GEHEGTE WILD­NISGESCHÜTZT UND GEFÄHR­DET

 

Wilde Reben klet­tern die Haus­wand hoch, bis unters Dach der ehe­ma­li­gen Direk­to­ren­villa an der Gurn­igel­strasse 50. Sie ver­ra­ten, dass hier Men­schen mit einem Herz für Pflan­zen und Tiere leben. Im gros­sen Gar­ten hin­ter dem Haus, der sich bis zum Gleis des Täuf­fe­len­bähn­lis aus­dehnt, wuchert denn auch eine üppige Pflan­zen­viel­falt. Alt­ehr­wür­dige Bäume, Sträu­cher und Büsche, fast ein klei­ner Wald, dazwi­schen Blu­men in allen Regen­bo­gen­far­ben, wür­zig rie­chende Kräu­ter, Gemüse. Mit­ten in die­sem klei­nen Para­dies ein Bio­top mit Was­ser­ro­sen, das auch viele Tiere anzieht.

Drei Bäume in die­sem Natur-Gesamt­kunst­werk ste­hen gar unter Schutz – im Zonen­plan der Stadt Nidau sind sie spe­zi­ell erwähnt.

Bloss: Wel­che drei? – Mar­grit Schöbi und Leo Hor­la­cher wis­sen es nicht. Ihnen gehört die Hälfte der Lie­gen­schaft und des Gar­tens, sie haben das Bio­top ange­legt, als sie 1994 ein­ge­zo­gen sind. Damals stan­den besagte Bäume längst unter Schutz – der Nidauer Zonen­plan stammt von 1978…

Erst kürz­lich auf den Hin­weis gestos­sen, möch­ten die Besit­zer natür­lich wis­sen, wel­che ihrer Bäume beson­de­ren Schutz genies­sen, und was das genau bedeu­tet. Die Nach­frage bei den Stadt­be­hör­den stösst auf freund­li­ches Echo – noch vor dem Wochen­ende der offe­nen Gär­ten sol­len die Fra­gen geklärt sein.

Nur ein Orts­ter­min kann Klar­heit schaf­fen. Also begibt sich eine Dreier­de­le­ga­tion, bestehend aus Fran­ziska Brat­schi, Bereichs­lei­te­rin Bau sowie Werk­hof­chef Mar­tin Cina und Stadt­gärt­ner Ricardo Binto zu Hor­la­chers Gar­ten .

Als ers­tes wer­den sie von Leo Hor­la­cher auf den Bal­kon im ers­ten Stock geführt, von dort hat man die beste Über­sicht. Rechterhand ragt schlank eine kana­di­sche Hem­lock­tanne in den Him­mel. Deren Vor­fah­ren wur­den 1730 in Europa ein­ge­führt und haben sich vor allem im Mit­tel­meer­raum aus­ge­brei­tet, weiss Gärt­ner Ricardo Binto. Das Exem­plar in Hor­la­chers Gar­ten wurde ver­mut­lich 1936 gepflanzt, als das Haus gebaut und der Park ange­legt wurde. Ist sie eine der drei geschütz­ten Bäume?

Das Auge schweift wei­ter, über den Gar­ten­sitz­platz, das Bio­top – ins grüne Dickicht, das den Gar­ten vom BTI-Trasse abschirmt. Dort, hart am Gleis, zieht ein mäch­ti­ger Nuss­baum mit aus­la­den­den Ästen die Auf­merk­sam­keit der Besu­che­rIn­nen auf sich. Es gebe auch noch eine 150jährige Hasel sowie die Über­reste von Bäu­men, die gefällt wor­den sind, wirft Leo Hor­la­cher ein.

Über eine ele­gante Wen­del­treppe erreicht die kleine Gruppe den Gar­ten; es ist Zeit, das Ganze aus der Nähe zu begut­ach­ten. Wenn ein Baum auf einem pri­va­ten Grund­stück unter Schutz stehe, erklärt Fran­ziska Brat­schi, brau­che es fürs Fäl­len eine Bewil­li­gung von der Gemeinde – und man müsse einen Ersatz­baum pflan­zen.

Gleich neben der Hem­lock­tanne fin­den die Fach­leute die Über­reste von zwei wei­te­ren Bäu­men, die einst wohl hoch in den Him­mel rag­ten. Der eine Baum­strunk ist bereits stark ver­wit­tert, nicht ein­mal der Gärt­ner kann mit Sicher­heit sagen, was für ein Baum hier einst stand.

