PARA­GRA­PHEN STATT GESUN­DER MEN­SCHEN­VER­STAND

Gross war die Freude, als im März 2017 das ehe­ma­lige Balm­er­lä­deli an der Gurn­igel­strasse 21 zu neuem Leben erwachte. «Kiosk und Teer­oom» stand in gros­sen Let­tern am Schau­fens­ter. Drin­nen ein Laden­tisch, der gleich­zei­tig als Theke diente. Im hin­te­ren Teil, lie­be­voll ein­ge­rich­tet, das gemüt­li­che «Stübli».

Ein Dut­zend Stühle an drei Tischen. Für mehr reichte der Platz nicht. Hand­ver­le­sen die stil­vol­len Möbel, die Bra­him El Mhamh, unter­stützt von sei­ner Frau Tanya, in ver­schie­de­nen Bro­cken­häu­sern zusam­men­ge­sucht hatte. An der Wand ein Bild der Bie­ler Künst­le­rin Chris­tina Sze­mere, das sie dem Tea-Room zur Ver­fü­gung gestellt hatte. Es passte per­fekt zum Inte­ri­eur und ver­lieh dem Raum Wärme und Kraft.

Schnell ent­deck­ten die Quar­tier­be­woh­ne­rIn­nen den neuen Treff­punkt. Eine Gruppe von Senio­rIn­nen traf sich regel­mäs­sig zum Apéro – bei schö­nen Wet­ter an den Tischen vor dem Laden­lo­kal, bei Regen drin­nen. Unter ihnen auch Paul und Maria Bal­mer, Haus­be­sit­zer und Ver­mie­ter des Laden­lo­kals.

Lange hat­ten sie nach einem pas­sen­den Mie­ter für ihr 40 Qua­drat­me­ter klei­nes Laden­lo­kal gesucht. Inves­tie­ren woll­ten sie aller­dings nicht mehr gross, da ihr Haus wegen dem A5-West­ast abge­bro­chen wer­den soll. Ein Han­di­cap, auch bei der Suche nach einem neuen Mie­ter, dem man natür­lich kla­ren Wein ein-schen­ken musste.

Ursprüng­lich ein Gemüse- und Quar­tier­la­den, war das Balm­er­lä­deli 30 Jahre lang ein stadt­be­kann­ter Blu­men­la­den, anschlies­send für sie­ben Jahre ein Hun­de­s­a­lon. Als des­sen Betrei­be­rin alters­hal­ber auf­gab, blie­ben die Türen des Laden­lo­kals lange geschlos­sen. «Es gab eine Reihe von Inter­es­sen­ten, die einen Kebab-Stand oder ein Pizz­a­lo­kal ein­rich­ten woll­ten. Das passte uns nicht, wir woll­ten nie­man­den, der hier regel­mäs­sig kocht», sagt Maria Bal­mer.

Die Idee eines Kiosks mit Tea-Room hin­ge­gen gefiel den Ver­mie­tern, die im obe­ren Stock woh­nen. Schnell wur­den sie sich mit den neuen Mie­tern han­dels­ei­nig: Bra­him El Mhambh wollte das Lokal sel­ber reno­vie­ren und für die nöti­gen Inves­ti­tio­nen auf­kom­men. Dafür wurde ihm für die ers­ten Monate der Miet­zins erlas­sen.

© Anita Vozza, Okto­ber 2017

Wie es das Gesetz erfor­dert, wurde Bra­him El Mhambh auch bei den Nidauer Behör­den vor­stel­lig. Dort erhielt er die nöti­gen For­mu­lare sowie die Mit­tei­lung, dass er den Laden nicht ein­fach in einen Gast­be­trieb umfunk­tio­nie­ren könne. Dafür brau­che es bau­li­che Mass­nah­men, wie zum Bei­spiel den Ein­bau einer Toi­let­ten­an­lage…

Gesagt, getan: Bra­him El Mhambh nahm die Anwei­sun­gen der Gewer­be­po­li­zei ernst. Er baute im hin­te­ren Teil des Lokals extra eine Gäste-Toi­lette ein, um den Vor­schrif­ten Genüge zu leis­ten. Genauso, wie er die Hygie­ne­auf­la­gen für den Aus­schank von Geträn­ken und Snacks befolgte. Schliess­lich war es nicht das erste Mal, dass er ein Lokal ein­rich­tete. Unter­stützt wurde er dabei von Freun­den, Bekann­ten und Nach­ba­rIn­nen.

