WIR SIND DIE STADT

 

WIR SIND DIE STADT

«Die Behörden sollen 1000 und mehr Eingaben erhalten!» Dies der Aufruf eines Teilnehmers an einem der Mitwirkungs-Workshop anfangs 2017 im Maschinenmuseum Müller in Biel. Mehr als 30 Interessierte und Betroffene führten eine lebendige Diskussion mit vielen Anregungen, Ideen und Argumenten zur Verhinderung der A5-Westast-Autobahn. Alle aus nah und fern wurden ermuntert, bis zum 10. März ihre eigene Mitwirkungseingabe zu schreiben.

1000 und mehr Mitwirkungseingaben, mit guten, kreativen, visionären, überzeugenden Argumenten, die klar machen: Die Städte Biel und Nidau brauchen keine Westast-Autobahnanschlüsse. 

Alle Anwesenden waren sich einig: Die beschönigenden Zukunftsbilder der städtebaulichen Begleitplanung sollen davon ablenken, dass die geplante Autobahn tiefe, unverheilbare Wunden in die Stadt reisst. Anders ausgedrückt: Die Begleitplanung ist die süsse Garnitur für eine Torte, die unverdaulich ist.

Wichtig ist deshalb, dass man sich nicht in Details verliert, sondern dass die Bürgerinnen und Bürger die städtebauliche Begleitplanung grundsätzlich in Frage stellen: «Wir müssen den Behörden klarmachen, dass wir ihr Spiel durchschaut haben und uns nicht für dumm verkaufen lassen», sagte ein Teilnehmer und ermutigte zum Mitwirkungsschreiben.

Am langen Tisch wurden Ideen für die Gestaltung der Eingaben ausgetauscht und Argumente geschärft. Zum Beispiel:

1.  Die städtebauliche Begleitplanung hat wenig Substanz. Sie sagt nichts Konkretes zu den versprochenen Verbesserungen für den Langsamverkehr und den ÖV. Ein Teilnehmer meinte: «Die grossmundig propagierten Velowege können wir schon heute Nachmittag aufmalen, wenn wir sie wirklich wollen!

2. Auf Fragen zur Verkehrsberuhigung gibt die städtebauliche Begleitplanung keine Antworten. Es gibt keinen Grund, ausgerechnet jetzt – kurz vor der Eröffnung des Ostasts – derart Druck zu machen. Es wäre sinnvoller, zuerst Erfahrungen über die Auswirkungen des Ostastszu sammeln, bevor man weiter plant. Warum gerade jetzt dieser Zeitdruck?!? Warum drängt es plötzlich so?

3. Mit dem Autobahn-Westast, der geplanten Agglolac-Überbauung, dem Fachhochschul-Neubau und dem Innovationspark-Projekt werden eine ganze Reihe von Monsterbaustellen zu mehr Lärm, Verschmutzung und einem Verkehrschaos führen, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

4. Die städtebauliche Begleitplanung sieht grosse Investitionen entlang der verlärmten Autobahn-Schneisen vor. Das wird Investoren für solche Bauvorhaben eher abschrecken als anziehen. Resultat: hässliche Brachenlinks und rechts der Autobahnschneise.

5. Biel als Zukunftsstadt: Das Autobahnprojekt steht in diametralem Gegensatz zum Selbstbild Biels als visionäre Stadt. Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Bis in 20 Jahren ist der benzinbetriebene Individualverkehr Geschichte. Warum die Stadt heute entlang eines Projektes planen, das bei der Fertigstellung längst überholt ist und keinen Sinn mehr macht?

Eines ist klar: Die hübschen Zeichnungen, die zeigen, wie es 2050 in Biel und Nidau aussehen könnte, sind eine Mogelpackung. Da wird so dick aufgetragen, dass einem der Verdacht kommt, die Behörden wollten sich damit selber Mut machen.

Der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr und seine Nidauer Amtskollegin Sandra Hess waren anlässlich der Ausstellungseröffnung persönlich gekommen, um die Werbetrommel für die sogenannte städtebauliche Begleitplanung zu rühren. Sie sprachen von Verkehrsbefreiung und Entwicklungs-Chancen und taten alles, um als visionäre Zukunftsplanung zu verkaufen, was letztendlich nichts anderes ist, als der Versuch einer Schadensbegrenzung: Mit der städtebaulichen Begleitplanung will man aufzeigen, wie die hässlichen Schneisen der A5 Westast-Autobahn in den Stadtkörper hineingewürgt werden könnten. Projektleiter Fritz Schumacher, seines Zeichens pensionierter Kantonsbaumeister von Basel, sprach von einer «städtebaulichen Disziplinierung der Autobahn».