Nebenan, auf einem zwei Meter hohen Stamm­rest mit ein­drück­li­cher Rinde, wuchert Efeu. Das müsse ein ame­ri­ka­ni­scher Mam­mut­baum gewe­sen sein, mut­masst Mar­tin Cina. Diese hät­ten eine extra dicke Rinde, um den Wald­brän­den zu wider­ste­hen.

Gegen die Motor­säge konnte sie den Baum aller­dings nicht schüt­zen: Er wurde 2008 auf Geheiss des Tief­bau­amts des Kan­tons Bern aus Sicher­heits­grün­den gefällt, nach­dem ein gros­ser Ast abge­bro­chen war, erin­nert sich Leo Hor­la­cher. – Stand die­ser Baum unter Schutz? Falls ja, hätte aller­dings ein Ersatz­baum an sei­ner Stelle gepflanzt wer­den müs­sen, was aber offen­bar unter­las­sen wurde…

Den Raum, der durch das Fäl­len der Bäume neben der Hem­lock­tanne ent­stan­den ist, haben trotz­dem längst andere Pflan­zen erobert. Beson­ders schön ist der japa­ni­sche Kirsch­baum, der aber von wild wuchern­den Holun­der- und Hasel­sträu­chern bedrängt wird. Bevor sie ihren Rund­gang fort­set­zen, raten die Exper­ten dem Gar­ten­be­sit­zer Hor­la­cher, dem Kirsch­baum ein wenig Raum zu ver­schaf­fen und die schnell wach­sen­den Büsche in Zaum zu hal­ten…

Wei­ter geht’s über den Gar­ten­weg – der kleine Lor­beer­strauch und der reich behängte Kla­ra­baum gehö­ren – trotz ihres Charmes und Nut­zens – defi­ni­tiv nicht zu den auf dem Zonen­plan ein­ge­tra­ge­nen geschütz­ten Bäu­men. Viel­leicht aber die alte Hasel am äus­sers­ten Ende des Grund­stücks?

Die dicken Ruten spre­chen für die Ver­mu­tung, dass die­ser Strauch über 150 Jahre alt sein könnte und hier bereits den Weg­rand säumte, als das Müh­le­feld tat­säch­lich noch ein Feld war. «Viel­leicht steht die­ser Hasel­strauch unter Schutz?»,  wirft Leo Hor­la­cher ein. Doch die Fach­leute schüt­teln den Kopf: Haseln sind weit ver­brei­tet und wach­sen viel zu schnell – sie genies­sen kei­nen beson­de­ren Schutz, lau­tet die Aus­kunft.

Bleibt der impo­sante Nuss­baum mit sei­nem Schat­ten spen­den­den Blät­ter­dach. Der Baum­stamm ist über­wu­chert von Efeu – der Blick in die Höhe ver­fängt sich im grü­nen Geäst. Auch er dürfte ein his­to­ri­sches Alter haben. Viel­leicht sei er gar älter als jene im Schloss­park, mut­masst der Gärt­ner und Werk­hof­chef Mar­tin Cina ergänzt: «Wir haben nicht man­chen so schö­nen Nuss­baum auf unse­rem Gemein­de­ge­biet.» Auch wenn offen bleibt, ob er einer der drei geschütz­ten Bäume ist oder nicht – erhal­tens­wert sei die­ser statt­li­che Baum auf alle Fälle, sagt Cina.

Nach ein­stün­di­ger Bege­hung des Gar­tens und viel Fach­sim­peln, Dis­ku­tie­ren und Schwär­men bleibt unklar, wel­che drei Bäume im Zonen­plan gemeint sind – und ob sie alle noch ste­hen. Und irgend­wie ist es auch egal: Diese grüne Oase ist ein Gesamt­kunst­werk – und als sol­ches hegens- und erhal­tens­wert.

Auf die ange­reg­ten Gesprä­che fol­gen dann aller­dings betre­te­nes Schwei­gen und lange Gesich­ter, als Leo Hor­la­cher auf den Mar­kie­rungs­pfos­ten in der Mitte des Gar­tens ver­weist. Er erin­nert daran, dass genau hier das Tun­nel­por­tal für den A5-West­ast gebaut wer­den soll. Dass die­ser ein­ma­lige Gar­ten, über des­sen Zukunft sie gerade noch so eif­rig dis­ku­tiert hat­ten, der geplan­ten Auto­bahn wei­chen und buch­stäb­lich in einem tie­fen Loch ver­schwin­den soll. – Nein, das hat­ten die Gemein­de­ver­tre­ter nicht gewusst…

Text: © Gabriela Neu­haus


 

GES­TERN GAST­HAUSHEUTE WOHN­HAUSMOR­GEN ABBRUCH­HAUS?