Der gebür­tige Marok­ka­ner lebt seit 22 Jah­ren in der Schweiz und hat einen Schwei­zer Pass. Seine Part­ne­rin ist in der Schweiz auf­ge­wach­sen und hat ita­lie­ni­sche Wur­zeln. Mit ihren Kin­dern, die in Nidau zur Schule gehen, woh­nen sie gleich um die Ecke, an der Biel­strasse.

Eine ideale Vor­aus­set­zung für das neue Quar­tier­lo­kal: Im Kiosk boten sie eine breite Palette von all­täg­li­chen Lebens­mit­teln und Haus­halt­wa­ren an sowie aus­ge­wählte exo­ti­sche Spe­zia­li­tä­ten und kleine Geschenke. Genauso ent­hielt das Ange­bot an Geträn­ken und Snacks im «Teer­oom» für jeden Geschmack das Rich­tige. Zum Kaf­fee gab es immer auch ein Guezli – Gast­freund­schaft wurde nicht nur gross geschrie­ben, son­dern gelebt.

Das gefiel den Leu­ten – Alt­ein­ge­ses­se­nen wie neu Zuge­zo­ge­nen aus dem nahen Weid­tei­le­quar­tier. Immer wie­der über­rasch­ten Bra­him El Mhambh und sein Team die Gäste und Kun­dIn­nen mit neuen Über­ra­schun­gen und Ideen. Der ein­zige Wer­muts­trop­fen sei die Vor­stel­lung, sagte Bra­him El Mhambh, dass sein Lokal irgend­wann der West­ast-Bau­stelle wei­chen müsse.

Das war Anfang Som­mer. Die Geschäfte lie­fen gut und im Gurn­igel­quar­tier freute man sich, end­lich wie­der einen Quar­tier­treff­punkt zu haben. Bis zu dem Tag, als die Gewer­be­po­li­zei Nidau, rund drei Monate nach Eröff­nung, bei der Durch­fahrt vom Auto aus die Auf­schrift «Kiosk und Teer­oom» sowie die Tisch­chen vor dem Balm­er­lä­deli ent­deckte.

Umge­hend erhielt Bra­him El Mhambh eine Busse sowie einen Tele­fon­an­ruf von Poli­zei­chef Huber, der ihm beschied, er dürfe das Lokal nicht als «Teer­oom» beschrif­ten und betrei­ben. Der über­rum­pelte Unter­neh­mer ver­suchte gar nicht erst, sein Lokal zu ver­tei­di­gen. «Ich fragte: Was darf ich denn? Und Huber hat gesagt: Es Lädeli», erin­nert er sich.

Aus Angst und weil er es sich mit den Behör­den nicht ver­der­ben wollte, reagierte Bra­him El Mhambh schnell. Schon nach weni­gen Tagen hatte er das «Teer­oom» durch eine «Lädeli»-Aufschrift ersetzt. Stühle und Tische wur­den aus dem lie­be­voll ein­ge­rich­te­ten Stübli ent­fernt, gleich wie die Bis­tro-Tisch­chen vor dem Lokal.

Fotos: © Anita Vozza, Okto­ber 2017

Von einem Tag auf den ande­ren wurde das erfolg­rei­che KMU-Geschäfts­mo­dell umge­stos­sen. Bra­him El Mhambh musste die bei­den Teil­zeit­an­ge­stell­ten ent­las­sen: Ohne Apéro- und Kaf­fee­run­den konnte er ihre Löhne nicht mehr finan­zie­ren. Um wenigs­tens das Lädeli zu ret­ten, reiste er nach Marokko, wo er güns­tige Markt­ware ein­kaufte. So ver­sucht er nun, den Weg­fall der «Teeroom»-Gäste mit exo­ti­schen Klei­dern und Taschen zu kom­pen­sie­ren. Bis­her ohne Erfolg.

