuenburgstrasse, am Dammweg oder an der Salzhausstrasse. Aber auch unzäh­lige stolze Einzelexemplare – auf dem Strandboden, beim Gurnigelkreisel… in zahl­rei­chen Privatgärten.

Ist das über­haupt zuläs­sig? wun­dert sich die erstaunte Bürgerin. Gerade in Zeiten des Klimawandels tra­gen immer mehr Städte der wich­ti­gen Rolle von Bäumen Rechnung und schüt­zen sie entsprechend.

In Bern zum Beispiel, sind alle Bäume auf öffent­li­chem Grund, die (1 Meter über dem Grund) einen Durchmesser von min­des­tens 25 Zentimeter auf­wei­sen, geschützt. In der Altstadt sogar jene, mit einem Durchmesser von bloss 10 Zentimetern. – Auch die Stadt Basel schützt ihre Stadtbäume mit­tels Baumschutzgesetz. Gegen Fällgesuche kann auch Einsprache erho­ben werden.

Und in Biel?

Gerne brüs­tet man sich bei der Stadt mit dem Engagement für die Begrünung des öffent­li­chen Raums. Soeben teilte der Gemeinderat als Antwort auf eine Interpellation mit, seit dem Jahr 2000 habe man 1400 neue Bäume gepflanzt, davon 300 als Ersatz für sol­che, die gefällt wurden.

Baudirektorin Barbara Schwickert weiss auch, wie man sich mit dem Engagement für neue Bäume in Szene set­zen kann. So gesche­hen kürz­lich auf der Schüssinsel, wo das Pflanzen von sie­ben jun­gen Nussbäumen zu einem regel­rech­ten Medien-Event auf­ge­bauscht wurde.

Bis letz­tes Jahr wusste man jedoch nicht ein­mal, wie viele Bäume über­haupt  den Bieler Stadtboden bele­ben und beschat­ten. Nun hat man sie end­lich gezählt: Im «Baumkataster der Bäume im öffent­li­chen Raum», der 2016 erstellt wurde, sind 8000 Exemplare erfasst.

Geschützt aller­dings ist, laut Auskunft der Stadtgärtnerei, genau ein ein­zi­ger Baum in Biels öffent­li­chem Raum: Die rund 250jährige Rotbuche beim Museum Neuhaus. Ein Blick in die Akten zeigt: Die soge­nannte Neuhausbuche wurde anno 1950 per Regierungsratsbeschluss unter Schutz gestellt und figu­riert seit­her – als ein­zi­ger Bieler Baum – auf der Liste der geschütz­ten Naturdenkmäler im Kanton Bern.

Es gab durch­aus Bemühungen, das zu ändern und auch andere Bieler Bäume unter Schutz zu stel­len. Um die Jahrtausendwende for­derte zum Beispiel Barbara Schwickert mit einem Postulat den Gemeinderat auf, Massnahmen für die Erlassung eines Baumschutzreglements abzuklären.

Fünf Jahre gin­gen ins Land, bis der Gemeinderat ihren Vorstoss beant­wor­tete. Abschlägig, nota­bene. Die Begründung des dama­li­gen Baudirektors Hubert Klopfenstein lau­tete: «Dem Gemeinderat geht es nicht darum, Arbeit ein­zu­spa­ren. Vielmehr erach­tet er ein Reglement, wie auch immer es aus­ge­ar­bei­tet wäre, als nicht voll­streck­bar, durch­setz­bar, oder «jus­ti­zia­bel», wie man so schön sagt. Ein sol­ches wäre sogar kon­tra­pro­duk­tiv, da es unend­lich viele Möglichkeiten gäbe, die­ses Reglement zu umgehen.» *

Eine merk­wür­dige Antwort. Ob der Baudirektor schon damals die geplante Autobahn-Baustelle im Visier hatte? Und mit dem Verzicht auf einen ver­schärf­ten Baumschutz die dafür not­wen­di­gen Fällungen nicht unnö­tig erschwe­ren wollte?

Der Umweltbericht der Stadt Biel the­ma­ti­sierte das Fehlen von spe­zi­el­len Baumschutzmassnahmen 2006 wie folgt: «Der Schutz der Bäume im Stadtgebiet war nicht Inhalt der Revision des Baureglements, um die­ses umfang­rei­che Vorhaben nicht durch eine wei­tere umstrit­tene Problematik zu belas­ten. Der Baumschutz im öffent­li­chen und pri­va­ten Bereich muss des­halb getrennt vom Baureglement erneut spe­zi­ell ange­gan­gen werden.»

Seither hat sich nichts getan. Bei der Stadt wie­gelt man ab: Den Bäumen werde Sorge getra­gen. Wo immer mög­lich, pflanze man Ersatz für Bäume, die gefällt wer­den müss­ten, heisst es bei der Stadtgärtnerei.

Nun aber droht mit dem geplan­ten A5-Westast ein Kahlschlag son­der­glei­chen. Die meis­ten der 745 zu fäl­len­den Bäume ste­hen auf Bieler Boden. Die A5-Mammutbaustelle ver­drängt wäh­rend Jahren – teil­weise für immer – wert­vol­len Grünraum aus dem Stadtbild. Die Ersatzbäume, die der­einst nach Abschluss der rund 15jährigen Bauarbeiten gepflanzt wer­den sol­len, brau­chen Jahrzehnte, um das Potenzial des heu­ti­gen Baumbestandes in den betrof­fe­nen Gebieten zu erreichen.

Allein auf dem Strandboden sol­len Dutzende von Bäumen dem Installationsplatz für den Autobahnbau wei­chen. Dagegen haben nun aber die Schweizerische Stiftung für Landschaftsschutz SLS, der Berner Heimatschutz sowie die Stiftung Helvetia Nostra Einsprache erho­ben. Mit guten Argumenten.

Denn obschon es die Stadt Biel ver­passt hat, ihre Juwele sel­ber unter Schutz zu stel­len, besteht noch Hoffnung: Sowohl der Strandboden, wie die Baumalleen an der Ländte- oder Salzhausstrasse sind im Bundesinventar der schüt­zens­wer­ten Ortsbilder der Schweiz von natio­na­ler Bedeutung ISOS auf­ge­führt. Das heisst: Eingriffe oder gar die Zerstörung die­ser Ensembles kön­nen nur erlaubt wer­den, wenn wich­tige über­ge­ord­nete Interessen dies erfordern.

Ob der über­di­men­sio­nierte Bau des A5-Autobahnwestasts dazu gehört,  ist ver­nünf­ti­ger­weise nur mit Nein zu beant­wor­ten. Angesichts von Klimawandel und Energiewende muss das Urteil defi­ni­tiv für den Erhalt der 745 Bäume ausfallen.

© Text: Gabriela Neuhaus


 

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