 

GES­TERN GAST­HAUSHEUTE WOHN­HAUSMOR­GEN ABBRUCH­HAUS?

Das statt­li­che Gebäude, gleich lin­ker Hand, wenn man vom See her kommt, ver­steckt sich hin­ter dem Bahn­damm und alt­ehr­wür­di­gen Bäu­men. Das war nicht immer so: Vor gut zwei­hun­dert Jah­ren, als es gebaut wurde, lag das dama­lige Wirts­haus direkt am Was­ser. Mit Boots­an­le­ge­stelle und einem «Bad­hüsi». Laut Über­lie­fe­rung extra gebaut für die Frau des Bau­herrn, die es liebte, im See zu baden…

Im Inven­tar der kan­to­nal­ber­ni­schen Denk­mal­pflege figu­riert das erhal­tens­werte Gebäude als «ehe­ma­li­ger Gast­hof mit Bad­wirt­schaft, zum Schiff’» – Bau­jahr 1814. Die Jura­ge­wäs­ser­kor­rek­tion und der Bau der Eisen­bahn Mitte des 19. Jahr­hun­derts rück­ten das Gast­haus vom See weg. Es wurde mehr­fach umge­baut und beher­bergt seit 1892 nur noch Woh­nun­gen.

alle Fotos © 2017 Anita Vozza

«5-Zim­mer­woh­nung in Biel West, Blick ins Grüne – so stand es im Inse­rat», erin­nert sich Regula Walt­her. Vor 17 Jah­ren ist sie hier ein­ge­zo­gen. Damals absol­vierte sie eine künst­le­ri­sche Aus­bil­dung in Male­rei. Ihr Traum: Eine WG an einem Ort, wo sie auch ihr Ate­lier ein­rich­ten konnte. Die geräu­mige Par­terre-Woh­nung, umge­ben von einem regel­rech­ten Park, war ein Glücks­fall. Das alte Haus, mit sei­nen dicken, geschichts­träch­ti­gen Mau­ern und der Blick ins Grüne hät­ten sie von Anfang an fas­zi­niert, sagt die Künst­le­rin. Die­sen Blick ins Grüne, fügt sie an, geniesse sie bis heute jeden Tag.

«Genial an die­ser Woh­nung ist, dass sie sich mei­nen Lebens­si­tua­tio­nen immer wie­der ange­passt hat» schwärmt Regula Walt­her. Als sie ihren Mann ken­nen lernte, sei die Zeit der WG vor­bei gewe­sen und sie habe den vie­len lee­ren Platz in ihrer Woh­nung für eine Aus­stel­lung genutzt. «Die Leute hat­ten das Gefühl, sie seien in einer Gale­rie.»  

Für ihre neue Liebe wäre Regula bereit gewe­sen, die Woh­nung auf­zu­ge­ben. Trotz­dem fragte sie ihren dama­li­gen Freund und heu­ti­gen Mann, ob er es sich vor­stel­len könnte, hier ein­zu­zie­hen. Und siehe da: Offen­bar hatte sich Ismaelino nicht nur in die Frau ver­liebt, son­dern auch in das 200 Jahre alte Haus. So wurde aus der WG- und Aus­stel­lungs­woh­nung eine Paar- und bald ein­mal auch eine Fami­li­en­woh­nung.  

An die­sem son­ni­gen Früh­som­mer­tag sitzt Regula mit den bei­den Buben Eli-Rafael und Felipe-Moe vor dem Ate­lier-Fens­ter im Halb­schat­ten. Der Kleine schläft im Wagen, wäh­rend sein älte­rer Bru­der damit beschäf­tigt ist, den Kies vom Gar­ten­weg mit einer Schau­fel auf sei­nen Plas­tik­trak­tor zu laden.