Vor­läu­fig will Bra­him El Mhambh noch nicht auf­ge­ben und stopft die Löcher in der Kasse mit den Ein­nah­men aus sei­ner Garage, die er im Ber­ner Jura betreibt. Wie lange das gut geht, ist offen.

«Die Umnut­zung eines Ladens in einen Gast­be­trieb braucht eine Bewil­li­gung, die haben wir ihnen nie erteilt», begrün­det Tho­mas Huber das Vor­ge­hen der Gewer­be­po­li­zei. Um die Bewil­li­gung zu erhal­ten, bräuchte es feu­er­po­li­zei­li­che Mass­nah­men, das Lebens­mit­tel­ge­setz müsse ein­ge­hal­ten, und eine Toi­let-ten­an­lage ein­ge­baut wer­den.

Auf den Ein­wand, dass bei der Reno­va­tion ent­spre­chende Vor­keh­run­gen getrof­fen wor­den seien und Bra­him El Mhambh unter ande­rem auch ein WC ein­ge­baut habe, sagte Huber, davon wisse er nichts. Es habe kein ent­spre­chen­des Bau­ge­such gege­ben und nein, vor Ort sei er nie gewe­sen.

Statt­des­sen erwähnt er, dass das «Teer­oom» auch kein für Behin­derte zugäng­li­ches WC habe, wie es Vor­schrift sei. Auf die Frage, ob dies für die drei Tische im Stübli wirk­lich nötig gewe­sen wäre, wo nicht ein­mal die stadt­be­kannte Bäcke­rei, deren Tea-Room wesent­lich grös­ser ist, ein Behin­der­ten-WC anbiete, meint Huber nur: «Davon weiss ich nichts, das hat mein Vor­gän­ger ver­fügt.»

Er weist dar­auf hin, dass die Haus­ei­gen­tü­mer ja nicht bereit seien, ihrer­seits in bau­li­che Anpas­sun­gen zu inves­tie­ren. Dass sie dies nicht ein­mal dürf­ten, wenn sie woll­ten, weil ihnen für den Bau des West­asts Ent­eig­nung droht, davon weiss der Poli­zei­chef nichts. Der Vor­schlag, Bra­him El Mhambh für die Zwi­schen­nut­zung bis zum Abbruch der Lie­gen­schaft eine erleich­terte Betriebs­be­wil­li­gung zu gewäh­ren, inter­es­siert den Beam­ten nicht: Dafür sei er nicht zustän­dig. Punkt.

Eine ver­passte Chance. Statt dem all­seits belieb­ten «Kiosk und Teerom Gurn­igel» nach drei Mona­ten den Ste­cker zu zie­hen, hät­ten die zustän­di­gen Behör­den Bra­him El Mhambh und sei­nem Team mit der glei­chen Tole­ranz begeg­nen kön­nen, die sie in ande­ren Fäl­len offen­sicht­lich auf­brin­gen. Mit etwas mehr Offen­heit und Good­will hätte Nidau heute einen leben­di­gen, mul­ti­kul­tu­rel­len Quar­tier­treff­punkt.

Text: © Gabriela Neu­haus, Novem­ber 2017

«WIR BLEI­BEN, BIS DIE BAG­GER KOM­MEN»

Die gross­zü­gige Alt­bau­woh­nung wirkt sogar an die­sem düs­te­ren Novem­ber­nach­mit­tag hell und freund­lich. Die Bäume vor den Fens­tern haben schon viel Laub ver­lo­ren, so dass sie den Blick auf die Strasse frei­ge­ben. «Seit der Ost­ast offen ist, hat der Ver­kehr hier mas­siv abge­nom­men», sagt Mar­kus Neu­en­schwan­der. «Vor­her gab es wäh­rend der Stoss­zei­ten am Mor­gen, über Mit­tag und abends regel­mäs­sig Staus – die sind weg.»

Seit 18 Jah­ren woh­nen Mar­kus und Manuela Neu­en­schwan­der mit ihren Töch­tern in der See­vor­stadt Nr. 7. Das rund hun­dert­jäh­rige Haus ist eine Erwei­te­rung des ehe­ma­li­gen Gast­hofs «zum Schiff» und steht unter Denk­mal­schutz. Trotz­dem müsste auch die­ses alt­ehr­wür­dige Gebäude der Auto­bahn wei­chen, wenn der A5-West­ast wie geplant gebaut würde.