Auf den ersten Blick traut man seinen Augen nicht: Das scheinbar Unmögliche ist gelungen! So gut, dass anlässlich der Präsentation ein Raunen durch die Zuschauerreihen ging: Wo sind denn nun die Anschlüsse mit den offenen Schneisen der Autobahn? Auf den pastellfarbenen, weichgezeichneten Skizzen sind die Autobahnlöcher tatsächlich geschickt wegkaschiert. Die neuen Gebäude, die entlang dem Westast entstehen sollen, sind in zartem Rot gehalten, bestehende Strassenverbindungen in sanftem gelb – dominierende Farbe auf den Zeichnungen ist ein helles Lindengrün.

Doch Papier ist bekanntlich geduldig. Denn: Filigran gezeichnete Leerstellen, wo dereinst die Autobahn tiefe Wunden in den Stadtkörper schneiden soll, gibt es nur in der manipulierten Vision. Gebaute Autobahnrealität, das wissen wir alle, sieht anders aus. Besonders stossend ist, dass die Behörden uns diese hübschen Bilder präsentieren, noch bevor man uns reinen Wein einschenkt, betreffend die Autobahnplanung.

Die Begleitplanung zu präsentieren, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen und aufzuzeigen, was denn da genau begleitet wird, ist unredlich. Da der ganzen Planung ja das Versprechen zugrunde liegt, die Städte Biel und Nidau würden durch die Autobahn und ihre Anschlüsse vom Verkehr entlastet, sind die Aussagen der städtebaulichen Begleitplanung zu diesem Thema von besonderem Interesse.

Doch da reiben sich Bürgerinnen und Bürger gleich noch einmal die Augen: Auf den präsentierten Plänen findet man – wiederum schön grün gezeichnet – geplante Velo- und Fussgängerverbindungen. Darstellungen des Autoverkehrs? – Fehlanzeige! Wer handfeste Informationen über die prognostizierte Verkehrsentwicklung will, muss sich schon tiefer in die Materie einarbeiten. Erst nach eingehender Recherche wird zum Beispiel klar, dass die wenigen Fussgänger auf dem Boulevard in der Seevorstadt – der sogenannten Rambla – auch künftig von genau gleich vielen Autos begleitet sein werden wie heute.

Wer flanieren will, macht das sowieso nicht an einer Autostrasse sondern am Seeufer. Die Antwort auf die Frage nach der behaupteten grossen Verkehrsentlastung durch die A5 Westast-Autobahn, bleiben die Behörden auf der ganzen Linie schuldig. Fest steht bereits heute: Weder die Neuenburgstrasse nach Vingelz noch die Ländtestrasse können zu Quartierstrassen rückgebaut werden – sie müssen als Notfall- und Ausweichsysteme erhalten bleiben. Über den künftigen Verkehr zum Beispiel beim Guido Müller- oder beim Verresiusplatz, findet man in der Begleitplanung keine Auskünfte. Angesichts der geplanten massiven baulichen Verdichtung namentlich in den Weidteilen und beim Autobahnanschluss Bienne Centre ist zudem zu erwarten, dass der hausgemachte innerstädtische Verkehr nicht zurückgehen, sondern durch die Autobahn und die Umsetzung der Begleitplanung erheblich zunehmen würde.

 
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Wer die geplante Verkehrsführung beim Strandboden genauer anschaut, stellt zudem fest: Hier wird eine Lichtsignalanlage dafür sorgen müssen, dass es auf der Autobahn keine Rückstaus gibt. Zudem ist der See mit dem Fahrrad nicht mehr direkt erreichbar, weil die Neuenburgstrasse tiefer gelegt wird. Wo bleiben da die Versprechungen eines «besseren Zugangs zum See»? Und last but not least: In der präsentierten Begleitplanung fehlen auch handfeste Aussagen zum öffentlichen Verkehr. Bis heute können die Planerinnen und Planer auch noch keine Lösung für die künftige Linienführung der BTI-Bahn beim Bahnhof Biel präsentieren – da dort, wo das heutige Trassee liegt, bekanntlich die Westast-Schneise geplant ist.

Die städtebauliche Begleitplanung zeigt eine Vision für 2050, deren Umsetzung alles andere als gewiss ist. Es dürfte zum Beispiel schwierig sein, Investoren für die Grossüberbauung entlang der 250 Meter langen und 45 Meter breiten Autobahnschneise bei der geplanten Ausfahrt Bienne Centre. Es könnte demnach gut sein, dass dereinst links und rechts der Betonlöcher wüste Brachen gähnen. Besonders zynisch mutet das Versprechen der städtebaulichen Begleitplanung an, man werde den Krautkuchen «durch eine parkartige Ausgestaltung» aufwerten. Tatsache ist: Der alte Baumbestand auf dem Krautkuchen soll dem Autobahnbau geopfert werden. Die Autobahnschneise ist parallel zum Bahndamm geplant – würde also mitten durch den besagten Park führen. Was für Aussichten!

 
 

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