Damit kommt er den Stras­sen­bau­ern zuvor, die just hier eine zehn Meter tiefe, offene Schneise für die A5-Westastau­to­bahn gra­ben wol­len. Dabei liegt der Park der Lie­gen­schaft See­vor­stadt 5–7 nicht nur in unmit­tel­ba­rer Nähe des Natur­schutz­ge­biets Fels­eck, son­dern figu­riert sel­ber auf der Liste his­to­ri­scher Gär­ten und Anla­gen der Schweiz. Spe­zi­ell erwähnt sind meh­rere schöne Ein­zel­bäume, nament­lich eine alte Robi­nie und eine Ross­kas­ta­nie. Ein beson­de­rer Ort ist aber auch der Platz unter dem gros­sen Nuss­baum, der Gross und Klein zum Ver­wei­len ein­lädt.

Wäh­rend wir uns unter­hal­ten, fliegt ein Enten­paar her­bei und macht es sich im saf­ti­gen Gras bequem. «Wir sehen hier auch Dachse, Füchse – Rehe kom­men auf Besuch», erzählt Regula Walt­her. Die Tiere las­sen sich von den Zügen, die in unmit­tel­ba­rer Nähe über den Bahn­damm pas­sie­ren, nicht stö­ren. Genauso wenig wie die Men­schen. «Die Züge haben uns nie gestört. Die Strasse sehen wir nicht ein­mal und hören sie auch kaum, weil sie etwas tie­fer liegt. – Drin­nen ist es sowieso ruhig, weil die dicken Mau­ern bes­tens iso­lie­ren», ant­wor­tet Regula Walt­her auf die Frage, wie sie mit dem viel­zi­tier­ten Ver­kehrs­lärm zurecht­komme.

Die Woh­nungs­be­sich­ti­gung begin­nen wir im hel­len, geräu­mi­gen Ate­lier, in das wir vom Gar­ten her durch’s hohe Fens­ter, ein­stei­gen. Ein gros­ser, luf­ti­ger Raum – über­all ste­hen Bil­der bereit für die nächste Aus­stel­lung.* Im Som­mer bleibe es hier immer ange­nehm kühl, erzählt Regula Walt­her. Im Innern des Hau­ses steige die Tem­pe­ra­tur nie über 24 Grad.

Die Kehr­seite der Medaille: Auch in der kal­ten Jah­res­zeit bleibt es kühl, zwi­schen den dicken Mau­ern. Das Ate­lier, ein rund hun­dert­jäh­ri­ger Anbau, ist schlecht iso­liert. Im Win­ter trage sie immer einen dicken Faser­pelz, wenn sie hier am Malen sei, sagt Regula Walt­her. Lei­der sei auch der Rest der Woh­nung schwer zu hei­zen, was nicht ideal sei, für die Kin­der. Ange­sichts des dro­hen­den Abbruchs lohnt es sich aller­dings nicht, noch gross in das Haus zu inves­tie­ren…

Immer­hin: Vor zwei Jah­ren hat der Haus­ei­gen­tü­mer die Inbe­trieb­nahme des rie­si­gen, wun­der­schö­nen Kachel­ofens, der wäh­rend Jahr­zehn­ten nicht mehr in Gebrauch war, finan­ziert. Schon des­sen blos­ser Anblick strahlt Wärme aus – wie gemüt­lich und warm muss es auf dem Ofen­bänk­lein erst sein, wenn er ein­ge­heizt ist!

Das Pracht­stück ziert heute das geräu­mige Wohn­zim­mer der Fami­lie Walt­her. Der schöne Raum mit Eichen­par­kett diente vor 200 Jah­ren wahr­schein­lich als Gast­stube. Was die Wände wohl für Geschich­ten erzäh­len könn­ten?

Diese Frage geht der Besu­che­rin auch bei der Besich­ti­gung des schön reno­vier­ten Trep­pen­hau­ses nicht aus dem Kopf, wo ein Teil der ori­gi­na­len Kon­struk­tion ans Tages­licht geholt und zu neuem Leben erweckt wurde. Uner­träg­lich, die Vor­stel­lung, dass die­ses stolze Mau­er­werk einer unnö­ti­gen Auto­bahn­rampe wei­chen soll!

«Ich finde es völ­lig unlo­gisch» sagt Regula Walt­her, «dass auf so kur­zer Distanz zwei vier­spu­rige Auto­bahn­an­schlüsse geplant sind, und die Natio­nal­strasse durch die Stadt zwei Spu­ren pro Rich­tung auf­weist wäh­rend die Stras­sen im Vor- und Nach­lauf ein­spu­rig blei­ben.»