Fotos: © Anita Vozza, 2017

Mar­kus Neu­en­schwan­der nimmt es mit Gelas­sen­heit: «Wir blei­ben, bis die Bag­ger kom­men», sagt er. Mit gutem Grund: Die Lage ist ein­ma­lig. Mit­ten in der Stadt und gleich­wohl im Grü­nen, am See. Vor drei Jah­ren tauschte die Fami­lie ihre 4,5-Zimmerwohnung im obers­ten Stock gegen jene in der Mitte. Wegen der gros­sen Ter­rasse, auf die man durch die Küche gelangt. Ein wah­res Para­dies für lau­schige Som­mer­abende.

Erst kürz­lich hat Mar­kus Neu­en­schwan­der für die 20jährige Toch­ter zwei Man­sar­den unter dem Dach zu einer Mini-Woh­nung aus­ge­baut. Für ihren Schul­weg ins Gym­na­sium brauchte sie gerade mal fünf Minu­ten. Jetzt pen­delt sie nach Bern an die Uni. Aus­zie­hen ist vor­läu­fig kein Thema für sie, zu schön ist es in der Bie­ler See­vor­stadt.

Die jün­gere Toch­ter absol­viert aktu­ell ein Prak­ti­kum in Nidau. Sie fährt mit dem Velo dem See ent­lang zur Arbeit, wäh­rend sich Mar­kus Neu­en­schwan­der für sei­nen Arbeits­weg ins Spi­tal­zen­trum, wo er in der Medi­zin­tech­nik arbei­tet, auf die Vespa schwingt: «Die Wohn­lage ist ein­ma­lig. Fürs Mit­tag­essen kann ich nach­hause, am Abend bin ich sehr schnell daheim und kann den See genies­sen.»

Im Som­mer liebt er es, am Mor­gen vor der Arbeit schnell in den See zu sprin­gen. Danach gehe man den Tag ganz anders an, schwärmt er. Sol­che Lebens­qua­li­tät würde er ver­mis­sen, müsste die Fami­lie von hier weg­zie­hen. «Für mich ist es immer noch meine Traum­woh­nung», schwärmt er. Eigent­lich sei es fast, wie in einem eige­nen, frei­ste­hen­den Hüsli: Musik hören oder mit­ten in der Nacht Wäsche waschen sei hier kein Pro­blem. Sie hät­ten coole Nach­barn, mit denen sie sich gut ver­stün­den.

Als sie vor 18 Jah­ren etwas Grös­se­res such­ten, sind sie durch ein Inse­rat auf die Woh­nung auf­merk­sam gewor­den – und haben sich auf der Stelle in sie ver­liebt. Der rege Ver­kehr in der See­vor­stadt habe sie nie gestört, sagt Mar­kus Neu­en­schwan­der. Im Gegen­teil: Wenn es Stau gebe, sei es beson­ders ruhig, weil die Autos dann nicht durch­bret­tern kön­nen, sagt er. Wirk­lich laut seien vor allem die Güter­züge, die das Haus zum Beben brin­gen, wenn sie über den Bahn­damm fah­ren. Aber auch daran hät­ten sie sich gewöhnt.

Wegen des ange­droh­ten Abbruchs, haben die Haus­be­sit­zer in den letz­ten Jah­ren nicht mehr gross in den Unter­halt inves­tiert. Das sei nicht wei­ter schlimm, fin­det Mar­kus Neu­en­schwan­der. Das Haus sei in sehr gutem Zustand. «Heute baut man wohl keine Häu­ser mehr, die hun­dert­jäh­rig wer­den – frü­her war das noch anders. Diese Lie­gen­schaft würde wohl noch lange leben, wenn man sie nur liesse», meint er.

Er weiss, dass es ver­schie­dene Ver­eine und Komi­tees gibt, die das aktu­elle A5-West­astpro­jekt bekämp­fen. Die 16jährige Toch­ter sei sehr enga­giert, habe auch gehol­fen, die gefähr­de­ten Bäume zu mar­kie­ren und würde die Fami­lie stets auf dem Lau­fen­den hal­ten, sagt Mar­kus Neu­en­schwan­der. Sel­ber habe ihn die Sache bis­her noch nicht so stark beschäf­tigt, dass er aktiv gewor­den wäre. Weil er das Gefühl hat, dass es ohne­hin noch lange dau­ert, bis etwas geschieht – wenn über­haupt.

«Die Pla­nung begann vor 45 Jah­ren», sagt er. «Man hat immer mal wie­der dar­über gele­sen und gehört – kon­kre­ter wurde es erst mit dem Bau des Ost­asts.» Er habe nie daran geglaubt, dass die­ser West­ast wirk­lich kommt. Heute jedoch ist er gespal­ten: Einer­seits bestehe die Mög­lich­keit, dass Bund und Kan­ton – so stur und starr­köp­fig wie sie seien – die gespro­che­nen Gel­der nun aus­ge­ben und das Pro­jekt durch­zie­hen wol­len. Ande­rer­seits bestehe die Hoff­nung, dass die Behör­den und Poli­ti­ker ver­nünf­tig genug seien, um zu mer­ken, dass es kein zeit­ge­mäs­ses Pro­jekt mehr sei. «Die Mobi­li­tät wird sich ver­än­dern, die Evo­lu­tion geht so schnell. Ich zweifle daran, dass es diese Auto­bahn in 15 Jah­ren noch braucht.»  

Die Mobi­li­tät werde sich total ver­än­dern, ist Mar­kus Neu­en­schwan­der über­zeugt. Zudem zeigt der Ost­ast bereits Wir­kung, so dass man sich fra­gen müsse, für was die­ser West­ast über­haupt noch gebaut wer­den soll.

Falls es ent­ge­gen jeg­li­cher Ver­nunft doch noch soweit kom­men sollte, dass die Bag­ger auf­fah­ren, wäre das frü­hes­tens in fünf bis sechs Jah­ren, rech­net Mar­kus Neu­en­schwan­der aus. Bis dann wären die Töch­ter aus­ge­flo­gen, so dass sich Manuela und Mar­kus eine klei­nere Bleibe suchen wür­den: «Käme die Auto­bahn, wür­den wir in eine länd­li­chere Gegend zie­hen, oder wenn ich noch im Spi­tal­zen­trum arbeite, eher in diese Rich­tung – vor­aus­ge­setzt, wir fin­den dort etwas, das wir bezah­len kön­nen.» Was er auf kei­nen Fall will: Wäh­rend der 15jährigen Bau­zeit in der Stadt woh­nen.  

Text: © Gabriela Neu­haus, Novem­ber 2017

 

EIN ROTER STERN IM QUAR­TIER

 

 

Fotos: © Anita Vozza, 2017

Die Fuss­bal­ler haben ihre Trai­nings bereits in die Hal­len ver­legt. Stür­mi­sche Herbst­winde fegen über Biel hin­weg, es nie­selt. Man würde den­ken, dass sich bei die­sem Wet­ter nie­mand vor die Türe wagt – aber auf dem Sport­platz Müh­le­feld geht es an die­sem letz­ten Okto­ber­sonn­tag noch ein­mal zur Sache, bevor der Rasen wäh­rend der kom­men­den Monate defi­ni­tiv der Win­ter­ruhe über­las­sen wird.

Ange­feu­ert von den Fans bestrei­tet die erste Mann­schaft des FC Étoile Bienne ihr letz­tes Heim­spiel vor der Win­ter­pause gegen den FC Bol­li­gen, gefolgt von den Junio­ren der Coca-Cola League, deren Geg­ner aus Worb ange­reist sind.

Neu­er­dings begrüsst eine grosse Bla­che mit der Auf­schrift «Bien­ve­nue au Stade du Müh­le­feld» und dem roten Stern des FC Étoile die Besu­che­rIn­nen. In der Luft hängt ver­lo­cken­der Grill­duft. Nebst den obli­ga­ten Brat­würs­ten gibt es in der frisch reno­vier­ten Buvette wei­tere Lecke­reien wie Pom­mes Fri­tes oder Kaf­fee. Die Gäste wis­sen es zu schät­zen und blei­ben auch nach dem Spiel noch auf einen Hap­pen und einen Schwatz.