Die Künst­le­rin und Mar­ke­ting­fach­frau mit Spe­zi­al­ge­biet Inno­va­tion stellt das geplante Pro­jekt grund­sätz­lich in Frage: «Es geht um die Frage, wie sich die Stadt posi­tio­nie­ren will. – Man hat den Inno­va­ti­ons­cam­pus nach Biel geholt. Das bedeu­tet, hier sol­len bahn­bre­chende Neu­ig­kei­ten ent­ste­hen! – Bei der Lösung der Ver­kehrs­pro­bleme wer­den Ent­scheide für die Zukunft getrof­fen, es geht um lange Zeit­ho­ri­zonte. Die Mobi­li­tät wird sich ver­än­dern; die Digi­ta­li­sie­rung durch­dringt zuneh­mend alle Lebens­be­rei­che, diese Trends wer­den wei­ter gehen. Gewohn­hei­ten und Ver­hal­ten ver­än­dern sich nicht kurz­fris­tig… Aber man stellt Wei­chen.»

Auch als Fami­lie müs­sen Regula Walt­her und ihre drei Män­ner mit­tel­fris­tig ihre Wei­chen stel­len. Eigent­lich wür­den sie am liebs­ten blei­ben, nicht daran den­ken, dass ihr Daheim vom Abbruch bedroht ist und sie ver­trie­ben wer­den.

Wie schon ihre Vor­mie­ter, pflegt Regula Walt­her die üppi­gen Rosen im Gar­ten mit Hin­gabe. Ein­zig der neu hin­zu­ge­kom­mene Rosen­stock, ein Hoch­zeits­ge­schenk, weist dar­auf hin, dass sie damit rech­net, eines Tages hier fort­zu­müs­sen: Sie hat ihn bis heute nicht in ein Gar­ten­beet ver­pflanzt, son­dern im Ton­topf belas­sen – bereit, für einen all­fäl­li­gen Umzug.

«Wenn die Kin­der in die Schule kom­men, brau­chen wir als Fami­lie einen Ort, wo wir blei­ben kön­nen», sagt Regula Walt­her. Einen Ersatz zu fin­den, eine ver­gleich­bare Oase, so ideal gele­gen wie hier, in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Strand­bo­den, zur Alt­stadt, zum Bahn­hof – das dürfte schwie­rig sein.

Text: © Gabriela Neu­haus, Juni 2017

* «Schich­ten und Schüt­tun­gen», vom 14. Juni bis 2. Juli 2017 im Espace 38 am Obe­ren Quai in Biel


 

 

 

DER SCHRIFT­STEL­LER JÖRG STEI­NER UND DER WEST­AST

 

Vor zwan­zig Jah­ren ver­ab­schie­dete der Bun­des­rat das Gene­relle Pro­jekt für den Ost­ast der A5-Auto­bahn in Biel. Das dama­lige Pro­jekt für den West­ast hin­ge­gen wurde zurück­ge­wie­sen. Zu teuer, zu mas­sive Ein­griffe in die städ­ti­sche Grün­zone und Zusatz­kos­ten von rund einer Mil­li­arde Fran­ken infolge wei­te­rer Tun­nel­be­geh­ren am Nord­ufer des Bie­ler­sees, lau­tete die Begrün­dung.

Statt einer Frei­gabe für die Erar­bei­tung des Aus­füh­rungs­pro­jekts, ord­nete der damals zustän­dige Bun­des­rat Moritz Leu­en­ber­ger eine Mach­bar­keits­stu­die für Alter­na­ti­ven zum vor­lie­gen­den West­ast-Pro­jekt an. Die Pla­ner soll­ten 1997 noch ein­mal über die Bücher und prü­fen, ob eine Schnell­strasse durchs See­land, über Thielle, nicht güns­ti­ger und weni­ger zer­stö­rend wäre, als die Lini­en­füh­rung der A5 ent­lang dem Bie­ler­see-Nord­ufer, durch die Win­zer­dör­fer.

Die nahe­lie­gende Idee einer See­landt­an­gente, anstelle der Durch­que­rung des dicht bebau­ten Stadt­ge­biets, war frü­her schon an poli­ti­schen Inter­es­sen­kon­flik­ten geschei­tert. Der Vor­stoss von Bun­des­rat Leu­en­ber­ger hatte es ent­spre­chend schwer: Die dama­lige kan­to­nal­ber­ni­sche Bau­di­rek­to­rin Dora Schaer sowie der Bie­ler Stadt­prä­si­dent Hans Stöckli, der Pla­nungs­ver­band Biel-See­land und die meis­ten invol­vier­ten Gemein­de­prä­si­den­ten wider­setz­ten sich der Idee einer See­landt­an­gente.