«Es gibt wie­der Leben im Club», freut sich René Kohli. «Man kennt sich, tauscht sich aus – über Emo­tio­nen und Frus­tra­tio­nen. So, wie es sein sollte – und wie es frü­her ein­mal war.» Event­ma­na­ger Kohli trai­niert die F-Junio­ren und ist Mit­glied des 10köpfigen Teams, das im Som­mer ein­ge­sprun­gen ist, als die Zukunft des Ver­eins auf Mes­sers Schneide stand.

Dies, nach­dem die Sekre­tä­rin des Clubs in der Gra­tis­zei­tung Biel/Bienne einen Not­ruf lan­ciert hatte: Der Vor­stand bestehe gerade noch aus zwei Akti­ven, ihr und dem Kas­sier. Es sei schwie­rig, Frei­wil­lige zu fin­den, um den Tra­di­ti­ons­club wei­ter­zu­füh­ren, sagte sie im Inter­view. Wor­auf sich eine Gruppe Étoile-Anhän­ge­rIn­nen zusam­men­tat, um ihren Quar­tier­ver­ein 50 Jahre nach des­sen Grün­dung zu ret­ten.

Beim FC Étoile enga­gie­ren sich aktu­ell 20 frei­wil­lige Trai­ne­rIn­nen, die rund 150 Kin­dern und Jugend­li­chen pro­fes­sio­nel­len Fuss­ball­un­ter­richt anbie­ten. Die Nach­frage ist gross, momen­tan besteht sogar eine War­te­liste. Die meis­ten jugend­li­chen Fuss­bal­le­rIn­nen woh­nen in der Nähe des Sport­plat­zes Müh­le­feld, wo im Som­mer die Trai­nings und die Heim­spiele statt­fin­den. Ins­be­son­dere für die jün­ge­ren Spie­le­rIn­nen sei es wich­tig, den Fuss­ball­platz in der Nähe zu haben, so dass sie selbst­stän­dig, zu Fuss ins Trai­ning und wie­der nach Hause kön­nen, betont Kohli.

Nicht ohne Stolz weist er dar­auf hin, dass der Club bei der Ent­de­ckung und Aus­bil­dung jun­ger Fuss­ball­ta­lente eine wich­tige Rolle spiele. So begann zum Bei­spiel die Fuss­ball­kar­riere des Natio­nal­spie­lers François Affol­ter, der im Som­mer in die USA wech­selte, beim FC Étoile. Der Club sei eine wich­tige Aus­bil­dungs­stätte – Biel gehöre schweiz­weit zu den wich­tigs­ten Reser­voirs von Nach­wuchs­spie­lern, sagt Kohli. Gleich­zei­tig über­nehme der Club aber auch eine wich­tige soziale Funk­tion, als Ort der Inte­gra­tion für Kin­der und Jugend­li­che.

Wie bei sei­ner Grün­dung, ver­steht sich der FC Étoile auch heute als Quar­tier­ver­ein. Im Lauf der Zeit haben sich die umlie­gen­den Quar­tiere aller­dings stark ver­än­dert: Im Müh­le­feld- und vor allem im Weid­tei­le­quar­tier leben viele Men­schen aus ver­schie­dens­ten Welt­re­gio­nen und Kul­tu­ren, ins­be­son­dere auch viele Asyl­be­wer­be­rIn­nen und Flücht­linge. – Von den ins­ge­samt 24 sie­ben- bis neun­jäh­ri­gen F-Junio­ren, die René Kohli trai­niert, haben gerade mal vier einen Schwei­zer Pass. Die Fami­lien der meis­ten Kin­der und Jugend­li­chen kom­men aus Nord­afrika, Afrika oder dem Bal­kan.

Kohli erzählt von einem Buben aus Syrien, der anfäng­lich sehr scheu war und auf­grund der schwie­ri­gen Situa­tion – die Fami­lie wurde durch die Flucht getrennt – auch immer sehr nie­der­ge­schla­gen gewe­sen sei. Zudem hatte er sprach­lich Mühe, konnte sich anfäng­lich auf Fran­zö­sisch oder Deutsch kaum ver­stän­di­gen. Beim Fuss­ball­trai­ning spielt das jedoch eine unter­ge­ord­nete Rolle: «Er konnte sich aus­le­ben und hat sich gut inte­griert. In der Mann­schaft ist er rich­tig auf­ge­gan­gen – sport­lich und als Mensch. Das hat auch Aus­wir­kun­gen auf die Schule», freut sich der Trai­ner.

Der Ver­ein sei ein Mul­ti­kulti-Ort im guten Sinn, betont Vio­leta Bocevska, die sich eben­falls im neuen Vor­stand des FC Étoile enga­giert. «Dank der Inte­gra­tion der Kin­der in den Club ent­steht auch Kon­takt zu den Eltern, die oft sehr scheu sind und sonst kaum den Zugang zum hie­si­gen Leben fin­den.»

Doch nicht allein das Trai­nings­an­ge­bot des FC Étoile ist für das Quar­tier von Bedeu­tung, son­dern auch der Sport­platz als sol­cher, mit ange­glie­der­tem Spiel­platz. An freien Tagen sei hier immer Hoch­be­trieb, sagt Vio­leta Bocevska, die gleich nebenan wohnt. «Wenn das Tor abge­schlos­sen ist, klet­tern sie ein­fach über die Abschran­kung. Viele Kin­der und Jugend­li­che haben nur die­sen Frei­zeit­ort!» gibt sie zu beden­ken.

Umso schlim­mer, dass auch der Müh­le­feld-Sport­platz der A5-Westastau­to­bahn geop­fert wer­den soll: Würde das aktu­elle Pro­jekt umge­setzt, wäre im Quar­tier zumin­dest für meh­rere Jahre fer­tig mit Spiel- und Sport­platz. «Die Stadt müsste uns einen Ersatz anbie­ten», sagt René Kohli. Aller­dings habe man bis­her von den Behör­den keine ent­spre­chen­den Ange­bote erhal­ten.

«Wir wis­sen nicht, ob und wie es wei­ter­ge­hen würde», sagt Vio­leta Bocevska. Es brau­che einen Platz im Quar­tier, weil die Klei­nen nicht quer durch die Stadt ins Trai­ning kön­nen, und weil der Sport­platz dort­hin gehöre, wo die Men­schen leben: «Würde der Sport­platz Müh­le­feld der Bau­stelle geop­fert, wäre das nicht nur ein Ver­lust für den Ver­ein, son­dern für die ganze Stadt. Auch im sozia­len Bereich!»

So las­sen sich die Ver­ant­wort­li­chen des FC Étoile denn auch ihre Auf­bruch­stim­mung nicht von den Auto­bahn­plä­nen ver­mie­sen. Im kom­men­den Früh­ling, mit dem Start der Rück­runde, soll der Platz noch stär­ker als bis­her zum Quar­tier­zen­trum wer­den: Die Buvette wird ab März 2018 nicht nur wäh­rend der Spiele des FC Étoile geöff­net sein, son­dern auch unter der Woche Geränke und Snacks anbie­ten. Und im Mai plant der Fuss­ball­club, zusam­men mit dem Müh­le­feld­leist, ein gros­ses Quar­tier­fest.

Zudem soll das «Sta­dion Müh­le­feld» end­lich auch beschrif­tet wer­den. «Dazu gibt es eine lus­tige Geschichte», lacht Kohli. «Als die neuen Kühl­schränke für die Buvette gelie­fert wur­den, rief mich der Chauf­feur an und sagte: Mein Navi fin­det nur Müh­le­berg, kein Müh­le­feld… Wor­auf ich erwi­derte: Uns reicht die ange­drohte Auto­bahn, da brau­chen wir nicht auch noch Cäsium…»

Damit sich sol­che Ver­wir­run­gen künf­tig nicht wie­der­ho­len, wurde nun die Signa­li­sa­tion von bei­den Zufahrts­stras­sen her in die Wege gelei­tet.

Text: © Gabriela Neu­haus, Okto­ber 2017