Die weni­gen Gemein­de­po­li­ti­ker vom Bie­ler­see-Nord­ufer, die den bun­des­rät­li­chen Vor­stoss begrüss­ten, waren in der Min­der­heit und konn­ten sich kein Gehör ver­schaf­fen. Dem­ge­gen­über erhoff­ten sich die Bie­ler und Nidauer Behör­den 1997 von den geplan­ten Stadt­an­schlüs­sen der Auto­bahn wirt­schaft­li­chen Auf­schwung und die Lösung von haus­ge­mach­ten Ver­kehrs­pro­ble­men. Ent­spre­chend mach­ten sie Druck, dass der West­ast mög­lichst bald umge­setzt und die Pla­nung nicht noch ein­mal neu auf­ge­rollt wer­den solle.

Es gab aber auch andere Stim­men. Der Bie­ler Schrift­stel­ler Jörg Stei­ner beglück­wünschte Bun­des­rat Leu­en­ber­ger in einem Brief, den er dem Depar­te­ments­vor­ste­her schickte, für den «muti­gen Ent­scheid, neue Varia­tio­nen zu der geplan­ten Umfah­rung der Stadt Biel zu ver­lan­gen.» Weil die Lini­en­füh­rung mit dem Halb­an­schluss in der See­vor­stadt völ­lig unhalt­bar sei.

Auch Bau­di­rek­to­rin Schaer und Stadt­prä­si­dent Stöckli könn­ten das wis­sen, fährt Jörg Stei­ner fort. Diese zögen es aber vor, Sach­zwän­gen nach­zu­ge­ben, die sie einer­seits vor­ge­fun­den, ande­rer­seits selbst geschaf­fen hät­ten.

«Ihr (Anm: gemeint ist Moritz Leu­en­ber­gers) Wider­stand gegen die­sen Anpas­sungs­druck ist wich­tig, und nicht nur ich bin Ihnen dank­bar dafür», fährt Jörg Stei­ner fort. «Es ist ein Wider­stand der Ver­nunft gegen die nor­ma­tive Kraft des Klein­muts, der sich hier immer wie­der zu Ange­be­rei und Akti­vis­mus um jeden Preis ver­wan­delt. Ihr Wider­stand schafft Zeit, noch­mals über einen mög­li­chen West­an­schluss der Region nach­zu­den­ken.»

Diese Hoff­nung zer­schlug sich jedoch bald. Zu gross war der Wider­stand, nicht nur der regio­na­len Behör­den und Poli­ti­ker, son­dern auch aus dem Bun­des­amt für Stras­sen. Die Tech­no­kra­ten woll­ten an der Biel-durch­que­ren­den West­ast-Vari­ante und der wei­te­ren Ver­bau­ung des Nord­ufers fest­hal­ten. Zwar wurde, auf­grund der bun­des­rät­li­chen Inter­ven­tion, der Anschluss in der See­vor­stadt etwas redi­men­sio­niert. Doch die grund­le­gen­den Pro­bleme, die stadt­be­schä­di­gende Lini­en­füh­rung und deren land­schaft­zer­stö­rende Fort­set­zung ent­lang dem Bie­ler­see-Nord­ufer, sind heute genauso viru­lent wie damals.

Genau wie damals steht auch heute der Charme der Hei­mat­stadt von Jörg Stei­ner auf dem Spiel. Die Stadt am Jurasüd­fuss, die er so geliebt hat. Sein Schluss­satz an Bun­des­rat Leu­en­ber­ger ist heute genauso wahr wie damals: «Wis­sen Sie, ich mag diese Stadt am Rande des Ver­ges­sens und der Ströme von Men­schen, Ver­kehr und Geld. Der phan­ta­sie­lose Wunsch, sie zu einer Metro­pole zu machen, ist ebenso lächer­lich wie unklug. Ja, ein wenig her­un­ter­ge­kom­men ist sie -, und gerade darum leben­dig und lie­bens­wert: das macht sie grös­ser als sie eigent­lich ist; grös­ser und welt­hal­ti­ger.» *

Text: © Gabriela Neu­haus

*Quelle: Schwei­ze­ri­sches Lite­ra­tur­ar­chiv, Bern